Make-up-Künstler Optische Täuschung

Theo, 19, schminkt sich. Auf seinem YouTube-Kanal und seinem Instagram-Account "Theo Vanity" gibt er dazu Tipps

Von Ornella Cosenza

Bronzer, Puder, Highlighter und lange Wimpern zum Aufkleben. Außerdem: eine Lidschattenpalette und schimmernder Lipgloss. Das ist nicht das Sortiment einer Make-up-Firma. Das sind die Zutaten, die Theo für seinen Look benötigt. Bevor er den pinken Lidschatten aufträgt, der dann in eine gelbe Nuance kurz vor dem Augenansatz übergeht, hält er den Pinsel, den er für das Schminken der Lider benutzt, in die Kamera. Genauso macht er es mit allen anderen Produkten, die er für das Make-up-Tutorial auf Instagram verwendet. Im Hintergrund läuft Ariana Grandes Song "God is a Woman".

"Ich liebe es einfach, mich zu schminken", sagt der 19-Jährige mit den millimeterkurz geschorenen blonden Haaren. Auf Instagram nennt er sich "Theo Vanity" und hat bereits mehr als 12 000 Abonnenten. Auf Youtube gibt es einen gleichnamigen Kanal, den Theo regelmäßig mit Videos bespielt. Meistens geht es auch hier um die Kunst des Make-ups. Seinen Nachnamen möchte Theo nicht verraten, er will eine Grenze zwischen seinem Privatleben und der Öffentlichkeit.

Wer Theo auf der Straße begegnet, könnte ihn für eine junge Frau halten: feminine Gesichtszüge, perfekt gezupfte und geschminkte Augenbrauen, zierliche, fast androgyne Figur. "Manchmal passiert es mir wirklich, dass Leute denken, ich wäre ein Mädchen. Das kann lustig sein", sagt er. Er nimmt das locker.

Mit dem Schminken hat er vor ungefähr zwei Jahren angefangen. Da war er 17 und ging noch zur Schule. "Du Schwuchtel!" - solche Kommentare musste er sich in dieser Zeit gelegentlich auch anhören. "Aber ich hatte total Glück mit meiner Klasse und meinem Lehrer, den ich in Deutsch und Mathe hatte", sagt Theo. Durch seine ehemalige Klasse habe er es geschafft, selbstbewusster zu werden, und sich getraut, geschminkt zur Schule zu gehen. Auch seine Familie unterstützt ihn, wie er sagt. "Fast alle standen hinter mir und haben sich für mich eingesetzt." Nach seinem Realschulabschluss ging Theo in die Lehre, er absolviert gerade das zweite Jahr seiner Friseurausbildung in einem Salon in München. Doch einen Betrieb zu finden, der ihn als Lehrling aufnehmen wollte, das war gar nicht so einfach: "Manche Friseursalons, bei denen ich mich für die Ausbildung beworben hatte, hatten ein Problem damit, dass ich geschminkt zur Arbeit kommen würde", sagt der Azubi. Im Anschluss an die Lehre will Theo dann eine Make-up-Artist-Ausbildung machen.

Trotz seines Vollzeit-Jobs findet Theo genug Zeit für das, was ihm so viel Freude bereitet: das Schminken. Er ist ein Make-up-Künstler. Und damit ist er in den Sozialen Medien erfolgreich - das verrät nicht nur die Anzahl seiner Follower. Wer sich auf Theo Vanitys Profil umsieht, liest viele Kommentare von Usern, die ihn bewundern. "Ich liebe es, wie du dich schminkst", oder: "Bei dir sieht das sooo schön aus", schreiben sie unter seine Beiträge. Was Theo vielleicht von vielen anderen ähnlichen Instagramern unterscheidet, ist seine Ehrlichkeit. "Natürlich bearbeite ich meine Fotos nachträglich", so, dass seine Augenbrauen dichter aussehen als in Wahrheit, die Lippen mehr glänzen oder die Wangenknochen symmetrischer erscheinen. Manchmal wirkt sein Porzellan-Teint sehr puppenhaft. "Ich möchte kein falsches Bild vermitteln. Oft bekomme ich Nachrichten von Leuten, die wissen wollen, wie ich es schaffe, so auf den Fotos auszusehen. Ich schreibe ihnen dann die Wahrheit", sagt er. Manchmal erwähnt er das auch in Videos, den Storys auf Instagram. Fast täglich postet er etwas. Obwohl er bei einem Management unter Vertrag ist, das ihm Kooperationen mit Kosmetikherstellern organisiert, sieht er das Präsentieren und Testen von Produkten eher als Hobby an und bezeichnet sich selbst nicht als "Influencer", "das hebt einen so von der Gesellschaft ab, das will ich nicht".

Theo tritt in Videos und auf Fotos sehr selbstbewusst auf. In der Online-Welt glitzert es aber nicht immer: "Manchmal erhalte ich beleidigende Nachrichten oder Kommentare. Das lässt mich aber kalt. Und der größte Teil der Nachrichten, die ich bekomme, ist eher positiv", sagt er. In der echten Welt kämpft Theo hingegen manchmal doch noch mit der ein oder anderen Unsicherheit. Es passiere ihm schon mal, dass ihn Menschen einfach nur anstarren. Das ist ihm dann unangenehm. Für den Dreh mit einem Fernsehmagazin hat sich Theo in die Fußgängerzone gestellt, um einen Timelapse aufzunehmen - also ein Zeitraffer-Video. "Dann hat ein Typ einfach angefangen, mich zu filmen", ohne seine Erlaubnis. Andere Leute machten Fotos von ihm. "Das raubt einem die Energie", sagt der junge Mann. Wenn er in die Stadt muss, um etwas zu besorgen, geht er wirklich nur dorthin, wo er hin muss, um nicht unnötig aufzufallen. Theo versucht, sich nicht zu sehr darüber aufzuregen. "Wenn ich aufgewühlt bin, dann höre ich einfach laut Musik im Auto und fahre ein bisschen", das bringt ihn runter und lenkt ihn ab. Manchmal kauft er sich dann auch Make-up.

Am liebsten mag der Mann unechte Wimpern. "Mir macht es Spaß und es fasziniert mich, wie man durch Schminke eine Art optische Täuschung sein kann, wie die Grenzen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit verwischen", sagt er. Aber Theo hat mehr zu zeigen als Lipgloss und Foundation. Seine große Reichweite im Netz nutzt er immer wieder auch für eine besondere Botschaft: "Es ist okay, so wie du bist. Auch, wenn du vielleicht anders bist."