Mai Garten Ein Restaurantbesuch wie ein Kurztrip nach China

Ein klassisches Restaurant ist das Mai Garten nicht, vor allem aber keiner dieser Pseudo-Chinesen mit pappiger Süßsauer-Soße aus der Flasche.

(Foto: Florian Peljak)

So authentisch chinesisch wie im "Mai Garten" ist es sonst nirgendwo in München. Aber man sollte sich auf Gewürze gefasst machen, die die mitteleuropäische Zunge nicht gewöhnt ist.

Von Kurt Kuma

An dieser Stelle gilt es, Missverständnisse zu vermeiden. Denn im Folgenden geht es nicht um ein Restaurant im konventionellen Sinn. Diese Gaststätte dürfte viele Gemüter abschrecken und ist für allerlei Gelegenheiten völlig ungeeignet. Diskrete Geschäftsessen oder lauschige, abendfüllende Tête-à-Têtes kommen hier nicht infrage. Doch wer kleine Abenteuer liebt, wer in Seitengassen eines fremden Landes gerne authentische Küche entdeckt, der wird an der Südwestecke des Mariahilfplatzes sein kleines Glück finden. Ein Glück, das sich auch nach Hause mitnehmen lässt. Und ein Glück, das für um die zehn Euro zu haben ist.

Die Sache begann mit einer jungen, hochbegabten Kollegin. Aufgewachsen in Norddeutschland, absolvierte Frau W., die Tochter chinesischer Einwanderer, ein Praktikum in der SZ-Redaktion. Beim Mittagstisch drehten sich die Gespräche mitunter um kulturelle Fragen. Auch über Kulinarisches wurde palavert. Ob es in München authentische chinesische Küche gebe, wollten wir wissen. Die Antwort war erstaunlich klar: ja.

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Frau W. verwies allerdings nicht auf eines der einschlägigen Restaurants, etwa das Kam Yi an der Rosenheimer Straße oder das Yulan auf der Theresienhöhe. Frau W. empfahl auch keinen dieser Frühlingsrollen-Süßsauer-Pseudochinesen, in denen die Gerichte dreistellige Nummern haben. Nein, Frau W. nannte uns ein Lokal namens Mai Garten, von dem, zugegeben, ihre Münchner Kollegen noch nicht gehört hatten. Es sei dort meist sehr voll, warnte sie, man solle lieber reservieren. Also reservierten wir. Die freundliche Stimme am Telefon bat darum, pünktlich zu sein, man könne den Tisch nicht lange frei halten. Also kamen wir pünktlich.

Das Erschrecken war zunächst groß. Der Mai Garten ist weder ein Garten, noch ein klassisches Restaurant. Es ist ein Ladenlokal mit einer Handvoll brauner Tische. Die Speisen stehen auf Tafeln im Imbissbudenstil. Die Getränke holt man sich selbst aus einem Kühlschrank. Der Weg zur Toilette führt hinter einen Vorhang, über Pappkartons und Putzmittel. Kurzum, die Sache sah anfangs nicht gut aus. Wäre da nicht das Essen gewesen. Und die überaus freundlichen Wirtsleute. In einem Satz: Authentischer geht es kaum.

Über vertraut klingende Gerichte wie "Rindfleisch mit Zwiebeln und Bohnen" sowie "knusprige Ente" arbeiteten wir uns zunächst durch die Standards der Karte, um nach und nach festzustellen, dass die wahren Freuden weniger bekannte Namen haben - manchmal auch nur chinesische Schriftzeichen. Rind und Ente, bereitet mit tiefschwarzer Sauce, waren geschmacklich zwar einwandfrei, aber in dieser Preislage darf man weder Filet noch Barbarie-Ente erwarten.

Einfach mal auf Nachbars Teller schauen

Die wahren Höhenflüge erlebten wir mit weniger Gewohntem, darunter auch vegetarische Gerichte. Dabei lohnte sich stets der Blick auf die wechselnden Tagesspezialitäten. Der beste Tipp ist aber, den allabendlich anzutreffenden chinesischen Gästen diskret über die Schulter zu blicken und per Fingerzeig zu bestellen. "Einmal das gleiche bitte." Dann kann das Abenteuer so richtig losgehen.

Besonderen Genuss bereitete uns ein Gericht aus grünen Stangen mit unverständlichem Namen, dessen sanftes, zitroniges Knoblauch-Aroma nachhaltig im Gedächtnis blieb. Schärfegrade im roten Bereich erreichte der Tintenfisch mit Szechuan-Pfeffer. Die anfängliche, anziehende Frische des knackigen Gemüses und der sachte panierten Kalmarstücke erwies sich als nach einigen Bissen als trügerisch. Bevor das Gericht zur Hälfte gegessen war, hatte der Szechuan-Pfeffer seine Macht entfaltet und die mitteleuropäische Zunge komplett anästhesiert. Abbruch.

Etwas Mut bei den Gerichten zahlt sich in der Regel aus.

(Foto: Florian Peljak)

Ebenfalls pikant, aber im angenehmen Bereich, war "Schweinebauch zweimal gebraten". Hauchdünne Fleischstücke dienten lediglich als Geschmacksgeber für knackig-frisches Gemüse, und - klares Erkennungsmerkmal eines nicht-europäisierten Asiaten - fermentierte Sojabohnen.

Besonderes Highlight sind die Teigtaschen

Tofu mit gehacktem Hühnerbrustfilet erwies sich als eine willkommene Abwechslung von der Schärfe und Exotik mancher Gerichte. Es war sozusagen die chinesische Version von Züricher Geschnetzeltem. Ausdrücklich empfohlen sei "Aubergine Szechuan-Art", die, anders als der Name fürchten lässt, den Gaumen nicht mit Pikantheit attackierte, sondern fast süßlich und butterweich auf der Zunge schmolz.

Ein besonderes Highlight sind im Mai Garten die Teigtaschen. Xiao Long Bao macht die Dame des Hauses selbst, Tiefkühlware kommt nicht infrage. Und getunkt werden die Täschchen nicht in pappige Chilipampe aus der Flasche, sondern in Schälchen mit schwarzer Essigsoße. Als Indiz für die Frische der Zutaten diente auch ein Wolfsbarsch. Den stattlichen, mit Gemüse gedämpften Fisch entdeckten wir allerdings leider erst - bereits gesättigt -, als er am Nachbartisch serviert wurde.

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