33 Frauen, die eines eint: Die Nationalsozialisten haben sie diskriminiert und verfolgt. Die Kunsthistorikerin Ingrid von der Dollen, Fachfrau für die Kunst des Expressiven Realismus, hat ihnen den Bildband „Die verfemten Malerinnen des 20. Jahrhunderts“ gewidmet. Viele von ihnen waren beinahe für immer vergessen.
Die Wiederentdeckung von Else L. Wolff etwa verdankt sich nur einem Zufall. 2017 fand Joseph Hierling ein Gemälde von ihr in einem Berliner Auktionshaus. Ein üppiges, farbenprächtiges Stillleben mit Äpfeln, Trauben, Birnen, großzügig mit Kanne und Topf auf bunten Stoffen arrangiert. Er kannte die Malerin nicht. Doch das Spiel mit den Perspektiven gefiel dem Tutzinger Kunstsammler so gut, dass er das Gemälde für seine Kollektion kaufte.
Hierling sammelt seit mehr als 50 Jahren Künstler des Expressiven Realismus, also Werke jener Maler, die meist Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden und oft in den 1920er-Jahren ihre künstlerische Ausbildung abschlossen. Von Else L. Wolff wusste er nur, dass sie 1917 auf einer Ausstellung jüdischer Künstler in Berlin vertreten war. Mehr nicht.
Hierling zeigte seine Neuerwerbung in einer Ausstellung in Leipzig. Bald darauf erhielt er Post von einem Berliner Historiker, der das Bild dort gesehen hatte. Er wohne in dem Haus, in dem einst Else L. Wolff gelebt habe, teilte er dem Kunstsammler mit. Und er schreibe gerade ein Buch über die ehemaligen, überwiegend jüdischen Bewohner dieses Gebäudes.
Die Malerin und ihr Mann, der Grafiker und Karikaturist Fritz Wolff, hatten in Berlin der Künstlergruppe „Die Abstrakten“ angehört und waren mit Else Lasker-Schüler eng befreundet gewesen. Schon am 1. März 1933 flüchtete das Paar nach Paris. Als die Nazis 1940 die Stadt besetzten, war Fritz Wolff schon tot und Else untergetaucht. Sie hat überlebt – so weiß es jedenfalls der Stolperstein vor dem Haus in der Mommsenstraße 6. Doch ihr weiteres Schicksal ist bislang ebenso unbekannt wie ihr Geburtsdatum.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, starteten die meisten der 33 im Bildband von Ingrid von der Dollen vorgestellten Künstlerinnen ihre beachtlichen Karrieren während der Weimarer Republik. Die Gesellschaft stand Künstlerinnen damals vergleichsweise offen gegenüber. Es waren die „goldenen Zeiten“, so von der Dollen, für die Malerinnen. In wirtschaftlicher Hinsicht galt das freilich nicht.

Die stilistische Palette im Bildband ist breit. Die Künstlerinnen, beeinflusst unter anderem von Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus oder Neuer Sachlichkeit, suchten und fanden ihren eigenen individuellen Stil. Trotz aller Unterschiede zeichnet sich eine Gemeinsamkeit ab: Ihre Karrieren wurden jäh durch die Diktatur der Nazis beendet.
Erschütternd, wie viele der Frauen ermordet wurden. Alice Michaelis beispielsweise, eine damals hochgeschätzte, traditionell arbeitende jüdische Künstlerin, starb 1942 im KZ Theresienstadt. Oder Felka Platek, die großartige Stillleben schuf: Sie kam 1944 in Auschwitz um, war verraten worden, nachdem sie mit ihrem Mann, dem Maler Felix Nußbaum, lange Zeit versteckt in Brüssel überlebt hatte. Auch das Leben von Käthe Loewenthal, von der sich nur einige Ölgemälde und eine Mappe mit 250 Pastellen erhalten haben, endete gewaltsam. Vermutlich wurde sie im Transitghetto Izbica (Polen) erschossen.
Grausam das Schicksal von Dora Bromberger: Die Bremerin, Tochter liberaler Juden, arbeitete in der Zwischenkriegszeit freischaffend in München. Die rege Ausstellungstätigkeit endete 1933 jäh, sie kehrte nach Bremen ins Haus ihrer Eltern zurück. Am 18. November 1941 wurde sie abgeholt, ins Ghetto nach Minsk verfrachtet und dort am 28. oder 29. Juli 1942 ermordet, gemeinsam mit 10 000 anderen Juden, eine Vergeltungsmaßnahme für das tödliche Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag. Ihr Werk ist in alle Welt zerstreut. Die Kunsthalle Bremen besitzt nur neun Aquarelle.
Anita Rée, eine Vertreterin der Neuen Sachlichkeit, wählte den Freitod. „Ich kann mich in so einer Welt nicht mehr zurechtfinden und habe keinen anderen Wunsch, als sie … zu verlassen“, schrieb sie 1933 in ihrem Abschiedsbrief.
Wer kein Mutterglück zeigt, gilt als entartet
Andere Malerinnen zogen sich zurück. Maria Caspar-Filser beispielsweise, hochgeschätzt für ihre Stillleben und Landschaften. 1925 hatte sie als zweite Frau in Deutschland – die erste war Käthe Kollwitz – den Titel Professor der bildenden Künste erhalten. Den Nazis gefiel ihre Kunst freilich nicht, sie prangerten sie auf der Ausstellung Entartete Kunst an. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Maler Karl Caspar, zog sie sich nach Brannenburg zurück.
Ein Neuanfang nach dem Krieg gelang ihr genauso wenig wie Kate Diehn-Bitt, die sich in ihren Selbstporträts androgyn und herb wiedergibt. Ihre Mutter-mit-Kind-Bilder zeigen keine Spur von Mutterglück. Nicht erstaunlich, dass die Nazis diese Vertreterin der Neuen Sachlichkeit von Anfang an als entartet abstempelten. Auch ihr gelang nach dem Krieg kein Neustart, obwohl sie sich in Rostock im Aufbau des neuen sozialistischen Staats engagierte. Doch ihr Werk galt als „nicht zukunftsweisend und optimistisch“.
Beeindruckend sind auch jene Künstlerinnen, die während der Nazizeit nicht im Verborgenen leben wollten, sondern, wie von der Dollen es formuliert, „die Verpflichtung empfanden, sich sozial und politisch zu engagieren.“ Und das trotz harter Gefängnisstrafen. Widerstandskämpferin Eva Schulze-Knabe formulierte in ihren Linolschnitten sowohl die Armut der Weimarer Republik als auch die Brutalität der Nazizeit, die Realität in KZs und, festgehalten in Aquarellen, die Zerstörung Dresdens.

Auch die Grafikerin Lea Grundig, von den Nazis verfolgt als Jüdin und Kommunistin, ließ nicht davon ab, in den Zyklen „Unterm Hakenkreuz“ oder „Krieg droht“, von dem menschenverachtenden System zu erzählen. 1949 kehrte sie nach Jahren in Palästina nach Dresden zurück, erhielt eine Professur und wurde in der DDR vielfach ausgezeichnet.
Doch die meisten schafften, so sie die Diktatur denn überlebt hatten, den Wiedereinstieg nicht mehr. Zu stark hatte sich die Kunstlandschaft nach dem Krieg verändert. Bis die Wiederentdeckung und die Aufarbeitung ihres Schaffens einsetzte, dauerte es Jahrzehnte. Gut, dass jetzt dieser Bildband an sie erinnert.
Ingrid von der Dollen: „Die verfemten Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Zur Kunstdiktatur der Nazizeit“, Edition Joseph Hierling, 2025, 28 Euro.


