Um Luchino Visconti ranken sich sehr viele Legenden: Selbst Menschen, die den Regisseur kaum kannten, die ihm vielleicht nur einmal im Leben begegnet waren, wussten mindestens eine unglaubliche Anekdote über ihn zu erzählen. Was diese Geschichten alle verband, war die Schilderung von Viscontis Leidenschaft, vielleicht sogar seiner Manie. Man müsse immerzu brennen, sagte dieser – so lange, bis der Tod uns alle in Asche verwandle. Im März 2026 jährt sich Viscontis Todestag zum fünfzigsten Mal, das Filmmuseum München widmet ihm jetzt eine Retrospektive.
Visconti ist seit knapp 50 Jahren tot, und es fühlt sich an, als ob er zu einer ganz anderen Zeit, in seiner eigenen Epoche gelebt hätte. Geboren wurde er 1906 als Sohn eines Grafen aus altem lombardischem Adelsgeschlecht, seine Mutter war eine reiche Erbin. Luchino war das vierte von sieben Kindern, er wuchs in einem Palazzo in Mailand sowie einem Schloss in der Emilia-Romagna auf. Als junger Mann züchtete er Rennpferde, Mitte der Dreißigerjahre war er in Paris und geriet dort eher zufällig zum Film. Er wurde Assistent von Jean Renoir, 1943 debütierte er mit dem auf James M. Cains Roman „The Postman Always Rings Twice“ basierenden Film „Ossessione“ („Von Liebe besessen“) als Regisseur. Er galt damit als Mitbegründer des Neorealismus. Trotz oder gerade wegen seiner privilegierten Stellung wurde Visconti Kommunist (und blieb es sein ganzes Leben lang).
Die Liste seiner Filmerfolge liest sich lang, trotzdem ist sie kürzer als die seiner Theater- und Operninszenierungen. Er brachte nach dem Zweiten Weltkrieg Stücke von Arthur Miller oder Tennessee Williams auf italienische Theaterbühnen und inszenierte Maria Callas mehrmals an der Mailänder Scala. Die Nachwelt erinnert sich vor allem an seine fürs Kino entstandenen Meisterwerke, an „Il Gattopardo“ („Der Leopard“), „Rocco e i suoi fratelli“ („Rocco und seine Brüder“), „Gruppo di famiglia in un interno“ („Gewalt und Leidenschaft“) oder an die Thomas-Mann-Verfilmung „Morta a Venezia“ („Tod in Venedig“).

Bis Ende Februar werden in München die Filme von Luchino Visconti gezeigt, los geht es am 19. Dezember mit der filmischen Götterdämmerung „La caduta degli dei“ („Die Verdammten“) aus dem Jahr 1969. Der mit Stars wie Dirk Bogarde, Ingrid Thulin oder Helmut Berger prominent besetzte Film erzählt von der Machtübernahme der Faschisten im Deutschland der 1930er-Jahre sowie von einer Industriellenfamilie, die nicht ganz unbeabsichtigt an die Krupp-Dynastie erinnert. Ebenfalls noch vor Weihnachten (am 21. Dezember) zeigt das Filmmuseum Viscontis vierstündige Historienoper „Ludwig II“, wieder mit seinem damaligen Lebensgefährten Helmut Berger in der Hauptrolle (und Romy Schneider als Kaiserin Elisabeth „Sisi“ von Österreich-Ungarn).

Es gibt viele Geschichten über Visconti – und noch mehr über diesen Film. Er wurde 1972 in den Studios in Cinecittà sowie an vielen Originalschauplätzen gedreht, am Starnberger See etwa oder in Nymphenburg, in den Schlössern Neuschwanstein, Linderhof oder Herrenchiemsee. Statisten berichteten über strapaziöse Nacht-Drehs, die Bayerische Schlösserverwaltung beklagte noch Jahrzehnte später die Schäden, die das Filmteam angerichtet hatte. Künstlerisch ging Luchino Visconti keine Kompromisse ein, sein Hang zu Ästhetik und Opulenz stand auch für seine Sicht auf die Welt und ihren Zustand.
Er drehte mit den größten Stars seiner Zeit, mit Alain Delon, Claudia Cardinale, Burt Lancaster, Marcello Mastroianni oder Romy Schneider. Für die berühmte Ballszene aus „Il Gattopardo“, seinem 1963 entstandenen Epos über den Untergang des Adels während der italienischen Einigung im 19. Jahrhundert, ließ er in einem Palais einen echten Ball mit echten Grafen, Baronen und Baronessen nachstellen. Und das 48 Nächte lang. So etwas gilt heute als unvorstellbar. Wenn man sich das erst in diesem Jahr erschienene Netflix-Serien-Remake dieses Films ansieht, weiß man auch: Es ist unerreicht.
Retrospektive Luchino Visconti, Filmmuseum München, 19. Dezember bis 25. Februar 2026, www.muenchner-stadtmuseum.de

