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Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt:Die Hinterhof-Wochenschau

Zwischen 1978 bis 1980 entstanden in der Glockenbachwerkstatt an die 80 Videobänder, die heute Dokumente einer bewegten Zeit sind. Etliche Filme wurden digitalisiert und sind nun im Haus an der Blumenstraße zu sehen

Ein paar O-Töne von damals - auf Videobändern: Die "Glockenbach-Wochenschau" wird an diesem Mittwoch, 23. Oktober, nach etwa 40 Jahren noch einmal gezeigt. Etwa zwanzig Beiträge aus den Jahren 1978 bis 1980 sind erhalten und wurden kürzlich mit finanzieller Unterstützung des Bezirksausschusses digitalisiert. Die Wochenschau ist in der Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7, von 19 Uhr an zu sehen.

Die Wochenschau war eng mit der Glockenbachwerkstatt verbunden. Die Werkstatt wurde 1977 im Glockenbachviertel von einer Elterninitiative ins Leben gerufen und zu einem Bürgerhaus ausgebaut, das sich zu einer soziokulturellen Oase entwickelte: Jeder, generationsübergreifend, konnte mitgestalten. In der Aufbruchstimmung der frühen Jahre war auch alternative Medienarbeit wichtiger Bestandteil.

Die damalige Medienlandschaft stellte sich den Aktivisten so dar: zwei öffentlich-rechtliche Fernsehanbieter mit dritten Programmen, die nur zu bestimmten Zeiten senden, Radio der gleichen Anstalten, also Monopol. Kein Privatfernsehen, kein Mobiltelefon, geschweige denn Internet. Die Zeitungsmedien waren rein privatwirtschaftlich organisiert und boten so den nach Bürgerbeteiligung und freien Medienzugang strebenden Bewegten auch keine Alternative.

"Die Verteilung eigener Inhalte konnte nur über Vorführungen in Form traditioneller Wochenschauen erfolgen", erinnert sich Hans-Albrecht Lusznat, der damals in der Glockenbachwerkstatt als Medienpädagoge auf Honorarbasis angestellt wurde und das Projekt Wochenschau startete. Da war Lusznat gerade mal 22 Jahre alt, studierte Kommunikationswissenschaften (KW) und hatte bereits - als Praktiker - eine Halbtagesstelle beim Institut für Film und Fernsehen.

Seit Anfang des Jahrzehnts gab es portable Videoanlagen auf einfachem Niveau, mit denen sich ohne große Materialkosten Bewegtbildfilme herstellen ließen. Die Macher und Nutzer der Glockenbachwerkstatt nahmen die Kamera mit auf Kinderfreizeiten, stellten Spielfilme im Medienraum und auf der Straße her, dokumentierten Konzerte. Auch ganz individuelle Streifen wurden gedreht, wie der Jugendclip, der 30 Minuten lang das Gesicht eines Fans während eines Fußballspiels des TSV 1860 dokumentiert. Wurde auf der Straße oder im Studio gedreht, dann oft in großen Gruppen. Die Hauptarbeit wurde danach in kleinen Teams am Schneidetisch erledigt. Zu den Vorführungen seien meist so 30 bis 40 Menschen gekommen, schätzt Lusznat. Die Filme wurden mehrmals gezeigt. Das Kino der Glockenbachwerkstatt befand sich im Raum zum Hof, dafür war eigens auch ein Vorführraum eingerichtet worden. Schließlich sollte das Knacken des Projektors nicht so laut zu hören sein.

1977 war ein ereignisreiches Jahr: Hanns Martin Schleyer wird entführt und ermordet, in Mogadischu befreit die GSG 9 die Landshut, in Brokdorf demonstriert die Anti-Atomkraft-Bewegung, Elvis Presley stirbt und Günter Wallraff enthüllt in "Der Aufmacher" die Praktiken der Bild-Zeitung. Und München steht kurz vor dem politischen Wechsel: 1978 wird Erich Kiesel Oberbürgermeister Georg Kronawitter ablösen, und damit sollte das Rathaus erstmals nach 30 Jahren SPD in der Hand der CSU sein.

Die Glockenbachwerkstatt verlieh ihre Kameras auch. Einer der eifrigsten Nutzer im Viertel war die Bürgerinitiative "Krablergarten". Die BI kämpfte für den Erhalt eines Biergartens hinter der Stadtsparkasse am Sendlinger Tor - in Richtung Thalkirchner- und Müllerstraße. Auch damals schon ging es um Gentrifizierung, auch wenn es nicht so genannt wurde. Auch Altbauwohnungen im Hinterhof wollte die Initiative retten, sie dokumentierte, wie das Baureferat sich über die Veränderungssperre hinwegsetzte, die Baumschutzverordnung durch ein Gefälligkeitsgutachten umgangen wurde, wie das Denkmalschutzamt den Abriss bedauert. Das neue Geschäftshaus wurde gebaut. Wo der Biergarten war, sei heute die Tiefgarageneinfahrt zur Stadtsparkasse, berichtet Lusznat.

Hans-Albrecht Lusznat (re.) hat nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften in München an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg Dokumentarfilm studiert und danach als Kameramann etwa 300 Dokumentarfilme gedreht - wie hier mit dem Bayerischen Fernsehen.

(Foto: Hans Albrecht Lusznat/oh)

Um die 80 Bänder seien für die Wochenschau entstanden, sagt er. Über die zweieinhalb Jahre hätten etwa 50 bis 60 Leute an dem Wochenschau-Projekt aktiv mitgearbeitet. Nach 1980 sei diese Form der Medienarbeit eingeschlafen: Privates Fernsehen, erste Piratensender und offener Kanal veränderten die Bedürfnisse, erzählt Kameramann Hans-Albrecht Lusznat. Und später dann habe ohnehin jeder für sich mit seinem Smartphone dokumentieren und sich darstellen können - mit weit geringerem Aufwand als die Wochenschau-Macher vor einigen Jahrzehnten.

Die Wochenschauen werden nach und nach veröffentlicht, der erste Beitragsfilm liegt vor: https://www.youtube.com/watch?v=N9jx4FtLGI0