Maison Massard Französische Küche ohne Chichi

Der Wirt des Maison Massard hat sein Restaurant nach sich selbst benannt.

(Foto: Florian Peljak)

Das "Maison Massard" ist in mancherlei Hinsicht eine Brasserie der alten Schule: Ihre Küche will auf dem Boden der klassischen Kochkunst Frankreichs bleiben - oft gelingt das auch.

Von Alois Gudmund

Es war einmal in München-Haidhausen ein sogenanntes Franzoseneck. Wer vor den grün-bürgerlichen Nachbarn seine Frankophilie heraushängen lassen wollte, sprach von Le Carré: Gleich vier französische Restaurants saßen da nebeneinander an der sonst wenig bemerkenswerten Kreuzung von Franziskaner- und Rablstraße. Dann kamen ein Burgerbrater in ihre Mitte, Beschwerden von Anwohnern waren die Folge sowie städtische Behörden, die nach mehr als zwei Jahrzehnten entdeckten, dass so viel Gastronomie auf engem Raum dort gar nicht genehmigt war, und darum Foutez le camp  riefen.

Auch das Lokal Le Bousquérey, alteingesessen und bereits 1994 von der SZ-Kostprobe größtenteils lobend besprochen, musste weichen, zwei Jahre ist das nun her. Sein Wirt öffnete also das Maison Massard, benannt nach ihm selbst, nur ein paar Hundert Meter weiter, wo Haidhausen sich gar Franzosenviertel nennt, der französischen Straßennamen wegen - die allerdings nicht eben an Höhepunkte der deutsch-französischen Verständigung erinnern.

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So gemahnt die Bazeillesstraße, über deren Gehsteig (altmünchnerisch: Trottoar) sich die roten Markisen des Maison breiten, an den Ort eines ziemlich blutigen Kampfes bayerischer und französischer Truppen aus dem Krieg 1870/71, bei dem die Bayern einige hässliche Kriegsverbrechen begingen. Längst vergessen und verziehen, was schon daran zu erkennen ist, dass inzwischen auch die Wursthüter der ehrwürdigen Confrérie des Compagnons du Boudin Blanc sogar Bayerns Weißwurst als satisfaktionsfähig ansehen.

Das nunmehr relativ neue Haus ist nicht mehr ganz so eng wie sein Vorgänger am Franzoseneck, mit seinen beigen (Kunst?-)Lederstühlen und den weißen Wänden deutlich heller und vielleicht nicht ganz so intim. Es ist ein eher sachlich anmutender Raum, der ohne französelndes Chichi auskommt. Aber keine Sorge: Eine schwarze Tafel, so viel Bistro-Klischee muss sein, wird sogleich an den Tisch geschleppt. Auf ihr ist das Tagesmenü verzeichnet, in Kreide und nur auf Französisch - was der freundliche Kellner aber alles formvollendet übersetzt. Auch das Menü à la carte wechselt erfreulich häufig.

Als Brasserie stellt der Patron sein Lokal im Internet vor. Das heißt: Ja, hier darf auch Bier getrunken werden, und zwar als echte bayerische Halbe statt als transrheinisches démi. Und es heißt auch: Die Küche hat nicht den Anspruch, die Klettersteige der Haute Cuisine zu erklimmen, sondern will auf dem Boden bleiben, aus der Frankreichs gerühmte Kochkunst eigentlich wächst. Das gelang mal mehr, manchmal aber auch nicht ganz so gut.

So ist es in einer so kleinen Küche zwar unumgänglich, dass etwa als Vorspeise vornehmlich bereits Vorbereitetes serviert wird. Nur: Es tut dem Geschmack einer sonst eigentlich feinen Ochsenbacken-Terrine nicht eben wohl, wenn sie mit gefühlten drei Grad Celsius quasi direkt aus dem Kühlschrank auf den Tisch kommt. Auch der gewärmte Ziegenkäse auf einigen Salatblättern war eher so là là denn oh là là, ganz ordentlich, aber wenig überraschend.

Großzügig dagegen war die Ladung auf dem als Vorspeise verzeichneten "bretonisch Küstenteller", in der französischen Version der Speisekarte übrigens nur eine assiette côtière ohne regionale Einschränkung: eine Auster, fünf Garnelen und fünf kegelförmige bulots, also Meeresschnecken, deren durchaus strenger Geschmack eher zu den derberen, aber darum nicht weniger typischen Seiten der französischen Küche zählt. Die schön gepfefferte Mayonnaise war ein guter Begleiter dazu.

Die Großzügigkeit setzte sich beim Seeteufel fort - vom Fisch waren gleich mehrere, gleichermaßen fest und saftig gegarte Stücke zu einem üppigen Gebilde zusammengepackt, sichelförmig umschlossen von Kürbis und in einer gelben Kokos-Curry-Sauce - die allerdings in ihrer stark chilibetonten Schärfe auch recht rustikal war, was der Fisch jedoch gut ertragen konnte. Der Wolfsbarsch anderntags war ebenfalls schön saftig, zerfiel allerdings, etwas übergart, allzu leicht in einem etwas faden Soßenschaum. Dafür entsprachen die rosige Lammschulter und noch besser die Perlhuhnbrust mit ihrer schön kross gebratenen Haut dem, was sich von einer Brasserie erwarten lässt: kräftige, unkomplizierte, eben nicht überfeine Kost.

Zum Nachtisch gab es vor allem französische Klassiker: Crème brûlée, mal klassisch, mal mit Nougat verfeinert, warmer Schokoladenkuchen, fruchtige Beerensorbets, nichts wirklich Originelles, aber alle halten ihr süßes Versprechen. Französische Küche ist hierzulande nicht - und auch in Frankreich selten - billig. Die Preise sind im Maison Massard durchaus angemessen kalkuliert, ein Drei-Gänge-Menü kommt auf etwas mehr als 30 Euro, von der Karte etwas mehr. Die ordentlichen Hausweine kommen übrigens aus - genau: Spanien, wo der Bruder des Patrons Winzer ist.