Künstlerisches ErbeWarum der Loriot-Nachlass nicht nach München geht

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Freier Geist auf Biedermeier-Sofa: Vicco von Bülow alias Loriot ist einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Humors. Er lebte und starb in Bayern, doch das Frankfurter Caricatura Museum verwaltet nun sein künstlerisches Erbe.
Freier Geist auf Biedermeier-Sofa: Vicco von Bülow alias Loriot ist einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Humors. Er lebte und starb in Bayern, doch das Frankfurter Caricatura Museum verwaltet nun sein künstlerisches Erbe. imago stock&people/M&K

Vicco von Bülow alias Loriot lebte am Starnberger See. Das Münchner Forum Humor hat mit seiner Tochter verhandelt, um seinen gesamten künstlerischen Nachlass in Bayern zu behalten. Weshalb das zum Scheitern verurteilt war.

Von Susanne Hermanski

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„Loriot wird Frankfurter“ verkündet das Caricatura Museum stolz. „Pünktlich zu Loriots 102. Geburtstag geht der vollständige künstlerische Nachlass des berühmten Vicco von Bülow, alias Loriot, als Dauerleihgabe an unser Museum.“ Die Erbengemeinschaft habe sich dazu entschlossen, „den künstlerischen Nachlass professionell verwahren zu lassen, und die Wahl fiel auf Frankfurt als Hochburg der Komischen Kunst“. Traurig für München. Bitter für Bayern.

Loriot – der Schöpfer der knollennasigen „Herren im Bad“, von Kinohits à la „Ödipussi“ und Sentenzen wie  „Wussten Sie schon, dass die Alpen einen ganz erbärmlichen Anblick bieten, wenn man sich die Berge einmal wegdenkt?“ – ist nicht der Erste, der in oder bei München lebte, und dessen materielles künstlerisches Erbe Bayern dennoch durch die Lappen geht. Und das ist in der Tat erbärmlich.

Der Nachlass des wohl wichtigsten Münchner Humoristen, Karl Valentin, liegt im Kölner Theatermuseum. Die Stadt München mochte im mageren Nachkriegsjahr 1953 die gut siebentausend Euro dafür nicht aufbringen, die seine Witwe dringend brauchte. Der Nachlass des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder wiederum landete wie der von Bülows in Frankfurt am Main. Dessen Dezernentin für Kultur und Wissenschaft Ina Hartwig freut sich in der Folge über „die Bedeutung und Strahlkraft“ des Loriot-Erbes für ihre Stadt.

Vicco von Bülow war kein so ausgeprägt bayerisches Gewächs wie Karl Valentin. Der gefeierte Cartoonist, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, Trickfilmer und Mops-Fan wurde in Brandenburg an der Havel geboren. Seine größten Fernseherfolge produzierte nicht etwa der Bayerische Rundfunk, sondern der Baden-Württemberger Süddeutsche Rundfunk. Sein Ehrengrab befindet sich in Berlin. Dennoch lag Vicco von Bülows Lebensmittelpunkt vier Jahrzehnte lang, von 1963 bis zu seinem Tod 2011, in Ammerland, in der Gemeinde Münsing am Starnberger See.

Seine Frau Rose-Marie, genannt „Romy“ und Vicco von Bülow 2004 in Berlin auf der Festlichen Operngala für die Aids-Stiftung in der Deutschen Oper.
Seine Frau Rose-Marie, genannt „Romy“ und Vicco von Bülow 2004 in Berlin auf der Festlichen Operngala für die Aids-Stiftung in der Deutschen Oper. Jens Kalaene/dpa/dpaweb

Auf dem Anwesen wurde sein Nachlass seither im Studio und in der Villa der Familie von Bülow bewahrt. Dort hatte er mit seiner Frau Rose-Marie, die erst im vergangenen Jahr gestorben ist, gelebt und gearbeitet. Zuletzt bewohnte die jüngste Tochter der von Bülows, Susanne von Bülow, das Studio des Vaters. Sie verwaltete die Gebäude und den Nachlass bis sie im Januar 2025 überraschend ebenfalls starb.

Reinhard Wittmann, der frühere Leiter des Münchner Literaturhauses, und langjährige Kämpfer für ein Museum der Komischen Künste in München, hatte mit Susanne von Bülow über Jahre Kontakt. Kurz nach Vicco von Bülows Tod hatte er im Literaturhaus eine Loriot-Ausstellung organisiert. Fortan bemühte er sich gemeinsam mit anderen Mitstreitern des Vereins „Forum Humor“ darum, dessen Nachlass in Bayern zu behalten. Doch die Idee scheiterte, in der Alten Viehbank, im Münchner Schlachthof-Viertel, gleich neben dem Münchner Volkstheater, ein entsprechendes Museum für die reiche Humortradition hierzulande einzurichten und auch den Loriot-Nachlass einzubeziehen.

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Vicco von Bülow über sein Lebenswerk, den Kern seiner Komik, die Zumutungen des Alters, Spannfedermuffen und die Frage, wie viele knollennasige Männchen er wohl insgesamt gezeichnet hat.

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Die Stadt, der die denkmalgeschützte Münchner Immobilie gehört, zog trotz gelegentlicher politischer Willensbekundungen seitens verschiedener Parteien nie richtig mit. Wittmanns Bilanz fällt entsprechend enttäuscht aus: „Wir hatten ein ideales Gebäude, wir hatten ein gutes Konzept, wir hatten Spender, wir hatten einen Investor, der das Gebäude hergerichtet hätte, aber wir hatten auch einen Kulturreferenten und einen Stadtrat, dem jede gestalterische Fantasie abhandengekommen ist“, sagt er. „Und ohne Haus und ohne die Unterstützung der Stadt konnten wir den Erben von Loriot kein Angebot unterbreiten.“

Die Alte Viehbank mit ihren hohen repräsentativen Räumen steht nebenbei bemerkt weiterhin bis auf einige Büros im Parterre leer. Zudem ist der Backsteinbau seit einem Jahr eingerüstet, ohne dass erkennbare Bauarbeiten vonstattengehen würden. Eine Nutzung ist weiterhin weder beschlossen noch in Sicht. Der Verein „Forum Humor“ scheiterte unterdessen auch noch mit dem Vorstoß, an anderer Stelle ein entsprechendes Museum einzurichten. Es sollte direkt am Starnberger See entstehen, in Bernried, am gegenüberliegenden Ufer von Ammerland, Loriots Heimat also.

Mitten im Dorf: der Loriot-Brunnen steht im Zentrum der Gemeinde Münsing. Er war dort Ehrenbürger.
Mitten im Dorf: der Loriot-Brunnen steht im Zentrum der Gemeinde Münsing. Er war dort Ehrenbürger. Harry Wolfsbauer

Die Gemeinde Münsing, zu der Loriots Anwesen gehört, hat ihrerseits nie Anstrengungen unternommen, sich in der Nachlass-Frage einzubringen. Sie stellte zur Erinnerung an ihren Ehrenbürger 2017 am Dorfplatz lediglich ein Wasserspiel auf, das angelehnt ist an den berühmten Sketch „Zwei Herren im Bad“,  in dem sich ein gewisser Dr. Klöbner und Herr Müller-Lüdenscheidt vortrefflich streiten, Spuckfontänen inklusive.

Geht man mögliche Institutionen des Freistaats Bayern durch, die an Loriots Nachlass Interesse haben konnten, kommt einem die Staatliche Graphische Sammlung in den Sinn, die in der Pinakothek der Moderne ausstellt. Doch deren damaliger Direktor Michael Semff gab schon 2013 der Süddeutschen Zeitung zu Protokoll:  „Ich schätze Loriot sehr. Selbstverständlich würde ein Zeichner von seinem Format zur Graphischen Sammlung passen.“ Die Initiative dazu müsste allerdings von den Erben ausgehen – oder von einem Stifter. Denn einen Ankaufsetat für solche Kunstwerke habe der Freistaat nicht, und einen passenden Präsentationsort ebenso wenig, erklärte der Direktor. Und daran hat sich auch zwölf Jahre später nichts geändert.

Die Erbengemeinschaft Vicco von Bülows entschied sich also folgerichtig dafür, den künstlerischen Nachlass andernorts professionell verwahren zu lassen. Das Caricatura Museum liegt ideal, mitten in Frankfurts Altstadt, in direkter Nähe zum Dom und zur Kunsthalle Schirn. Bereits in den Sommermonaten dieses Jahres sichteten Museumsleiter Martin Sonntag und Sammlungsleiter Thomas Kronenberg die Bestände in Ammerland.

„In enger Abstimmung mit der Familie und Till Kaposty-Bliss, dem neuen Geschäftsführer des Studio Loriot“, so teilen die Frankfurter mit, wurde der künstlerische Nachlass dann nach und nach in das Archiv des Museums gebracht. Darunter befänden sich Originalzeichnungen, Loriots legendäre Langspielplattensammlung, Bühnenmodelle seines Opernschaffens und auch persönliche Gegenstände. Seine Pfeifensammlung etwa, „eine Kiste mit rätselhaften Schlüsseln“, sein Schreibtisch, an dem viele der berühmten Cartoons gezeichnet wurden.

Vicco von Bülow in seinem Ammerlander Haus vor Plakaten mit seinem Zeichentrickhund Wum. Der war in den Siebzigerjahren ein großer Fernsehstar an der Seite von Moderator Wim Thoelke.
Vicco von Bülow in seinem Ammerlander Haus vor Plakaten mit seinem Zeichentrickhund Wum. Der war in den Siebzigerjahren ein großer Fernsehstar an der Seite von Moderator Wim Thoelke. Georg Göbel/dpa

„Sie können sich ausmalen, mit welchem Respekt wir diesen Kulturschatz entgegengenommen haben“, sagt Martin Sonntag. Sein Haus hatte Loriot bereits 2023 mit einer Jubiläumsausstellung geehrt und 130 000 Besucher angezogen. „Seitdem pflegen wir einen engen Kontakt mit der Familie und dem Studio Loriot“, so Sonntag. Damit gehe aber auch eine Verpflichtung einher. Die Übergabe des Nachlasses ist mit der Verabredung einer dauerhaften Präsentation verbunden.

Leo von Bülow-Quirk, Sprecher der Familie von Bülow und Enkel Loriots sagt dazu: „Wir stehen als Familie im engen Austausch mit dem Museum, und zusammen mit dem Studio Loriot haben wir ein Trio, in dem wir uns bisher sehr gut verständigen konnten. Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit und die Umsetzung der vielen Ideen.“

Wie so oft ist vor dem Vergnügen noch ein bisschen Arbeit zu erledigen. Und die Frankfurter haben dafür offenbar jene Manpower, die Bayerns Staatlicher Graphischer Sammlung schmerzlich fehlt. Sonntag und sein Team werden Loriots Konvolut jetzt erst einmal sachgerecht inventarisieren. Schließlich muss man genau wissen, aus welcher Herrlichkeit man da schöpft.

Was die Münchner in der Zeit anfangen? Vermutlich zweierlei. Zum einen verärgern sie wohl weiterhin einen ihrer anderen bedeutenden Komödianten: Gerhard Polt. Der kämpft seit Jahren und zunehmend verzweifelt dafür, dass ein Forum Humor in Bayern doch noch zustande kommt. Er würde seine persönliche Valentin-Sammlung einbringen und sicherlich auch seinen eigenen künstlerischen Vorlass. Zum anderen memorieren die Münchner einfach noch ein paar der besten Loriot-Sprüche. Zum Beispiel den: „Die Welt geht unter, aber wir haben Senf, Wurzelbürsten und Badezusatz.“

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