Lokführer im Ausstand Stell dir vor, es ist Streik - und keiner fährt Zug

Der Streik der Lokführer hat vor allem den Fernverkehr aus dem Rhythmus gebracht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein weitgehend leerer Hauptbahnhof und Autovermieter, die kein einziges Fahrzeug mehr haben: Die Münchner haben sich rechtzeitig nach Alternativen zur S-Bahn umgesehen - dabei läuft der Notfallplan besser als vorgesehen.

Von Stephan Handel und Thomas Schmidt

Kurz vor 14 Uhr wird's so richtig leer - auf den Anzeigetafeln über den Bahnsteigen, wo zuvor noch ab und zu die Abfahrt eines Regionalzugs verkündet wurde oder wenigstens "Zug fällt aus", gähnt jetzt ohne Schrift das Hintergrundblau. Leer ist aber auch die Halle des Hauptbahnhofs, naja, fast: Wo sich sonst täglich 450 000 Fahrgäste gegenseitig die Rollkoffer in die Hacken rammen, stehen nun nur noch ein paar hundert ratlos und touristisch aussehende Menschen herum und blicken Hilfe suchend auf ihre Tickets. Es scheint, als hätten die Münchner - bahnstreikerfahren, wie sie sind - sich rechtzeitig nach Alternativen umgesehen, damit sie dem Streik der Lokführer entgehen, der am Mittwoch um 14 Uhr begann und bis 4 Uhr dauern sollte.

Mit einem Notfallfahrplan versucht die Bahn, den kompletten Stillstand zu verhindern - so gut es eben geht. Die S-Bahn soll auf allen Linien mindestens einmal pro Stunde fahren, die Flughafen-Linie S 8 zwischen Pasing und Airport sogar alle 20 Minuten. Angaben, wie viele Lokführer die Arbeit niedergelegt haben und wie viele Züge stillstehen, kann die Bahn am Mittwoch noch nicht machen. Reisende berichteten jedoch schon vor Streikbeginn von überfüllten S-Bahnen und ratlosen Bahnmitarbeitern.

Deutsche Bahn Wie die S-Bahnen in München fahren
Streik bei der Bahn

Wie die S-Bahnen in München fahren

Seit 14 Uhr streiken bundesweit die Lokführer der Bahn. Für München bedeutet das voraussichtlich aber keinen völligen Stillstand. Der Streikplan sieht für die S-Bahnen einen 60-Minuten-Takt vor, für die S 8 sogar alle 20 Minuten. Chaos gibt es trotzdem.

Größere Einschränkungen im Fernverkehr

Stärker als bei der S-Bahn wirkt sich der Lokführer-Streik im Fernverkehr aus. Bereits seit Mitternacht galt ein eingeschränkter Fahrplan - viele ICE-Züge, etwa von München nach Nürnberg und Augsburg, fuhren nicht. Die Bahn stornierte zahlreiche Verbindungen frühzeitig, um zu verhindern, dass Züge unterwegs stehenbleiben und zum Betriebsstart am Donnerstagmorgen nicht am richtigen Bahnhof sind.

Der Münchner Hauptbahnhof jedenfalls scheint zunächst mal durchzuatmen, kurz nach Streikbeginn ist es dort ziemlich ruhig, weil das Fauchen der Lokomotiven fehlt, das Quietschen der Bremsen und das Geplapper der Menschen. Regelmäßig unterbricht eine Lautsprecherstimme die Kontemplation und verkündet, dass schon wieder ein Zug nicht fährt, nicht der EC nach Klagenfurt, nicht der ICE nach Berlin, Dortmund, Hamburg. Jedes Mal fügt die Lautsprecherstimme hinzu, der Grund für den Zugausfall seien Streikauswirkungen, was ein bisschen komisch ist, denn der Ausfall ist ja schon die Auswirkung.

Service-Mitarbeiter der Bahn erklären Reisenden am Münchner Hauptbahnhof, dass sie Geduld aufbringen müssen.

(Foto: Stephan Rumpf)

"We have to look train by train."

Neben dem Infoschalter kümmern sich fünf Bahn-Service-Mitarbeiter mit Hilfe von zwei Thermoskannen voll Kaffee um drei Reisende, mehr gibt's an der vorsorglich eingerichteten Wutbeschwichtigungsanlage gerade nicht zu tun. Andere Uniformierte stehen in regelmäßigen Abständen vor den Bahnsteigen und erklären - zum Beispiel - einer amerikanischen Touristin, dass momentan noch unklar ist, ob der Zug nach Berlin heute überhaupt und wenn ja wann abfährt: "We have to look train by train."

Dem Deutschen allerdings, der nach Rosenheim möchte, kann der Mitarbeiter helfen, sofort und ohne auf den Fahrplan schauen zu müssen: "14.55 Uhr, kein Problem, das ist Meridian", also ein Zug der Bayerischen Oberlandbahn, die wird nicht bestreikt. Ein Kollege wuchtet vorsorglich fünf Kartons des Formulars "Fahrgastrechte" an den Bahnsteig, damit kann, wer will, eine Entschädigung beantragen. "Obwohl ein Streik ja höhere Gewalt ist", sagt ein Kommunikationsbeauftragter. "So kulant ist die Bahn."

Keine Mietwagen mehr

Die Polizei hat schon mittags verkündet, dass sie auf das zu erwartende Mehr an Autoverkehr vorbereitet sei. Die Autovermietungen am Hauptbahnhof scheinen diesen streikbedingten Trend zur Individualreise deutlich zu bemerken: Sowohl bei Sixt wie auch bei Hertz ist nachmittags kein Auto mehr zu bekommen.

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Am Mittwoch um 14 Uhr legen Lokführer bei der Deutschen Bahn für 14 Stunden die Arbeit nieder. Auch davor und danach wird es voraussichtlich zu Ausfällen kommen.   Diskutieren Sie mit uns.

Dagegen schlägt der Bahnstreik bei den Taxifahrern am Hauptbahnhof erstaunlicherweise eher negativ zu Buche - was eine von ihnen in einem Merksatz so formuliert: "Weniger Leute am Bahnhof, weniger Fahrten." Nichts Außergewöhnliches zu vermelden hat die MVG. Auf die Frage, wie sich der Streik auf den U-Bahn- und Tram-Verkehr auswirkt, antwortet ein Sprecher am Nachmittag knapp: "Bisher gar nicht." Es gebe "kein erhöhtes Fahrgastaufkommen".

Bei der S-Bahn greift derweil der Notfahrplan, die Züge rollen teilweise auch häufiger als im 60-Minuten-Takt, den das Unternehmen mindestens einhalten will. Auf das Fahrgastaufkommen scheint das jedoch kaum Auswirkungen zu haben: Die Bahnsteige und die Züge sind im abendlichen Berufsverkehr nicht voller oder leerer als sonst, es sieht aus wie ein ganz normaler Münchner Nahverkehrsabend. Wenn alles überstanden ist, von 7 Uhr an am Donnerstagmorgen, plant die S-Bahn, zum Regelfahrplan zurückzukehren. Dann dürfte es auch wieder vorbei sein mit der Stille am Hauptbahnhof.