Moritz Pöhlmann ist ungeduldig. "Wir brauchen Sie an den Schulen! Sie müssen Ihr Wissen weitergeben!" Der Förderschullehrer steht an einem Rednerpult in einem Hörsaal der LMU, in den Stuhlreihen sitzen die Kultusstaatssekretärin, Professor Reinhard Markowetz und sein Team, einige Gäste und etwa 40 Studentinnen. An sie wendet sich der Förderschullehrer mit diesen Worten - er kann es kaum erwarten, dass sie den neuen Studiengang, der an diesem Abend vorgestellt wird, abgeschlossen haben und mehr Wissen über Autismus-Spektrum-Störungen an die Schulen bringen.
Der Studiengang, um den es an diesem Abend geht, heißt "Pädagogik bei Autismus-Spektrum-Störungen", und Förderschullehrer Moritz Pöhlmann hat vor einigen Jahren als erster Student die Sonderqualifikation zu diesem Thema, sozusagen den Vorgänger des neuen Studienganges, abgeschlossen. An diesem Abend geht es um einen Erweiterungsstudiengang für Lehramtsstudenten aller Schularten, der zu diesem Wintersemester an der LMU startet. Angehende Lehrer sollen parallel zu ihrem eigentlichen Studium in vier Semestern erfahren, wie Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrums-Störung lernen und wie sie als Lehrer die Kinder im Unterricht unterstützen können.
Bislang wurde autismusspezifisches Fachwissen für angehende Lehrerinnen und Lehrer sowohl für die inklusive Beschulung als auch für die Beschulung an Förderschulen nicht hinreichend vermittelt, sagt Reinhard Markowetz. Er ist der Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik bei Verhaltensstörungen und Autismus einschließlich inklusiver Pädagogik, und so etwas wie der Vater dieses Studienganges. Dass sich der neue Studiengang nicht nur an Lehramtsstudenten der Sonderpädagogik, sondern an Lehramtsstudenten aller Schularten wendet, das macht ihn einzigartig in Deutschland - eine Tatsache, auf die Kultusministerium und LMU stolz hinweisen. Für das erste Semester haben sich 65 Studierende eingeschrieben - eine Zahl, auf die Reinhard Markowetz stolz ist.
Den künftigen Lehrern soll pädagogisches Feingespür vermittelt werden
Staatssekretärin Anna Stolz aus dem Kultusministerium nennt den neuen Studiengang in ihrem Grußwort "unglaublich wertvoll" für Menschen mit einer Autismus-Spektrums-Störung. Er sei "ein großer Gewinn für die Lehrerausbildung in Bayern" und Teil der Autismusstrategie der bayerischen Staatsregierung. "Schülerinnen und Schüler mit einer solchen Störung werden in allen Schularten in Bayern unterrichtet. Das neue Studienangebot richtet sich daher auch an die Studierenden aller Lehrämter." Die universitäre Ausbildung stelle die Weichen für einen guten, inklusiven Unterricht. Die künftigen Lehrer erlangten pädagogisches Feingespür und lernten, Schülerinnen und Schüler mit einer Autismus-Spektrums-Störung passgenau zu unterstützen und zu begleiten.
Im Laufe der Veranstaltung meldet sich ein Mann aus den Zuhörerreihen. "Binden Sie Autisten in die Ausbildung ein!", sagt Stefan Bauerfeind, und Reinhard Markowetz nickt. Stefan Bauerfeind hat einen autistischen Sohn und ist Vorsitzender des Vereins Autismus Mittelfranken. Für den Termin an der LMU ist er aus Nürnberg nach München gefahren. Von dem neuen Studiengang erhofft er sich vor allem Aufklärung. "Es herrscht viel zu wenig Wissen über Autismus", sagt er.
Ein Prozent der Bevölkerung habe eine Autismus-Spektrums-Störung. An einer Schule mit 1000 Schülerinnen und Schülern sind das zehn Kinder, rechnet er vor. Es gebe viele Vorurteile, dabei sei das Spektrum riesig. Sein Sohn beispielsweise sei ein nicht-sprechender Autist. "Er wäre bei so einer Veranstaltung wie heute komplett überfordert. Deshalb muss ich für meinen Sohn sprechen."
Manche irritieren bunte Stifte, andere hindert ein starker Geruch an der Konzentration
Experten schätzen inzwischen sogar, dass drei Prozent der Bevölkerung eine Autismus-Spektrums-Störung haben, sagt Reinhard Markowetz in einem Interview, das auf der Homepage der LMU zu finden ist. Betroffene hätten eine andere Wahrnehmung: Manche irritiere der Anblick vieler bunter Stifte. "Andere hindern ein starker Geruch, grelles Licht oder Hitze an der Konzentration", erklärt Markowetz. "Auch Kälte kann für solche Schüler ein immenser Störfaktor sein - gerade jetzt in der Corona-Zeit, wo alle 20 Minuten gelüftet werden muss."
Viele betroffene Kinder hätten auch Probleme im Sozialverhalten, sagt Markowetz. Oft falle es ihnen zum Beispiel schwer, sich mit anderen Kindern für Gruppenarbeiten zusammenzutun. Und wenn sie sich wegen der Irritationen, die sie als so stark empfinden, ungewöhnlich verhalten, wissen Lehrer nicht immer, wie sie damit umgehen sollen. "Jeder fünfte Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung wurde schon einmal vom Unterricht ausgeschlossen", sagt Markowetz. "Das zeigt, wie schwierig es für Lehrer ist, auf sie angemessen zu reagieren."
Eine Studentin will am Ende der Veranstaltung wissen, welche Lehramtsstudenten denn da sind. Reinhard Markowetz macht im Hörsaal eine kleine Umfrage, die meisten Studentinnen heben ihre Hand beim Fach Sonderpädagogik. Zwei der jungen Frauen sind Laura Wagner, 25, und Kim Dietrich, 23. Sie haben bisher die Veranstaltungen der Zusatzqualifikation zu Autismus besucht und haben nun zum neuen Studiengang gewechselt, weil der mit einem Staatsexamen endet und deshalb wertvoller sei, sagen sie.
Ein Patentrezept gibt es nicht, aber einen Koffer voller Ideen
"Viele Lehrer sind einfach überfordert, weil sie nicht wissen, wie sie mit diesen Schülern umgehen sollen", sagt Laura Wagner. Es gebe kein Patentrezept, sagt ihre Kommilitonin Kim Dietrich. Aber einen Koffer voller Ideen, was für diese Kinder funktioniert. Und was ihnen eine normale Teilhabe am Unterricht ermöglicht. Und diesen Koffer wollen sie mitnehmen, wenn sie bald an einer Schule unterrichten.


