Luftbelastung Fahrradfahrer bekommen in München am meisten Stickstoffdioxid ab

Kaum Alternativwege: Fahrradfahrer müssen in München die großen Straßen wählen.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Forscher haben im Auftrag von Greenpeace in zwölf deutschen Städten die Konzentration von Stickstoffdioxid in der Luft gemessen.
  • Dramatisch ist die Lage für Fahrradfahrer: Fünf der sieben schlechtesten Messwerte bei Testfahrten stammen aus München.
Von Christoph Koopmann

Tobias Riedl ist selber überrascht von dem, was er und seine Mitstreiter bei der Umweltorganisation Greenpeace da herausgefunden haben: Nirgends stinkt die Luft für Radler so sehr wie in München. "Die Luftverschmutzung kann wirklich gefährlich werden", sagt Riedl, einer der Verkehrsexperten bei Greenpeace. Dabei bezieht er sich auf eine Studie der Umweltorganisation, die am Mittwoch veröffentlicht wird, und die der SZ vorliegt. Sie befasst sich mit der Belastung der Atemluft durch Stickstoffdioxid (NO₂), das als Auspuffgas vor allem von Diesel-Fahrzeugen in die Luft gelangt.

Forscher der Uni Heidelberg haben im Auftrag von Greenpeace in zwölf deutschen Städten an verschiedenen Stellen die NO₂-Konzentration in der Luft gemessen. Das Auspuffgas kann Atemnot, Schwindelgefühle und Kopfschmerzen auslösen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass schon Dosen von 40 bis 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft über längere Zeit gefährlich sind.

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"Ab 200 Mikrogramm ist NO₂ sogar giftig", sagt Tobias Riedl. Vor allem für Asthmatiker könne es ab dieser Schwelle wirklich gefährlich werden. Deshalb darf der Grenzwert in Deutschland pro Jahr im Schnitt nicht mehr als 40 Mikrogramm pro Kubikmeter betragen, innerhalb einer Stunde nicht mehr als 200 Mikrogramm.

Zur Kontrolle gibt es in München fünf dauerhafte Messstationen - kein besonders dichtes Netz. Um herauszufinden, wie die NO₂-Belastung flächendeckend ausfällt, hat Greenpeace in München an 22 Orten mit einem Messgerät ermittelt, wie hoch die Werte direkt am Straßenrand und etwas abseits der Straßen sind. Das Ergebnis: An 13 der 22 Messpunkte - zumeist Hauptverkehrsachsen - wird der 40-Mikrogramm-Grenzwert überschritten, am Gasteig und an zwei Stellen entlang der Landshuter Allee sogar um das Doppelte.

Die Studie bestätigt das Bild, das die Messungen der fünf dauerhaften Mess-Stationen in München zeichnen: hohe Belastung an viel befahrenen Straßen, geringere Belastung in abseitig gelegenen Gebieten. München liegt damit im Vergleich gar nicht schlecht und unter den zwölf untersuchten Städten im unteren Mittelfeld.

Weitaus dramatischer hingegen ist die Belastung für Radfahrer. Denn im Münchner Stadtgebiet, so die Studie, verliefen fast alle Radwege direkt neben viel befahrenen Straßen oder Radfahrer müssten gleich auf der Straße fahren.

"Es gibt kaum Alternativ-Strecken", beklagt Andreas Groh, Vizechef des Allgemeinen Deutschen FahrradClubs (ADFC) in München. Dementsprechend viel Stickstoffdioxid bekommen die Radler ab - zumal man beim Radfahren durch die Anstrengung "drei- bis viermal mehr Luft einatmet als gewöhnlich", so Groh weiter. Um entsprechende Werte zu ermitteln, wurde das NO₂-Messgerät für die Greenpeace-Studie auf einem Fahrrad montiert.

Bei fünf Messfahrten durch München zeigte sich: Die durchschnittliche Belastung lag stets bei mindestens 72 Mikrogramm, während einer zweistündigen Fahrt durch die Innenstadt sogar bei 108,7 Mikrogramm. Regelmäßig wurden Werte über der Gefahrenschwelle von 200 Mikrogramm festgestellt, einmal sogar 664,46. Der Studie zufolge besteht in München damit "eine sehr hohe gesundheitsgefährdende Belastung für Radfahrer".

"Die Fahrrad-Werte sind in allen Städten im Vergleich zu den stationär gemessenen sehr hoch", sagt Greenpeace-Sprecher Riedl. In München sei sie besonders deutlich: Fünf der sieben schlechtesten Messwerten aus den untersuchten Städten stammen aus München.

Greenpeace und der ADFC fordern deshalb mehr Fahrradwege abseits viel befahrener Auto-Strecken. Außerdem müssten mehr Straßen zu Fahrradstraßen umfunktioniert werden - allerdings hat München nach Angaben der Stadt mit bislang 58 Fahrradstraßen schon die meisten bundesweit.

Die Stadt sieht vorerst keinen Handlungsbedarf

Das Gesundheitsreferat sieht daher keinen Nachholbedarf. Es gebe bereits ein gut ausgebautes Radwegenetz, und "außerdem sind Radfahrer den hohen NO₂-Belastungen nur punktuell ausgesetzt, nicht auf Dauer", sagt Referatssprecher Alois Maderspacher. "Sicher, schöne Strecken zum Radfahren gibt es hier auch", sagt der Münchner ADFC-Vize Groh dazu. Dennoch müsse die Stadt mehr tun, um die Gesundheit der Radler zu schützen.

Vor wenigen Wochen wurde die Stadt sogar von einem Gericht ermahnt, die NO2-Grenzwerte einzuhalten - nicht zum ersten Mal. Doch die Stadtverwaltung fühlt sich alleingelassen: Man könne die 40 Mikrogramm im Jahresdurchschnitt nicht ohne Hilfe von Land und Bund einhalten.

Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs beklagte nach der gerichtlichen Mahnung im Stadtrat: "Wir als Kommune sollen einen Gordischen Knoten zerschlagen, ohne das Handwerkszeug dafür zu haben." Bisher tut sich bei der Luftreinhaltung wohl auch deshalb nicht viel: Erst Ende August wurden an der Messstation Landshuter Allee 157 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter gemessen.

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