Kinder mit HirnschädigungDie heilende Magie von Zaubertricks

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Beim Projekt „Zabracadabra – Magie bewegt“ im integrierten Sozialpädiatrischen Zentrum  Hauner MUC sollen Kinder spielerisch ihre Motorik verbessern.
Beim Projekt „Zabracadabra – Magie bewegt“ im integrierten Sozialpädiatrischen Zentrum  Hauner MUC sollen Kinder spielerisch ihre Motorik verbessern. Catherina Hess
  • Im Münchner Kinderspital werden Kinder mit Hirnschädigung durch ein innovatives Zaubertraining behandelt, das ihre Motorik und ihr Selbstvertrauen verbessert.
  • Das Therapiekonzept "Zabracadabra – Magie bewegt" kombiniert Zaubertricks mit Ergotherapie und Neurostimulation über einen Zeitraum von neun bis zwölf Monaten.
  • Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass sich durch das Zaubertraining die Alltagskompetenz nachhaltig verbessert und Netzwerke im Gehirn aktiviert werden.
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Quietschende Salzstreuer, unmögliche Knoten und viel Freude: In einem Münchner Krankenhaus verbessern Kinder mit Zaubertraining ihre Motorik. Ein Besuch.

Von Claudia Wessel

Der „unmögliche Knoten“ ist für Anian überhaupt kein Problem. Der Neunjährige strahlt und lässt aus dem weißen Stück Tau durch schnelle Drehungen und Wendungen ein kleines Kunstwerk zwischen seinen Händen entstehen, dann zieht er an den beiden Enden des Seils, und das Ergebnis ist da. Anian bekommt Applaus vom Publikum, bestehend aus seinen drei kleinen Mitzauberern Tessa, 7, Julia, 8, und Pauline, 7, den Therapeutinnen und natürlich von Zauberkünstler Christian Bachmaier. Den kompliziert erscheinenden Trick hat Anian zügig und mit fröhlichem Gesicht vorgeführt. Und vor allem: Er hat beide Hände benutzt.

Durch beidhändiges alltagsorientiertes Aktivitätentraining die Selbständigkeit und das Selbstvertrauen von Kindern mit zentralen Bewegungsstörungen zu verbessern, ist das Hauptziel des Projekts „Zabracadabra – Magie bewegt“ im integrierten Sozialpädiatrischen Zentrum (iSPZ) Hauner MUC des LMU Klinikums München. Behandelt werden hier in einem innovativen, multimodalen und kindgerechten Therapiekonzept Kinder mit Hemiparese, aber auch Kinder mit beidseitiger Bewegungsstörung. Neben ergotherapeutischem Alltagstraining, den gemeinsamen Gruppenaktivitäten und der Neurostimulation stellt hierbei das maßgeschneiderte Zaubertraining den wichtigsten Baustein dar.

Etwa 800 Kinder und Jugendliche mit angeborener oder erworbener Hirnschädigung werden in der Motorik und Interventionsambulanz (MIA) im iSPZ Hauner aktuell betreut, erklärt die Leitende Oberärztin Alexandra Sitzberger. Vor zwei Jahren wurde an sie und ihre Kolleginnen die Idee herangetragen, ein Zaubercamp – angelehnt an das aus England stammende Projekt „Breathe Magic Intensive Therapy“ anzubieten. In Kooperation mit dem Kinderzentrum Maulbronn und dem Behandlungszentrum Vogtareuth fand im Sommer 2024 das Magic Moves Camp mit den Ehrlich Brothers und weiteren professionellen Zauberern auf Burg Rabenstein in Franken statt. Die begleitende Dokumentation des ZDF und KiKa ist in der Mediathek zu sehen.

Das Camp wurde intensiv wissenschaftlich begleitet, und es wurde festgestellt, dass sich nachhaltig die Alltagskompetenz verbesserte und das Selbstwertgefühl der Kinder stieg. Mittels Kernspintomografie konnten Veränderungen in sogenannten sensomotorischen Bereichen des Gehirns festgestellt werden. Zwar werden vorhandene Läsionen in den betroffenen Gehirnregionen nicht geheilt, erklärt Sitzberger, aber Netzwerke in und zwischen anderen Bereichen im Gehirn werden aktiviert. Welche Prozesse sich in diesen Gebieten genau abspielen, wird aktuell erforscht.

Nach dem erfolgreichen Zaubercamp 2024 war die Idee geboren, die Art der Therapie im ambulanten Setting fortzuführen. Es wurde ein an Magic Moves angelehntes Konzept entwickelt, bei dem die Kinder über einen Zeitraum von neun bis zwölf Monaten an einem Intensivprojekt teilnehmen: Gestartet wird mit wöchentlichen Workshops über drei Monate. Daran schließt sich ein monatliches Training über drei Monate an, gefolgt von einem Therapie-Wochenende nach weiteren drei Monaten. Einmal im Jahr findet eine große Abschlussshow statt, bei der alle Kinder ihre Zaubertricks gemeinsam mit professionellen Zauberern vorführen können. Derzeit läuft dieser Zyklus zum zweiten Mal. Anian, Tessa, Julia und Pauline haben am 7. Januar dieses Jahr begonnen.

Ich will das sofort lernen!
Tessa, sieben Jahre alt

Ziel-orientierte Ergotherapie und Neurostimulation finden für jedes Kind einzeln statt. Anian etwa versucht sich an diesem Tag an einer neuen Fähigkeit: Schuhschleifen binden. Er ist schon stolz auf das, was er bisher bei Maike Marx, leitende Ergotherapeutin im iSPZ Hauner, gelernt hat. „Semmelaufschneiden, Knöpfe zumachen und Hemd in die Hose stecken“, verkündet er. Die Sache mit den Schleifen ist aber ganz neu und nicht so einfach. Zunächst muss Anian die Schlaufen mit der stärkeren, der dominanten Hand machen, zu guter Letzt aber braucht er beide Hände, zum Zuziehen der beiden Schuhbänder. Da muss Maike Marx immer mal wieder erinnern: „Wo ist die andere Hand?“ Denn es besteht die Tendenz, nur die stärkere Hand zu benutzen. An diesem Tag muss Anian noch einige Male üben und die Schleife immer wieder neu versuchen. Aber auch das wird er sicher bald lernen, ebenso wie das Semmelaufschneiden.

In einem anderen Zimmer findet Neurostimulation in Form von Magnetstimulation oder Elektrostimulation statt. Auf Paulines dünnem Arm kleben zwei Elektroden, die die Fingerstrecker-Muskeln aktivieren. Am Ultraschall zeigt Alexandra Sitzberger an ihrem eigenen Arm, wie das funktioniert. Wenn sie ihre Finger bewegt, zeigt das Ultraschallbild deutlich, wo sich die Muskeln regen. Auch bei Paulines Hand zeigt sich der Effekt, und ihre Finger gehen immer wieder nach oben. Innerhalb einer Therapiesitzung von 45 Minuten werden verschiedene Muskeln über jeweils zwei Minuten stimuliert, dabei wechseln sich Stimulationszeit und Pausen in festgelegten Intervallen ab.

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Tessa ist ein Zimmer weiter bei der Magnetstimulation. Dabei wird eine Magnetspule auf den Unterarm von Tessa gelegt. Diese ist so groß, dass mehrere Muskelgruppen, die eine funktionelle Einheit bilden, gleichzeitig aktiviert werden können. So hat man unter anderem die Möglichkeit, die Muskeln für das Strecken des Handgelenkes und der Finger zusammen zu „trainieren“.

Alle Kinder sind sehr geduldig bei der Neurostimulation, und die Therapeutinnen tun alles, um es durch spielerische Übungen nicht langweilig werden zu lassen. So etwa werden die Kinder aufgefordert, die Hand unter gleichzeitiger Stimulation möglichst lange und hoch anzuheben, damit die Therapeuten dann möglichst viele Karten von einem Kartenstapel wegziehen können. Zum Trainieren der Fingerbeuger gibt es lustige Gummitiere zum Quetschen.

Und dann geht’s endlich zum Zaubern. Christian Bachmaier ist ein entsandter Zauberkünstler von der Zauberakademie Deutschland, die damit das Projekt, das zum Großteil von Spenden lebt, ebenfalls unterstützt. Bachmaier und der Zauberkünstler Mike Lode wechseln sich in diesem Therapieblock mit dem Zauberunterricht ab.

Diesmal hat Christian Bachmaier ein langes rotes Seil mitgebracht und fragt: „Wollen wir das kaputt machen?“

Christian Bachmaier führt einen seiner Zaubertricks vor.
Christian Bachmaier führt einen seiner Zaubertricks vor. Catherina Hess

Anian bekommt eine Schere in die Hand und darf das Seil durchschneiden. Beim nächsten Anschauen hat es einen Knoten in der Mitte. Profi-Zauberin Tessa weiß sofort, dass das nicht stimmen kann. „So doch nicht!“, ruft sie. „Du sollst den Knoten wieder rauszaubern!“ Bachmaier lässt sich überreden und drückt Anian einen Salzstreuer in die Hand. „Was ist da drin?“ „Zaubersalz!“, rufen die Kinder. Der beim Schütteln lustig quietschende Salzstreuer wird über dem um den Knoten zusammen gelegten Seil eingesetzt, dann wird es mit magischen Bewegungen losgelassen – und es ist wieder ein heiles langes Seil, nicht zerschnitten, ohne Knoten.

„Ich will das sofort lernen!“, ruft Tessa.

Das werden die Kinder auch, aber zuerst einmal fragt Bachmaier die Zaubertrick-Hausaufgaben vom letzten Mal ab. „Wer kann das springende Haargummi?“ Julia springt auf und zeigt es. „Kannst du auch mit Gefängnis?“, fragt Bachmaier. Das muss er Julia noch mal zeigen. Danach werden die bereits gelernten Zauberknoten abgefragt. Pauline zeigt den „springenden Knoten“, Julia den wegpustbaren Knoten und Anian den „unmöglichen Knoten“. Nimmt hier noch einer der kleinen Zauberer Rücksicht auf den schwächeren Arm? Sieht nicht so aus. Für die erfolgreichen Seiltricks werden eben einfach beide Hände gebraucht.

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