Wer käme hierzulande auf die Idee, sein Lokal Abendrot oder Morgenröte zu nennen? Humanistisch Gebildeten könnte vielleicht für den Morgenhimmel die safrangewandete rosenfingrige Eos einfallen, was zwar poetisch, aber als Gasthausname ziemlich sperrig ist. Italienische Wirte allerdings kommen auf eine solche Idee, wobei sie es, sprachlich betrachtet, viel leichter haben. Schön kurz „Alba“ heißt im Italienischen die Morgenröte, „Tramonto“ der rote Abendhimmel. Und von morgens bis abends, von alba bis tramonto, erhebt immerhin den Anspruch einer den Tag umspannenden Präsenz.
Vielleicht hat dieser Gedanke eine Rolle gespielt, als die Wirte der eleganten Alba Trattoria, Giuseppe Dellaglio und Pasquale Consiglio, vor zweieinhalb Jahren fast um die Ecke in Oberföhring ein weiteres italienisches Lokal eröffneten und es Locanda Tramonto nannten. Es liegt im reichlich unscheinbaren Gehörlosenzentrum nahe der viel befahrenen Effnerstraße. Doch wenn man auf der Terrasse sitzt, dann ist alles recht hübsch, man schaut auf die Lohengrinstraße, auf grüne Bäume, kleine Häuser und bunte Blumen, nur die Terrassenmauer im Stil von Schottergärten trübt den Blick ein wenig. Im Inneren ist das Lokal schön schlicht: dunkle Stühle und Wandvertäfelungen, Tischdecken und Sonnenrollos an der Fensterfront in Off-White, LED-Lämpchen auf den Tischen, an den Wänden Gemälde mit leicht abstrahierten Meeresansichten in farbintensiver Abenddämmerung, tramonto in Variationen.
Das Tramonto gibt sich bescheidener und kleiner als die Alba Trattoria, ein wenig elegant ist es aber schon. Die beiden Ober sind schwarz gekleidet und sie sind vorbildlich. Der Jüngere trug alles schnell, höflich und lautlos auf und wieder ab. Der Ältere verlor nie den Überblick, auch wenn das Restaurant brummte, und es brummte meistens, wenn wir einkehrten, eine Reservierung empfiehlt sich. Nie ließ er sich aus der Ruhe bringen, erklärte ausführlich und witzig Speisen und Weine, war persönlich, ohne aufdringlich zu sein. Seine Weinempfehlungen passten immer, ob der rote kräftige Sangiovese, der volle, samtige Primitivo oder die interessanten, nicht so bekannten weißen Grechetto und Pecorino. Der Grechetto war körperreich und frisch, der tief gelb schimmernde Pecorino fruchtig und trocken (0,2 Liter 10,50 und 11,00).
Wenn man die Speisenkarte liest, dann ist das Tramonto ein normaler, etwas gehobener Italiener, der Pizza, selbstgemachte Paste, Fisch und Fleisch im Programm hat. Die Standardkarte ist klein, die Tagesgerichte stehen auf einer Schiefertafel. Doch allein schon die Pizzen machten klar, warum das Tramonto so gefragt ist. Jede Pizza, die wir probierten, hatte einen hauchdünnen, wunderbar knusprig gebackenen Boden und war üppig belegt, ob die Pizza Capricciosa mit Champignons, Oliven, Artischocken und Schinken oder die mit Parmaschinken, Parmesan und Rucola. Bei der Pizza mit schwarzen Trüffeln warnte der Ober, sie sei ohne Tomaten – was sich gut machte: Den heißen Käseboden bedeckten viele Trüffelscheiben und cremige, wolkige Burrata-Hügelchen (15,50 bis 18,90).

Serviert wird die klassische italienische Küche ohne Chichi. Das fein säuerliche Lachstatar krönten blanchierte, intensive Algen, dazu gab es Meerrettich und bissfesten grünen Spargel. Es schmeckte so gut wie es ausschaute (16,90). Beim kreisförmig angerichteten Lachscarpaccio bildeten karamellisierte Tropea-Zwiebeln wie bei einer Blume das Zentrum. Sie waren zwar köstlich, aber dem milden Lachs stahlen sie ein wenig die Show (17,90). Der gegrillte Scarmozakäse war zu einem Türmchen geformt und mit marinierten Auberginen gefüllt, doch der Geschmack hinkte der Idee hinterher. Der Käse war fad und machte satt, die blassen Auberginen rettete der Balsamico-Spiegel auf dem Teller (15,00).
Viel mehr gab es nicht zu meckern, schon gar nicht an den Nudeln. Die Spaghetti all’Amatriciana lagen in einer Soße mit vielen Tomaten, leicht süßen Tropea-Zwiebeln und kräftigem Guanciale-Speck (16,50). Die Tagliolini waren umhüllt von einem etwas zu milden Artischockenschaum, darüber hatte die Küche großzügig schwarzen Trüffel gehobelt (17,90). Beim Fisch wird auf Schlichtheit gesetzt: Der gegrillte Loup de Mer wurde im Ganzen präsentiert, elegant zerlegt und mit etwas Gemüse und Kartöffelchen serviert. Das Fleisch der Filets, glänzend und ohne eine Gräte, beträufelte der Ober dann mit Olivenöl. Mehr braucht es nicht für eine Delikatesse (33,50).

Die Tagliata di Manzo stand dem nicht nach, das Rindfleisch war wunderbar zart und medium gegrillt, der Rucola-Salat mit Parmesanspänen, Tomaten und Balsamico passte perfekt dazu (31,00). Immer war das Fleisch im richtigen Moment vom Feuer gekommen, immer von hervorragender Qualität, immer von schön abgestimmten Gemüsen begleitet, ob die Entenbrust mit Wildbroccoli, frittiertem Salbei und einer intensiven Bratensoße (30,00) oder die feine Lammhüfte auf weißen Spargelspitzen und Kartoffeln in etwas geschmolzener Butter (31,00).
Die Küche geizt nicht, viel wird aufgetischt, zu den Desserts konnten wir uns nur manchmal vorarbeiten. Doch einen Nachtisch ließen wir uns nicht entgehen, das altehrwürdige Tiramisu: Die Bisquitschichten mit kräftigem Espresso und etwas Alkohol getränkt, dazwischen schmeichelnde Mascarponecrème und alles mit Schokostaub bepudert, eine Götterspeise (11,00). Warum das Tramonto seinen so besonderen Küchenchef auf der Webseite nur als Giovanni vorstellt, ist ein Rätsel. Wir hätten ihn gern mit vollem Namen kennengelernt.
Locanda Tramonto, Lohengrinstraße 11, 81925 München, Telefon: 089/62 70 79 55, Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag und Sonntag 12–14.30 Uhr und 18–22.30 Uhr, Samstag und Feiertag 18–22.30 Uhr, Montag Ruhetag
Die SZ-Kostprobe
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

