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Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt:Beschleunigter Puls

In Münchens schillerndstem Stadtbezirk stehen in den kommenden Jahren massive Veränderungen an. Andreas Klose, der neue Chef des Bezirksausschusses, will möglichst viele Freiräume für die Bewohner schaffen

Rotlichtviertel, Partymeile, die zweitgrößte Schwulenszene der Republik, Betten-Hochburg für Touristen - der zweite Bezirk ist Münchens schillernster Stadtteil. Erster Ansprechpartner für politische Fragen ist seit einigen Wochen der Kreditanalyst Andreas Klose von der Rosa Liste, 52 Jahre alt. Er ist nach dem überraschenden Tod von Alexander Miklosy zum Chef des Bezirksausschusses avanciert. Immerhin konnte er sich in fünf Jahren im Bezirksausschuss (BA) von der Situation in der Ludwigsvorstadt - Isarvorstadt ein Bild machen.

Klose wuchs in Bonn auf, zog nach Studienende an den Gärtnerplatz und arbeitet ehrenamtlich seit Jahren im Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum Sub mit. Der Bankfachmann tritt sehr pragmatisch auf. Wie Miklosy ist Klose bekennender Homosexueller und engagiert sich für ein liebenswertes und tolerantes Viertel. Wie sein Vorgänger setzt er auf einen fairen Umgang miteinander. "Für mich ist es wichtig, die Leute einzubinden."

Welche Ziele hat er sich für das Viertel gesetzt? Er hat vor allem vor, "Freiräume für alle" zu schaffen - eben weil der zweite Stadtbezirk so dicht bebaut ist. Das könnten Plätze sein, wie der St.-Pauls-Platz, den die Stadt heuer aufhübschen will, auch der Baldeplatz und der Holzplatz sind auf Kloses Agenda. Anfragen dazu, vor allem zum Holzplatz, gebe es genügend, sagt er. Allerdings wünschten die Anwohner gleichzeitig möglichst wenig Veränderung. "Sie fürchten, dass ein zweiter Gärtnerplatz entstehen könnte." Fast keine Plätze gebe es hingegen im Bahnhofsviertel, wo bald gravierende Veränderungen in Gang gesetzt werden. Von 6. Mai an wird dort gebaut, zunächst die Schalterhalle des Hauptbahnhofs abgerissen. Viel hänge dort von der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes ab, danach richte sich, wie grün und durchlässig die Gegend werde, ebenso die Gestaltung der Bayer-, Paul-Heyse- und Schwanthalerstraße, sagt der neue BA-Chef. Dann zeige sich, ob zulasten des Autoverkehrs Spuren reduziert werden könnten. Klose hält an der Forderung fest, dass Radfahrer den Hauptbahnhof von überall vernünftig erreichen können. "Derzeit kommt man von unserem Viertel aus nirgendwo direkt dorthin - außer über die Goethestraße, und die ist dort stark frequentiert."

Hauptbahnhof in München vor Umbauarbeiten, 2019

Klose fordert, dass Radfahrer den Hauptbahnhof von überall vernünftig erreichen können.

(Foto: Robert Haas)

Im Bahnhofsviertel will Andreas Klose "das Miteinander fördern". Es gebe Passanten und Anwohner, die sich dort unsicher fühlten, die Charaktere dort seien sehr unterschiedlich. Dann sei da auch der sogenannte Arbeiterstrich. Deshalb solle es mit den Vereinen Kommunikation und Kooperation geben - mit dem Ziel, die Lage zu verbessern. Ob der Kommunale Sicherheitsdienst eine Lösung bieten kann, hat sich für Klose bislang nicht gezeigt. Ebenso stehe noch aus, ob sich das Alkoholverbot auf dem Areal des Hauptbahnhofes bewähre. Er ist skeptisch: "Dann nippt man eben an der Flasche in der Papiertüte."

Den Wohnanteil im Bahnhofsviertel stärken - dies ist die Hauptforderung des Vereins Südliches Bahnhofsviertel. Auch der Bezirksausschuss sieht die wachsende Monostruktur mit Sorge. Klose hofft, dass die Stadtverwaltung doch noch Möglichkeiten findet, wie man den Wohnungsanteil erhöht. Die Struktur ändere sich derzeit gravierend, ausschließlich große internationale Ketten fragten wegen Ausbauten an, die ansässigen Hoteliers seien da "lediglich Bestandsverwalter". Ausgewiesen als "Kerngebiet", ist im Bahnhofsumfeld Hotelbau grundsätzlich erlaubt. Deshalb gebe es derzeit keine Handhabe dagegen.

Andreas Klose, Neuer BA Vorsitzender, Isarvorstadt

Wandel im Blick: Andreas Klose, 52, hat die Projekte am Hauptbahnhof, im Bahnhofsviertel und auf dem Viehhofareal auf der Agenda.

(Foto: Florian Peljak)

Viel verändert sich im Stadtteil in den nächsten Jahren. Zwischen Stachus und Bahnhof wird der futuristisch anmutende neue Königshof gebaut, nach der Fusion von Karstadt und Kaufhof fürchtet Klose, dass eines der dort ansässigen Warenhäuser verschwinden könnte. "Eine ideale Fläche für Investoren." Motel One will zwei umstrittene Hotelbauten an der Ecke zur Schillerstraße bauen, eine andere Kette plant eine Ecke weiter ein Hotel mit automatischem Einchecken ohne Rezeption.

Die aktuell noch größte Baustelle - am Sendlinger Tor - bleibt vorerst. Bis 2022 wird vor allem unter der Erde der U-Bahnhof ausgebaut. Das Volkstheater im Schlachthofviertel wird nicht vor 2021 fertig, damit sei dann "eine der Perlen" des Stadtteils, wie Klose den ehemaligen Viehhof nennt, großflächig belegt. Eine Freifläche hätte der Stadt an dieser Stelle gutgetan, sagt er. Allerdings finde er sich auch gut mit der Entscheidung des Stadtrats ab, sie für ein Theater zu nutzen. Dafür werde ein öffentlich nutzbarer Grünzug angelegt, die geplante Wohnbebauung nicht so massiv und Künstlerateliers integriert, hofft er und vermutet, dass eine weitere Veränderung des Geländes kaum vor 2025 angegangen werde - schon weil dort noch Gewerbetreibende mit länger laufenden Verträgen ansässig seien. Auf das benachbarte Kulturzentrum, das 2020 eröffnet wird, freue er sich, sagt Klose.

Viel wird sich auch im Viehhof-Areal in Zukunft verändern.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Grundstimmung im Stadtteil ist pulsierend. Für Andreas Klose gibt es allerdings eine Barriere. Wer von der Lindwurmstraße zum Bahnhofsviertel gehe oder radle, wechsle "von einer Welt in eine andere" - durch das Klinikviertel. Er wolle sich für noch mehr "Durchwegung" einsetzen. Wie es dort weitergehe, liege noch in der Hand des Freistaats. Nach dem Bau der Portalklinik würden die ansässigen Krankenhäuser schließen, als nächstes habe die Frauenklinik in der Maistraße ihren Auszug angekündigt.

Angesprochen auf den Parkdruck im Viertel, spricht er nicht sofort von Radwegen, deren Bau seine Fraktionspartner von den Grünen konsequent verfolgen. Für ihn "muss es ein Miteinander geben". Schließlich gebe es Menschen, die aufs Auto angewiesen seien. Er selbst hat sich allerdings entschieden: Er fährt Fahrrad. Und er freue sich über jeden, der auch umsteige. Auch bei einem weiteren Thema, das in der Schwulen-Szene am Gärtnerplatz geboren wurde, - auf dem Balkon der Cornelius-Brücke das Denkmal Ludwigs II. wieder hinzustellen - reagiert er eher pragmatisch. Der Corneliusbalkon sei ein "Ruheraum", den kleinen Platz solle man nicht mit einer großen Statue zustellen. Sofern es um Erinnerungskultur gehe, habe der bayerische König diesen Platz wohl nicht nötig: "Die größten Denkmäler sind seine Schlösser."

Im Bahnhofsviertel will Andreas Klose "das Miteinander fördern".

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Bezirksausschuss Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt tagt öffentlich am Dienstag, 30. April, von 19 Uhr an in der Gaststätte Zunfthaus, Thalkirchner Straße 76.