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Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt:Bismarck und die E-Gitarren

Seit 1934 steht die Bismarck-Statue an der Boschbrücke.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Am Samstag weist eine audiovisuelle Installation am Isarkai auf die imperialistische Politik des ersten Reichskanzlers hin

Von Veronika Ebner, Isarvorstadt

Als "postkoloniales Happening" versteht sich das Projekt "Amp Wall Monument Confrontation", auf Deutsch "Konfrontation eines Denkmals mit einer Wand aus Verstärkern". Eine Skulptur aus etwa 36 Gitarrenverstärkern soll am Samstag, 12. Juni, dem Bismarck-Denkmal am Isarkai neben der Boschbrücke gegenüber stehen. Mit zwölf an die Verstärker angeschlossenen E-Gitarren lassen Musiker über den Tag verteilt immer wieder die einstündige Komposition "Colonial Doom Drone" erklingen. Die Schallwellen sollen das von Fritz Behn erbaute Bismarck-Monument zum Leben erwecken und auf Europas imperiale Vergangenheit aufmerksam machen.

Denn bisher steht die Statue, die an den ersten Reichskanzler Otto von Bismarck und seine maßgebliche Beteiligung an der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erinnern soll, ohne weitere Kontextualisierung da. Dabei ist die Geschichte gar nicht uninteressant: Bismarck gilt als Begründer des deutschen Imperialismus. In der von ihm organisierten Westafrika-Konferenz in Berlin 1884 teilten sich die europäischen Kolonialmächte Afrika auf. Der rechtsnationale Industrielle Paul Reusch stiftete 1931 das Denkmal. Es war zunächst für einen prominenten Platz im Deutschen Museum gedacht. Museumsgründer Oskar von Miller, der keinen Platz für Politisches in seinem Haus sah, konnte dieses Vorhaben jedoch verhindern.

Als Konsequenz wurde das Monument vor der Kongresshalle des Museums errichtet, aber schon damals gab es öffentliche Kritik. 1934 versetzen die Nationalsozialisten die Bismarck-Statue schließlich aus nicht endgültig geklärten Gründen an den Standort nördlich der Boschbrücke in der Isarvorstadt, wo sie bis heute unverändert etwas ab vom Schuss steht. Im Zuge der "Black Lives Matter"-Proteste wurde die Inschrift "Ehrenbürger der Stadt München", welcher Bismarck seit 1895 ist, mit roter Farbe übermalt.

Die temporäre audiovisuelle Installation des Künstlers Kalas Liebfried möchte das Monument mit seiner Geschichte und seinem Kontext konfrontieren. Die große Mehrheit im Bezirksausschuss (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt - Grüne/Rosa Liste, SPD und Linke, unterstützen das Projekt, sie wünschten sich eine Informationstafel, die nach der eintägigen Aktion weiterhin auf den kolonialen Kontext Bismarcks verweist. CSU und FDP äußerten Lärmschutzbedenken. Die stundenlange Beschallung sei den Anwohnern nicht zumutbar, kritisierten sie. Die Befürworter verwiesen darauf, dass die Lautsprecher ohnehin verplombt seien, eine Überschreitung der zulässigen Lautstärke sei so nicht möglich. Außerdem sei es wichtig und gerechtfertigt, auf diese Weise die Münchner für den historischen Kontext des Denkmals zu sensibilisieren.

© SZ vom 09.06.2021
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