Altern ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Findet jedenfalls Anton G. Leitner. „In Würde alt zu werden, ohne dabei zu verbittern und ohne seinen Humor und seine Fröhlichkeit zu verlieren, ist eine der größten Herausforderungen überhaupt“, schreibt der Weßlinger Dichter und Verleger. Diesbezügliche Hürden hat er bislang immer mithilfe der Poesie überwunden, auch jene Momente, in denen er glaubte, seinem möglichen Ende nahegekommen zu sein.
Weil er seine Leidenschaft für Lyrik gern mit möglichst vielen anderen Menschen teilt und er zu der Spezies der Selbstausbeuter gehört, ist es ihm nun schon zum 33. Mal gelungen ist, seine buchstarke Jahresanthologie „Das Gedicht“ zu veröffentlichen. Als er das Heft zum ersten Mal herausgab, war er Anfang 30. Jetzt ist er fast 65.
Leider ist die Arbeit, die es braucht, um den „inzwischen ziemlich solitären Lyrik-Omnibus“ (Leitner) fahrtüchtig zu halten, in all der Zeit nicht weniger, sondern eher mehr geworden. Immerhin wächst die Zahl der Poeten und Poetinnen von Jahr zu Jahr. 192 Dichter und Dichterinnen aus 16 Nationen sind im neuen Heft vertreten, wie immer eine gelungene Mischung aus bekannten und weniger bekannten Namen.
Die aktuelle Ausgabe der Jahresschrift steht unter dem Motto „jung & alt“. Das gilt auf jeden Fall für die Autoren: Deren Altersspektrum reicht von Dagmar Nick, Jahrgang 1926, bis zu Anna Münkel, Jahrgang 2001. Der Themenschwerpunkt ist aber auch dem Entsetzen geschuldet, das Leitner befällt, wenn öffentlich derzeit laufend versucht wird, einen Keil zwischen die Generationen, genauer zwischen die „Boomer“ und die „Gen Z“, zu treiben.
Freilich: „Die Jungen und Jüngeren haben keine Wahlmacht“, einfach weil sie zu wenige sind, stellt Leitners diesjähriger Mitherausgeber, der Schriftsteller Matthias Kröner, fest. Nicht nur deshalb ist es sinnvoll, die Lyrik für Kinder einmal an den Anfang einer „Gedicht“-Besprechung zu stellen und damit zu würdigen, dass Uwe-Michael Gutzschhahn darin bereits zum zehnten Mal ein lyrisches „Special für Kids“ präsentiert.
Natürlich geht es auch hier um die Beziehung zwischen Jung und Alt. „Mein Opa ist / dreihundert Jahre alt / Vielleicht auch ein paar Tage älter / So richtig frisch / sieht er nicht mehr aus / Doch mir jedenfalls / gefällt er“, reimt Michael Augustin. Manchmal ist der Ärger am Abend schon vorprogrammiert, wie Gerald Jatzek weiß. „Niemand hat mir vorgelesen, / niemand hat mich zugedeckt, / niemand hat mir fest versprochen, /dass er mich am Morgen weckt. // Niemand hat mich sanft gestreichelt, / freundlich in den Schlaf geküsst, / niemand hat sich Zeit genommen, / alle haben sich vertschüsst.“ Andere suchen dringend nach einer Oma: „Kann man eine Oma kaufen? / Und wenn ja, was kostet sie?/ Gibt es bei dem Oma-Kauf / ein paar Jahre Garantie?“ fragt Mustafa Haikal.
Nora Gomringer macht sich Gedanken über den Vater und das eigene Alter
Die erwachsenen Autoren hängen dagegen ihren Erinnerungen nach, halten Kindheitsmomente fest, machen sich Gedanken über vergangene Lieben, zerbrochene Freundschaften, Tod und die eigene Endlichkeit. Der Auslöschung des Geschriebenen jedenfalls kann man entgegentreten, findet Helmut Krausser. „Ich werde der Flut sagen, / sie sei hier nicht willkommen. / Erstens. Zweitens will ich / Wale bitten, zu stranden, sich // eng nebeneinander zu legen, / einen Schild zu bilden, zum/ Schutz meines Geschriebenen. // Drittens werd ich vom Meer, / wenn es schwillt, den Schaum / abtrinken, schmeckt es auch / salzig, ich werde es saufen.“
Nora Gomringer macht sich in „Pflegend, angehörig“ Gedanken über den Vater und das eigene Alter. „Ich bin nicht mehr jung. / Das merkt man daran, dass ich nicht mehr erkannt werde als Mädchen. / Manchmal denken sie, ich sei seine Frau. / Ein skandalöser Altersunterschied zwar, aber denkbar ist es, beharren die Leute.“
Dabei ist der Ablauf eines Lebens eigentlich ganz einfach, jedenfalls wenn man Karl-Heinz Rölke folgt: „Noch klein und unsicher sein / Endlich groß und sich sicher sein / Schon alt und wieder unsicher sein // So wird es sicher sein.“
Anton G. Leitner/Matthias Kröner: „Das Gedicht #33“, Anton G. Leitner Verlag, 224 Seiten, 20 Euro.

