Luxus-Kita in München Für Geld gibt's Zeit

Zweiklassengesellschaft ab dem Windelalter? Ein Platz in der Münchner Wichtel-Akademie kostet bis zu 1280 Euro im Monat. Dafür gibt es vegetarische Gerichte, Yoga-Stunden, ein Mini-Oktoberfest und vor allem: richtig lange Öffnungszeiten.

Von Beate Wild

Morgens ab halb acht herrscht in der Wichtel-Akademie am Biederstein Hochbetrieb. Ein ständiges Kommen und Gehen von Müttern und Vätern, die ihre Kleinen abgeben. Schnell ein paar Worte mit den Erzieherinnen gewechselt, ein Winken - und schon sind die gestressten Eltern weg, auf dem Weg zu ihrem Job.

Schon der Name der Kita in Schwabing lässt aufmerken: Das Wort Akademie weist auf ein Publikum mit höheren Ansprüchen hin - und so ist es auch. 1280 Euro kostet hier ein Krippenplatz im Monat, dafür muss das Kind auch erst um 18:30 Uhr wieder abgeholt werden und nicht, wie in anderen Kitas üblich, um 17 Uhr.

Auch Valerie Holsboer hat gerade ihre Tochter Laura in der Wichtel-Akademie abgegeben. Vor sich hat sie einen anstrengenden Arbeitstag voller Termine und Besprechungen. "Es geht nicht anders, sonst könnte ich meinen Job nicht ausüben", sagt die Rechtsanwältin und Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Systemgastronomie. Laura ist in der Kita, seit sie ein halbes Jahr alt ist. Ihrer Mutter sind die Öffnungszeiten neben dem Betreuungsschlüssel und der Nähe zum Arbeitsplatz das Wichtigste. Es kommen vorwiegend Eltern wie Holsboer zur Wichtel-Akademie: Karrierefrauen, Väter in Führungspositionen, Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen, Münchens obere Zehntausend. Aber ist der hohe Preis gerechtfertigt - oder nur Abzocke?

Zum Oktoberfest gibt es eine Wichtel-Wiesn

Aus einem Spielzimmer sind Kinderlieder zu hören. Eine Gruppe macht sich gerade an den Händen haltend auf den Weg in den Innenhof. In einer Spielecke robben Ein- bis Zweijährige über den Boden. Einige der mehr als 100 Kinder der Schwabinger Wichtel-Akademie sind bei einem Ausflug im benachbarten Englischen Garten. Vier Krippengruppen mit jeweils zwölf Kindern und drei Betreuern gibt es am Biederstein sowie einen Kindergarten mit derzeit drei Gruppen: jeweils 18 Kinder und drei Betreuer. Ein überdurchschnittlich guter Betreuungsschlüssel, wenn man bedenkt, dass in Bayern eigentlich nur ein Betreuer für zehn Kinder vorgeschrieben ist.

Dass seine Kunden für so viel Geld guten Service und lange Öffnungszeiten erwarten, ist für Patrick Smague, den Betreiber der Wichtel-Akademie, selbstverständlich. "Je höher das Einkommen wird, desto schwieriger kommt man abends pünktlich aus dem Büro", sagt der 43-Jährige. Sein Angebot reicht von Englischunterricht über mathematische Früherziehung bis hin zu Yoga-Stunden.

Sonderwünsche, etwa nach vegetarischem Essen oder dem Verzicht auf Schweinefleisch, werden anstandslos erfüllt. Vor dem Haus liegt ein Garten, in dem die Kinder Obst und Beeren anbauen. Je nach Saison gibt es Themenschwerpunkte, so wurde etwa zum Champions-League-Finale mit den Kindern Fußball gespielt und zur Oktoberfestzeit wird die Wichtel-Wiesn gefeiert, mit Bayern-Deko, Blasmusik, Schunkeln und Brezn.

Zehn Standorte der Wichtel-Akademie gibt es mittlerweile in München, vor drei Jahren waren es nur drei. Insgesamt werden hier etwa 620 Kinder betreut. Und "mehrere Hundert" stünden derzeit auf der Warteliste, behauptet Smague - ein gewisser Widerspruch zu dem Schild an der Wichtel-Akademie in der Dietlindenstraße, das verkündet, es seien noch Plätze frei. 150 Erzieherinnen und Betreuerinnen sind bei der Firma beschäftigt, Männer gibt es nur acht. "Gerade bei den Babys wollen Mütter doch lieber Betreuerinnen", so erklärt Smague den Frauenüberschuss.

Als er vor drei Jahren die Wichtel-Akademie übernahm, gab es morgens und abends noch einen Abholservice für die Kleinen, doch der wurde von den Eltern kaum in Anspruch genommen und deshalb abgeschafft. "Die Eltern wollen ihr Kind lieber selbst herbringen und beim Abholen am Abend hören, was tagsüber los war", sagt Smague. "Schnittstelle" nennt er das Aufeinandertreffen von Erziehern und Eltern am Morgen und am Abend. Die Betreuerinnen machen deshalb auch laufend Fotos von den Kindern, damit Mama und Papa abends dokumentiert bekommen, was der Nachwuchs in ihrer Abwesenheit so gemacht hat. Probleme wie die städtischen Krippen, genügend Erzieherinnen zu finden, hat Smague nicht. Er lockt mit einem übertariflichen Gehalt, einer privaten Altersvorsorge und einem MVV-Ticket.