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Lyrik:Den Vers im Anschlag

Juliane Liebert

Unbedingter Partywille: Juliane Lieberts Fotos illustrieren den Band mit subtilem Witz.

(Foto: Juliane Liebert)

Franz Doblers gesammelte Gedichte feiern das Rebellische

Von Christian Jooß-Bernau, Augsburg

Mit den akademischen Lyrikern und ihren metaphernverstellten Werken hat er es nicht so. Das sagt der Dichter im Interview am Ende des Bandes laut. Schon als er 1991 seine Westerngedichte veröffentlichte, wählte er ganz bewusst ein Sujet, in dem ein Feingeist den Showdown nur überlebt, wenn er schneller zieht. Wobei der Dichter vordergründig kein harter Hund ist und gesteht: "Ich kann nicht reiten. / Ich kann nicht schießen. / Ich kann kein Blut sehen." Doch gibt es da noch des Teufels Großmutter, und die würde zu ihm sagen: "Sei zufrieden damit / dass du schreiben kannst / wie mein eigener Sohn." Seine Worte, so will es der Dichter, sie versteigen sich nicht in Doppel- und Hintersinn. Sie sind wie Bullets. Und wen sie treffen, dem gnade Gott. "Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will" heißt der bei Starfruit erschienene Band, der Franz Doblers Lyrik zwischen 1991 und 2020 versammelt - ausgezeichnet, ganz aktuell vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst als eines von Bayerns besten Independent Büchern.

Illustriert ist der Band mit Fotos von Juliane Liebert; immer gleich sepiagetönt, sieht man ein verschmiertes Riesensmiley in einem U-Bahnhof, einen überblitzten Schubladeninhalt mit Schlagring, Messer, Tabletten, weißverwuschelte Hundebeine, einen Baum, der ein parkendes Auto zerdrückt - und immer wieder Musik-Gesang-Punk, Lautstärke ohne Ton. Bilder sind es, arrangiert vom Leben und, wenn sie über zwei Seiten gehen, mitleidslos geteilt vom Buchfalz. So roh das rüberkommt, so subtil ist es - mehr als Anstoß einer Geschichte, oft eine Meditation über Licht und Schatten und oft voll rührendem Witz, wie die Spiegelkugel, die da am Abflussrohr an der Decke hängt und verziert mit Plastikblumen und Weihnachtslichterkette wohl ein Irgendwas von Stimmung in einen Kellerraum zaubern soll.

Die Fotos gehen in einem assoziativen Spiel zusammen mit den Gedichten des unakademischen Franz Doblers, der so tun kann, wie er will: Seine Texte scheuen zwar Metaphern, spielen aber so komplex mit Referenzen, dass man sie anstandslos in einem Unihauptseminar auf ihr Schreibprogramm abklopfen könnte. 1991 stellt er neben die Westernhelden den Räuber Kneißl und den Kraudn Sepp, versucht die Übertragung der archetypischen amerikanischen Urerzählung in den deutschen Südstaat. Über die Dauer der Jahre und Gedichte sind es immer wieder Filme und Musik aus einem Land, das damals noch große Freiheit verhieß, in die sich der Dichter mit seiner Sprache hineinträumt.

So wird er sein eigener Sam Peckinpah, Johnny Cash, Leadbelly und - klar - auch sein eigener Charles Bukowski. "Falsche Hose" heißt der von John Lee Hooker inspirierte Text, den ein sprechsingender Dobler jüngst mit der Band Das Hobos eingespielt hat. Und hinter all den großen Namen und ihrem Gedanken-Sound verbergen sich Urformen des Rebellischen, Images, die man sich anziehen kann auch als jemand, der in Schongau geboren wurde. Der Versuchung, den Posermacker zu geben, gibt dieser Dobler aber nicht nach. "Strange Fruit" heißt ein Gedicht, das den Dichter eingangs im Zug zeigt, wie er ein Essay von Toni Morrison zu lesen versucht, während ihn vier schwarze Kinder dabei stören. Der Titel zitiert den gleichnamigen Billie-Holiday-Song in dem in einem Land der Lynchmorde und des Rassismus sehr seltsame Früchte in den Bäumen hängen. Bei Dobler bleibt davon nur ein Apfel, den ein weißer Junge in einem weiteren Zug lautstark von seiner Mutter geschält haben will und ein griesgrämiger Dichter, der mit leiser Aggression sein Messer zückt. Der Kampf gegen das real existierende Böse ist angekommen in der komplexen Banalität des Alltags. Hier läuft, in einem anderen Gedicht, Iggy Pops "Passenger" - im Supermarkt: "Sie sind überall / es gibt kein Entkommen". Und alt geworden seufzt der Dichter angesichts der konsequenten systemischen Korruption des Rebellischen: "Eine Erkenntnis /die mich nicht schockierte /nur ganz kurz berührte. /Ich hatte mir schon sowas gedacht."

Mitten ins Buch hineingezimmert steht ein Text der "Weg zur Freiheit" heißt. Die Meilensteine dieses Weges: "Gehorsamkeit / Fleiß / Ehrlichkeit / Ordnung" und so weiter bis zur "Liebe / zum / Vaterlande". Erst am Ende dieses Gedichtteils enthüllt Dobler, was dieser querstehende, aufstoßende Textkeil ist: ein "Wegweiser", mitgegeben einst den KZ-Häftlingen. Artefakt des deutschen Biedersinns an dessen Ende die bürokratische Massenvernichtung steht. So hat Dobler sich einen Text als Mahnmal in den Band gestellt um sich zu erinnern, wie er niemals wieder sein sollte, der Blick auf die Welt und ihre Muster, die nicht erstarrt sind, sondern sich mit jeder Drehung neu schütteln wie ein Kaleidoskopbild.

Das Leben ist hart und die Versuchung, es sich endlich einmal leicht zu machen, groß. Dobler weiß: Wer den Showdown will, der kneift vor der Überforderung. Am Ende, es hilft nichts, geht man doch durch die Instanzen: In den neuen Gedichten sind sie angekommen, die Flüchtlinge, die der Dichter ins Bundesamt für Migration begleitet.

Franz Dobler: Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will. Gedichte 1991 - 2020. Starfruit

© SZ vom 16.12.2020
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