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Ludwigsvorstadt/Sendling:Ein Projekt, das die Zukunft nicht gefährdet

Lokalpolitiker fordern, beim Umbau der Lindwurmunterführung im Jahr 2023 zugleich die Weichen für zwei Vorhaben zu stellen: einen Regional- und S-Bahnhof Poccistraße und eine für Radfahrer wichtige Nord-Süd-Verbindung

Von Birgit Lotze

Die Lindwurmunterführung soll im Jahr 2023 umgebaut werden. Lokalpolitiker der zwei an sie angrenzenden Stadtteile befürchten, dass dabei zwei ihnen wichtige Zukunftsprojekte verloren gehen könnten: Es geht um einen S-Bahn-Anschluss und um eine Radstrecke - eine Nord-Süd-Verbindung mit Fußweg. Beide Trassen würden über die Lindwurmbrücke führen und müssten, sollen sie in den nächsten Jahrzehnten verwirklicht werden, bereits bei den aktuellen Planungen berücksichtigt werden.

In ihrer Stellungnahme im Planfeststellungsverfahren fordern die beiden Bezirksausschüsse (BA) Ludwigsvorstadt- Isarvorstadt und Sendling die Bahn und die Stadt einstimmig auf, dass bei der Sanierung der Eisenbahnbrücke ein leistungsfähiger S-Bahnhof "gleich mitberücksichtigt, zumindest nicht verbaut" werden soll, mit möglichst vier Bahnsteigkanten, er solle auch den Belangen des Fernverkehrs gerecht werden. Das Gleiche fordern sie auch für eine Radroute, die eine autofreie Verbindung von Untergiesing über die Isar über die Braunauer Eisenbahnbrücke, über die Theresienwiese bis zum westlichen Ende des Westparks schaffen könnte.

Die Deutsche Bahn erneuert die Eisenbahnüberführung mit den sechs Gleisverbindungen - nicht nur aus Altersgründen, die Lindwurmbrücke ist mehr als hundert Jahre alt. Auch soll der angrenzende U-Bahnhof Poccistraße zum Regionalbahnhof für die Strecke München-Rosenheim ausgebaut werden. Der Bahnsteig soll von der Straße aus im Bereich der Lindwurmbrücke barrierefrei erreichbar sein. Die Bahn will damit eine Verknüpfung schaffen zwischen U 3 und U 6 und den auf dem Südring verkehrenden Regionalzügen Richtung Mühldorf, Kufstein und Salzburg. Das verkürze Umsteigezeiten, heißt es bei der DB, und solle die Umsteigepunkte Ostbahnhof, Odeonsplatz, Marienplatz und Sendlinger Tor entlasten.

Platz für Fahrradfahrer gibt es seit bald zwei Jahren in der Lindwurmunterführung. Wird sie modernisiert, sollen fünf Fahrspuren für Autos angelegt werden. Denn laut Prognosen nutzen im Jahr 2035 nicht 21.000 Pkw wie aktuell, sondern 35.000 die Unterführung

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Dass die Lindwurmüberführung umgebaut wird, begrüßen auch beide Bezirksausschüsse. Vor allem wegen positiver Veränderungen für Radfahrer und Fußgänger, die sich schon im Vorfeld des Umbaus unter der Brücke ergeben haben. Auch wenn, wie Paul Bickelbacher (Grüne), der den Entwurf für die Stellungnahme erarbeitete, im BA Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt anmerkte, dass die bisherigen Planungen noch nicht den Radentscheid berücksichtigen konnten und breitere Gehwege wünschenswert seien.

Aktuell wird die baufällige Brücke abgestützt. Mit dem kleinen Umbau wurden Radfahrstreifen in beide Richtungen aufgebracht, im Herbst 2018 wurde das "neue System" probeweise eingeführt, inzwischen gilt es als dauerhaft, bestätigen die Behörden. "Das bedeutet ein großes Plus an Sicherheit für Radler und Fußgänger, weil sich beide nun nicht mehr auf dem zuvor gemeinsam genutzten schmalen Gehweg in die Quere kommen", urteilte Ende des vergangenen Jahres Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle.

Der Autoverkehr rollt wegen der breiteren Spuren für die schwächeren Verkehrsteilnehmer in beide Richtungen nur noch einspurig durch die Unterführung. Dafür teilte man den Verkehr auf der Implerstraße und der Lindwurmstraße auf Richtungsspuren mit Pfeilen auf und fährt offenbar gut damit: In der Testphase seien keine nennenswerten Leistungseinbußen für den motorisierten Verkehr festgestellt worden, so das Kreisverwaltungsreferat. Für den Autoverkehr soll sich bis zur Erneuerung der Unterführung im Jahr 2023 nichts ändern. Nach dem Umbau seien allerdings fünf Spuren notwendig, heißt es im Planungsreferat. Derzeit nutzten rund 21 000 Autos die Route, 2035 gehe es allerdings um 35 000 Autos, die unter die Lindwurmunterführung pro Tag durchfahren, so die Prognose. Auch könne man mit der neuen Unterführung nicht unter eine Höhe von 4,50 Meter gehen. Schließlich sei dies eine wichtige Verbindung für den Wirtschaftsverkehr.

Regionalzüge, die S-Bahn, aber auch Radfahrer und Fußgänger könnten in einigen Jahren die dann erneuerte Lindwurmbrücke nutzen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Geht es nach den Lokalpolitikern, reicht eine Durchfahrtshöhe von vier Metern - aus gestalterischen und aus Kostengründen, sagt Bickelbacher. Hohe Transporter könnten ausweichen. In nur 500 Meter Entfernung nach Westen stehe die Radlkoferbrücke ohne jegliche Höhenbegrenzung zur Verfügung. Ebenso sind die Lokalpolitiker der Ansicht, dass drei Fahrspuren genügen. Dafür sollen die Seitenräume breiter, also mehr Platz für Geh- und Radwege geschaffen werden.

Auf Paul Bickelbacher, Stadtrat und Mitglied im Bezirksausschuss Ludwigsvorstadt, gehen die Vorschläge zurück - sowohl für einen S-Bahnhof, der sich im Zusammenhang mit dem an die Lindwurmunterführung angrenzenden ehemaligen Südbahnhof ermöglichen ließe, als auch für die Radroute, die eine Nord-Süd-Verbindung schaffen würde. Der Stadtplaner hat erstmals während eines Praktikums in den Neunzigerjahren im städtischen Planungsreferat an der Radrouten-Idee gearbeitet. "Eine solche Verbindung bietet die einzigartige Gelegenheit, den weitläufigen Bereich des Westparks und die Schwanthalerhöhe über eineinhalb Kilometer mit der Isar zu verbinden, ohne mit dem Autoverkehr in Berührung zu kommen", sagt Bickelbacher.

Für eine Verwirklichung käme dabei neben der Lindwurmbrücke der Braunauer Eisenbahnbrücke als Querungsmöglichkeit über die Isar eine zentrale Rolle zu. Bei der Bahn stießen allerdings Anträge und Aufforderungen zur Öffnung für Fußgänger und Radfahrer der von Zügen genutzten Braunauer Eisenbahnbrücke seit Jahrzehnten auf geringe Resonanz. Platz für zwei Spuren wäre jedenfalls neben den Gleisen vorhanden. Die Stadt teilte dazu vorsichtig mit, sie strebe an, die erforderlichen Abstimmungen mit der DB Netz AG bis voraussichtlich 2021 zu klären.

© SZ vom 15.09.2020

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