Am besten versteht man Idee und Stoßrichtung des "Look Into The Future"-Festivals, das jetzt zum fünften Mal in Burghausen stattfindet, wenn man sich seine Macher ansieht. Die Brüder Johannes Tonio und Cornelius Claudio Kreusch sind nicht nur selbst international erfolgreiche Musiker, sondern ergänzen sich gewissermaßen komplementär. Der eine ist ein eher introvertierter klassischer Gitarrist, der andere ein extrovertierter charismatischer Jazz-Pianist. Beide haben für sich wie gemeinsam reichlich Erfahrungen in allen Bereichen des Musikbusiness gesammelt, als Konzert-Veranstalter, Festival-Leiter und Label-Betreiber, als Produzent, Studiobesitzer, Internet-Unternehmer oder Lehrer. Der eine hat lange in New York gelebt, der andere hat eine besondere Beziehung zu Kuba und Italien.
Und so haben die "KreuschBros", wie eine ihrer eingetragenen Firmen heißt, eine immer für Erweiterung offene Künstlerfamilie aufgebaut, die neben Jazzern und Gitarristen jeder Couleur auch Flamenco-Stars, karibische Tänzer, Pop-Avantgardisten, klassische Organisten, Filmer und bildende Künstler umfasst - und überdies "die andere Seite", also Promoter, Produzenten, Journalisten und vor allem das Publikum so eng wie möglich einbezieht.

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Bei bislang keinem anderen Projekt haben die Kreuschs all das so gebündelt wie bei "Look Into The Future". Multistilistisch und interdisziplinär geht es zu. Und wenn etwas nicht nur erbaulich und unterhaltsam ist, sondern auch aktuelle Bezüge hat oder Botschaften aussendet, hat man nichts dagegen. Künstlerisch anspruchsvoll, aber auch niederschwellig und altersübergreifend wie zuletzt bei den Papatef-Raves will man sein. Künstlergespräche nach jeder Veranstaltung machen selbst Stars menschlich und nahbar. Mit dem Kloster Raitenhaslach als Festivalzentrale und dem Ankersaal, einem Fünfzigerjahre-Kino-Kleinod, hat man atmosphärisch besondere Spielorte dafür gefunden. Eine "ganzheitliche" Festival-Konstruktion also, die ziemlich einzigartig und vielleicht wegweisend ist.
Was nun auch die fünfte Ausgabe unterstreicht. Schon mit der während des ganzen Festivals zu erlebenden literarisch-musikalischen Ausstellung "Radio Freie Modulationen". Vom Medienarchäologen Siegfried Zielinski gesammelte und vom Klangkünstler FM Einheit vertonte Textfragmente von Walter Benjamin und Heiner Müller bis William S. Burroughs oder John Cage tauchen das alte Gemäuer des Klosters Raitenhaslach in ein neues Licht. FM Einheit alias Frank-Martin Strauß, als Mitglied der Einstürzenden Neubauten bekannt geworden, ist dann auch persönlich (und von den Kreusch-Brüdern improvisierend begleitet) im Einsatz, bei einem besonderen Programmpunkt, der schon zu einer Tradition des "Look Into The Future"-Festivals geworden ist: der Live-Vertonung von Stummfilm-Klassikern.

Diesmal kommt der 1929 vom ukrainischen Regisseur Dsiga Wertow gedrehte "Der Mann mit der Kamera" an die Reihe, der von der britischen Filmzeitschrift "Sight and Sound" einmal zur "besten Dokumentation aller Zeiten" gekürt wurde. Dieses sowjetische Pendant zu Walter Ruttmanns zwei Jahre zuvor erschienenem Experimentalfilm "Berlin: Sinfonie der Großstadt" ist nicht nur ein Zeitdokument städtischen Alltagslebens und durch den teils erstmaligen Einsatz diverser Techniken wie Mehrfachbelichtung, Zeitlupe und Zeitraffer, Freeze Frame oder Stop Motion-Animation filmhistorisch bahnbrechend. Durch seine Drehorte Kiew, Charkow und Odessa hat er auch einen bedrückenden aktuellen Bezug: Kaum vorstellbar bei diesen Bildern, dass sich die in der UdSSR vereinten Ukrainer und Russen kaum 100 Jahre später unversöhnlich in einem grausamen Krieg gegenüberstehen.
Mit der unlängst verstorbenen Mary Bauermeister, einer Fluxus-Mitgründerin, als Leitmotiv verschränken sich Film, Kunst und Musik: Bei Carmen Belaschks Kinofilm "Mary Bauermeister - Eins plus eins ist drei", Gregor Zootzkys Kurzfilm "Potpourri Mary Bauermeister (2006 - 2009)" und der experimentellen Klangstunde "Transformed Reality" ihres Sohnes Simon Stockhausen. Womit wir beim Konzertprogramm wären, das erstmals einen skandinavischen Schwerpunkt hat. Bestreiten doch schon den Auftakt mit dem Saxofonisten Trygve Seim und dem Akkordeonisten Frode Haltli zwei der kreativsten Köpfe der norwegischen Weltmusikszene. Gefolgt vom Duo des Jan Bang und Eivind Aarset, zwei Pionieren der elektronischen Musik, die diese freilich schon bei unterschiedlichsten Kollaborationen etwa mit Ray Charles, Dee Dee Bridgewater, Ute Lemper, Cher oder Django Bates eingesetzt haben. Unter anderem auch mit Nils Petter Molvaer, dem Großmeister des elektronisch erweiterten ätherischen Trompetensounds, der im Stadtsaal solo auftritt.
Mit dem französisch-vietnamesischen Star-Gitarristen Nguyên Lê und seinem Jimi-Hendrix-Programm präsentiert sich am letzten Tag ein Pionier des weltmusikalischen Fusion-Jazz und damit ein idealer Look-Into-The-Future-Gast. Bevor es mit dem österreichischen Hammond-Organisten Raphael Wressnig ins groovende Party-Finale geht.
Look Into The Future V, Do. bis So., 25. bis 28. Mai, Kloster Raitenhaslach, Stadtsaal und Ankerkino Burghausen, www.burghausen.de

