Malbücher Farben für die Seele

Immer mehr Erwachsene greifen zu Malbüchern, in denen sie sich das bunte Bild ihrer Stadt selbst erschaffen - und dabei immer entspannter werden

Von Franziska Gerlach

Am Ende der Vorlesung ist München bunt. Die Dächer der Frauentürme leuchten neongrün, ein kleines Haus pink, ein größeres gelb, andere Flächen der Stadtsilhouette hat Ruth Heeren mit Bleistift schraffiert. Mal hat sie stärker aufgedrückt, mal schwächer. Meist stärker. Man könne ganz wunderbar ausmalen, sagt die 23 Jahre alte Studentin, und trotzdem an einer komplexen Diskussion teilnehmen. "Das ist einfach eine angenehme Nebenbeschäftigung."

Und so malt sich die Wahlmünchnerin, die soziale Arbeit studiert und im Vorstand

der Jugendorganisation des Bundes Naturschutz in Bayern aktiv ist, durch Vorlesungen und lange Verbandssitzungen. Am Fenster ihrer WG an der Kurfürstenstraße ist sie gerade mit der ondulierten Haarpracht von König Ludwig II. zugange, in kurzen Strichen lässt sie einen schokobraunen Buntstift über die Fläche flitzen. Afrikanische Schamanen hat Heeren bereits ausgemalt, Blumen und Tiere. Und weil es nun sogar Malbücher gibt, in denen man die Sehenswürdigkeiten Münchens kolorieren kann, kommen wohl bald auch der Alte Peter oder die Ludwigstraße dazu. Heeren hätte auch Spaß daran, sich den Stadtvierteln, in denen sie bereits gewohnt hat, mit dem Buntstift zu nähern. Giesing, Neuhausen oder Schwabing. Jedes sei nämlich auf seine Art besonders, sagt sie. Und dann die Isarauen, oder der Eisbach. "Welche Stadt hat schon eine Surferwelle?" Noch dazu eine, die man ausmalen kann.

Ruth Heeren malt gerne Malbücher aus, zu Hause, in der Vorlesung oder bei Sitzungen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Um zu verstehen, dass nun auch Erwachsene ausmalen, genügt ein Besuch bei Hugendubel in den Fünf Höfen. "Malerischer Herbst!", steht auf dem Schild über dem Warentisch mit Büchern und Stiften, Kalendern und Postkarten. Ein bunter Querschnitt durch einen Markt, dessen Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist. Die Nachfrage nach Malbüchern für Erwachsene sei in den Münchner Filialen sehr hoch, teilt das Unternehmen mit, besonders bei Frauen im Alter von 30 bis 45 Jahren.

Rund 80 Titel listet das Sortiment des Großbuchhändlers, noch einmal so viele kämen in den nächsten Monaten hinzu. Malbücher sind mittlerweile nicht nur in Buchhandlungen und Geschäften für Künstlerbedarf zu haben, sondern auch in Kaufhäusern und Tankstellen. Mit dem Beststeller der Schottin Johanna Basford "Mein verzauberter Garten" ging vor drei Jahren all das so richtig los. Inzwischen gibt es auch Alice im Wunderland zum Ausmalen. Und ist das Geld für einen Kurztrip knapp, kann man Paris zumindest mit dem Buntstift erkunden.

Der Großbuchhändler Hugendubel listet rund 80 Titel an Malbüchern auf.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In diesem Frühjahr hat der Prestel-Verlag die schönsten Entwürfe der Fünfzigerjahre in einem "Vogue-Malbuch" vereint. Wem die opulenten Kleider trotz vorgegebener Linien nicht so schön gelingen wie seinerzeit Christian Dior, der findet im bedächtigen Schieben der Buntstifte immerhin einen meditativen Ausgleich. Den suggerieren zumindest die Heilsversprechen der Marketing-Experten.

Den Konsumenten in Zeiten, da Regionales als Synonym für Qualität verehrt wird, nun auch noch die Heimat ausmalen zu lassen, ist da nur konsequent: Weil "Das München-Malbuch" aber auch Touristen ansprechen sollte, brachte es der Münchner Verlag Arsedition noch vor Wiesn-Beginn heraus. Etwas früher dran war der Regensburger Verlag Edition Buntehunde, dessen "Allgemeines Münchner Malbuch" es seit Dezember 2015 gibt. In diesem Monat bringt die Soziologiestudentin Amelie Bauer noch "Das Alternativ Unterwegs München-Malbuch" auf den Markt. Die Malvorlagen darin hat ihre Mutter entworfen, die Gestalterin und Kalligrafin Irmgard Bauer.

"Wir haben das für München-Besucher gemacht, mit kleinen Erläuterungen auf Deutsch und auf Englisch", sagt Amelie Bauer. Angst, dass sich der Rummel ums Ausmalen genauso schnell verabschieden könnte, wie er gekommen ist, hat sie nicht, zumal es sicher auch für Münchner lustig sei, die eigene Stadt auf diese Weise zu entdecken. Skurriles wie die Reliquien der Heiligen Munditia in der Peterskirche, die Schutzheilige der alleinstehen Frauen, hat Eingang gefunden in ihr Malbuch, aber auch demonstrierenden Münchnern kann man eine Botschaft auf dem Transparent hinterlassen; ja selbst die schwierige Frage, ob man ein Fußballtrikot in den Farben des FC Bayern München gestaltet oder des TSV 1860 München, lässt sich hier gestalterisch lösen.

Die Studentin Ruth Heeren fragt sich, welcher Stift zu König Ludwig II. passt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das gefällt offenbar auch Männern: Bei einer Probe-Malstunde, erzählt Bauer, hätten jedenfalls zwei anfangs eher skeptische junge Herren am Ende nicht nur mit reichlich Wachsmalkreide ausgemalt, sondern auch mit reichlich Wonne. "Der Trend ist ungebrochen", sagt Heike John, die bei Arsedition den Bereich Erwachsenenbeschäftigung leitet. Viele Verlage seien in das Geschäft eingestiegen, sagt John. Auch wenn die Nachfrage eines Tages wieder nachlassen würde, so ganz verschwinden werde das Ausmalen nicht mehr, glaubt sie. Dafür hätten es zu viele Erwachsene als Freizeitbeschäftigung entdeckt.

So positiv äußern sich nicht alle. Das Ausmalen spaltet die Stadt vielmehr sogar. Manche Münchner können schlichtweg nur den Kopf schütteln über Erwachsene, die freiwillig zum Buntstift greifen. Gerne folgt dann noch der Vorwurf, dass das Kolorieren von Blättern und Bienchen nicht gerade hohe Kunst sei. Unkreativ? Das will man beim Regensburger Verlag Edition Buntehunde gar nicht hören. Mit dem Malbuch wolle man Impulse setzen, selbst kreativ zu werden, sagt Verleger Herbert Wittl. Viele Szenen sind deshalb nur anporträtiert. Wer will, lässt also ein grünes Seeungeheuer in der Isar planschen oder zeichnet Karl Valentin ein geblümtes Fahrrad unter den Allerwertesten. Am liebsten sei ihm "ein vollgeschmiertes, richtig schön mit Farbe vollgekleckstes Buch", sagt Peter Engel, von dem die Radierungen und Linoldrucke im Buch stammen.

Ruth Heeren hingegen hat sich ihre Malvorlagen immer kopiert. Überhaupt sei es mittlerweile Usus, dass einer ihrer Kollegen vom Bund Naturschutz Malvorlagen zu den Sitzungen verteile. Heeren malt gerne mit frisch angespitztem Stift aus, bevorzugt kleinteilige Muster, mit denen man eine Weile beschäftigt ist. Klingt einleuchtend. Und ist sicher kreativer, als irgendwas per App auszumalen.