Indierock-Album mit großer Besetzung:Popstars im Pub

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Lunsentrio

Die Hosen hoch: Das Lunsentrio mit Albert Pöschl, Sebastian Kellig, Hank Schmidt in der Beek, Nick McCarthy und Martin Tagar (v.l.) liebt schräge Bühnenkostüme.

(Foto: Anna McCarthy)

Das "Lunsentrio" um den ehemaligen "Franz Ferdinand"-Gitarristen Nick McCarthy spielt auf seiner dritten Platte eine schrullig-schlaue Tresenrevue.

Von Michael Zirnstein, München

Wenn ein Albumtitel "69 Arten den Pubrock zu spielen" verheißt, aber 13 Nummern auf der Platte sind, ist das freilich ein Witz. Das Lunsentrio kennt bekanntlich viel mehr Wege, Kneipen zum Klingen zu bringen. Oder auch Freiluftschankflächen, wie neulich am Giesinger Grünspitz. Live ist das immer eine Schau und ein Ohrengrausschmaus, ebenso durchinszeniertes Rock-Cabaret wie schrulliges Happening. Unvorhersehbar mannigfaltig, weil bei Auftritten des Lunsentrios unzählige Unikate der Münchner Szene mitmischen und damit die Spielmöglichkeiten des Stammdreiers exponentiell potenzieren. Zuerst waren da Hank Schmidt in der Beek, Sebastian Kellig und Nick McCarthy. Letzterer denkt immer noch nicht dran, zu dem ihm zustehenden Rockstar-Status mit seiner Bestseller-Band Franz Ferdinand zurückzukehren und sich etwa am 22. März 2022 mit dem "weißgekachelten Nightliner" vor die Zenithhalle chauffieren zu lassen. McCarthy bevorzuge die "biernasse Geselligkeit der letzten Tram nachhause", steht in der Info zum dritten Album seines Lieblingsprojekts zu lesen. Mit diesem habe er die "historische Entstehung des Genres Pubrock als Gegenentwurf zum Stadien- und Superrock" vorangetrieben.

Den einen Pubrock, also einen stilistisch definierten, gibt es natürlich nicht. Es kann nur einen geben, das galt beim Grünspitz-Gig noch nicht mal für den Produzenten und Drummer. Weil Sebastian Kellig wegen der Corona- und Brexit-Umstände in London, wo er das Sausage-Studio mit McCarthy betreibt, festsaß, übernahmen drei Schlagzeuger wie Cpt. Yossarian alias Manu da Coll (La Brass Banda) seinen Part. Weitere Gäste folgten, so wie auf dem Album ein Dutzend Musiker wie Theresa Loibl, Tom Wu, Mathias Götz oder zwei von Haindling alles Mögliche vom Banjo bis zur Autofelge bedengeln. Dennoch ufert das Album nicht aus, was auch daran liegt, dass das Trio-Stamm-Quintett (mit Albert Pöschl und Martin Tagar) keine Soundfiles um die Welt schickte, sondern sich erstmals zur dichten Aufnahme in einer Scheune einfand. Bei einer rumpelig-herzlichen Tresenrevue wechseln sich da Rock, Folk, Protopunk, Ska und Wave ab, mit vielen Verweisen etwa zu Ian Dury, Eddie & The Hotrods oder Geier Sturzflug. Auch haben diese Pop-Archälogen mit "Isan" (1983) von den Berliner Türken-Punks Kobra einen Schatz mit Sprengkraft gehoben.

Die inhaltlichen Bezüge in den kunstvollen Texten des Pullover-Poeten, Milieu-Malers und Schüttelreim-Shouters Hank Schmidt erscheinen so schlau wie unerschöpflich: vom Volks-Rock'n'Roller Andreas Gabalier zur Erich-Mühsam-Platte der Punkband Slime, vom Heimatminister zum unbekannten Knast-Romancier Peter-Paul Zahl, nichts Abwegiges, was er in seinen Stücken nicht leidenschaftlich verreißen oder preisen würde. Vom Thekentalk zum Manifest - weniger im Wie, als im Was liegen die unendlichen Arten, den Pubrock zu spielen.

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