Das Klavierduo Lucas und Arthur JussenDefinitiv mehr Harmonie als bei den Gallagher-Brüdern

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Die Optik stimmt, aber das alleine garantiert noch keine Karriere: Arthur (links) und Lucas Jussen zählen zu den gefragtesten Klavierduos unserer Zeit.
Die Optik stimmt, aber das alleine garantiert noch keine Karriere: Arthur (links) und Lucas Jussen zählen zu den gefragtesten Klavierduos unserer Zeit. (Foto: Jesaja Hizkia)

Sie werden oft für Zwillinge gehalten und auf den Klassikbühnen der Welt gibt es die Pianisten nur im Doppelpack. Arthur und Lucas Jussen aus den Niederlanden sind populär wie eine Boygroup. Wie hält man so viel brüderliche Zweisamkeit aus?

Interview von Paul Schäufele

Wenn die Pianisten Lucas, Jahrgang 1993, und sein drei Jahre jüngerer Bruder Arthur Jussen zusammen spielen, wirkt das so selbstverständlich wie Atmen. Dabei steckt hinter ihrem brüderlichen Einverständnis viel Arbeit – und Humor. Ein Gespräch mit den jungen Niederländern über das Glück des Teilens, private Zeit mit ihren Partnerinnen und große Vorbilder wie die Mozart- oder die Mendelssohn-Geschwister.

SZ: Wir sehen Sie fast immer zusammen, in erschreckender Geschwisterharmonie. Wann haben Sie das letzte Mal gestritten?

Arthur: Wir haben das Glück, dass wir einfach gut miteinander können. Aber natürlich haben wir manchmal auch Streit. Da geht es dann darum, dass ich meine Zahnbürste gelassen habe, wo sie nicht sein soll. Solche Sachen.

Kamen Sie schon als Kinder so gut miteinander aus?

Lucas: Ja, wir haben immer zusammen gespielt, nicht nur Klavier. Obwohl Arthur dreieinhalb Jahre jünger ist als ich. Wir hatten unsere eigenen Freunde, aber das hat sich dann auch gemischt.

Was müsste passieren, dass Sie nicht mehr zusammen spielen?

Arthur: Ich hoffe, dass wir nie wegen eines Streits nicht mehr zusammen spielen, wie die Gallagher-Brüder von Oasis. Obwohl die dann trotzdem eine Menge Geld verdient haben mit ihrem Comeback, glaube ich.

Lucas: Oh ja, das wäre was! (lacht)

Arthur: Na ja, solange wir fühlen, dass wir etwas Interessantes bringen können, werden wir Musik machen. Wenn das einmal nicht mehr so ist, werden wir sagen: bis hierhin und nicht weiter. Das kann sein, wenn wir 40, 60 oder 80 sind.

Sie teilen seit 25 Jahren die Klavierbank oder spielen an zwei Flügeln:  die Jussen-Brüder Lucas und Arthur, hier bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie 2022.
Sie teilen seit 25 Jahren die Klavierbank oder spielen an zwei Flügeln:  die Jussen-Brüder Lucas und Arthur, hier bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie 2022. (Foto: Friedrich Bungert)

Wer kam überhaupt auf die Idee, Sie zusammen ans Klavier zu setzen?

Arthur: Das war unsere erste Klavierlehrerin, die meinte, ihr wohnt doch zusammen, dann könnt ihr auch zusammen spielen. Ab diesem Moment haben wir immer zusammen musiziert. Wir haben das geliebt, zusammen etwas Schönes zu machen. Letztendlich ist das dann ein wenig eskaliert.

Ab wann wussten Sie, dass Sie Ihre Karriere als Duo verfolgen möchten?

Lucas: Es hat da keinen spezifischen Moment gegeben. Das war eine ganz natürliche Entwicklung. Außerdem: Wenn man sich anschaut, was es im Solo-Bereich gibt, braucht es uns nicht auch noch als Solisten. Aber wir sind überzeugt, dass es für Duos noch großen Spielraum zur Verbesserung gibt. Hier können wir etwas hinzufügen, das es noch nicht gibt. Ich hoffe, das klingt nicht arrogant.

Was möchten Sie als Duo erreichen?

Lucas: Natürlich gibt es Duos, die nur Duo spielen und das unglaublich intensiv machen. Aber oft sind es eben Gelegenheits-Duos – zwei tolle Solo-Pianisten, die man mal zusammensetzt. Das macht Spaß, aber schon die Vorbereitung ist für sie ganz anders, wenn sie zum Beispiel ein Rachmaninow-Klavierkonzert üben. Wir haben von Anfang an gesagt: Die Vorbereitung für das Duo-Spiel darf nicht anders sein als fürs Solo-Repertoire. Deshalb spielen wir auch fast alles auswendig.

Brauchen Sie, bei so viel Zweisamkeit, nicht auch Zeit für sich?

Lucas: Wenn wir auf Reisen sind, sind wir immer zusammen. An einem freien Tag sage ich dann auch nicht: So, jetzt mache ich meine Sachen, und du gehst woanders hin. Zu Hause ist es ein bisschen anders. Die Freundin von Arthur bekommt mich automatisch oft mit und andersherum meine Frau Arthur. Ich glaube, manchmal finden sie das schön, aber man möchte auch einmal Zeit alleine verbringen. Da sehen wir uns dann mal einen oder zwei Tage nicht.

Musikalisch verschwindet der individuelle Pianist im Duo, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Stört Sie das?

Arthur: Gar nicht. Wir sind stolz auf das, was wir zusammen machen. Dabei sind wir unterschiedlich. Es kommt oft vor, dass nach einem Konzert jemand zu mir sagt: Arthur, du bist wirklich so und so und Lucas, du machst das so und so. Fünf Minuten später kommt jemand anderes und sagt dasselbe, nur mit vertauschten Namen. Wir lieben dieses Chaos.

Wer ist wer? Lucas (links) und sein drei Jahre jüngerer Bruder Arthur spielen gerne mit ihrer Ähnlichkeit, Zwillinge sind sie aber nicht.
Wer ist wer? Lucas (links) und sein drei Jahre jüngerer Bruder Arthur spielen gerne mit ihrer Ähnlichkeit, Zwillinge sind sie aber nicht. (Foto: Jesaja Hizkia)

Es nervt Sie auch nicht, dass viele Sie für Zwillinge halten? Lucas: Nein, wir genießen die Konfusion. Wenn uns Leute von Nahem sehen, merken sie schon, dass wir keine Zwillinge sind, wissen aber immer noch nicht, wer der ältere ist. Ich muss auch sagen, wenn wir verglichen werden und jemand denkt, ich bin Arthur, bin ich stolz darauf. Ich bewundere ihn sehr.

In München spielen Sie wieder mit den Münchner Philharmonikern. Wie würden Sie die Beziehung zum Orchester beschreiben?

Arthur: Es war immer ein Traum für uns, mit diesem Orchester zu spielen, schon als Kinder, als wir die Aufnahmen gehört haben. Jetzt zurückzukommen, ist ein warmes Gefühl. Die Qualität ist immer top, aber auch auf menschlichem Gebiet ist das sehr angenehm für uns. Das ist vielleicht etwas naiv, aber es hilft uns, gut zu spielen.

Sie spielen an drei Abenden zwischen dem 20. und 22. November Mendelssohns E-Dur-Konzert, das er wahrscheinlich seiner Schwester zum Geburtstag geschenkt hat. Was haben Sie sich zuletzt zum Geburtstag geschenkt?

Lucas (lacht): Ich habe dir ein Shirt geschenkt, aus Kaschmir, aber das war zu groß, und dann hast du auch noch gesagt, es kratzt, weil es so ein natürliches Material war.

Arthur: Leider kein Klavierkonzert …

Dieser Hintergrund des Stücks, Fanny und Felix als Wunderkinder, spielt das für Sie eine Rolle?

Lucas: Das ist sehr wichtig. Wir haben zwei große Vorbilder: Nannerl und Wolfgang Mozart und die Mendelssohns. Früher haben wir einfach diese Stücke gespielt. Jetzt denken wir viel darüber nach, über die Familiengeschichten. Mit 16 Jahren etwa durfte Fanny nicht mehr öffentlich auftreten. Da hieß es: Du bist jetzt eine Frau, jetzt ist Schluss mit Klavierspielen. Hätte sie heute gelebt, wäre ihr Lebenslauf ganz anders. Sie war eine tolle Pianistin – die Klavierparts im Konzert sind beide gleich virtuos. Deshalb fordern wir genau so viel Respekt für Fanny wie für Felix.

Sie verkörpern in einer Zeit, in der viele individualistisch denken und auch junge Menschen über Einsamkeit klagen, ein dialogisches Prinzip. Glauben Sie, Ihr Erfolg hängt auch damit zusammen? Arthur: Schöne Frage.

Lucas: Ich denke, man kann es so sagen: Neben der pianistischen Qualität kommt es uns auf Nähe an. Wie wir miteinander umgehen, so gehen wir auch mit dem Publikum um. In diesem Sinne glaube ich, dass das Zusammensein für uns wichtig ist – nicht nur als Duo, sondern auch mit dem Orchester und den Leuten im Saal.

Könnten Sie sich eine Alternative zum Klavierspielen vorstellen?

Arthur: Wir sind nutzlos! Wenn wir nicht mehr Klavier spielen, ist es aus mit den Jussen-Brüdern (lacht).

Lucas und Arthur Jussen, Konzert mit den Münchner Philharmonikern, 20., 21. und 22. November, Isarphilharmonie, Infos unter www.mphil.de

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