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Lernapp der LMU:Tippen und begreifen

Ein Beispiel aus der LMU-App, mit der Kinder spielerisch ihr Rechtschreib- und Lesevermögen verbessern können.

(Foto: Meister Cody)

Ein interdisziplinäres Forscherteam an der Ludwig-Maximilians-Universität will Schülerinnen und Schüler mit Lese- und Rechenschwäche helfen. Eine eigens dafür entwickelte App startet in die Testphase

Wie wirkt sich Förderung bei Kindern aus, die Schwierigkeiten haben, lesen und schreiben zu lernen? Wie kann man Grundschülern helfen, die sowohl unter einer Lese- als auch einer Rechenschwäche leiden? Und wie kann eine PC-basierte Förderung oder eine App für das Smartphone Kindern helfen, die neben ihren Lerndefiziten Verhaltensauffälligkeiten zeigen? Also auch Schülern, die sich über einen längeren Zeitraum schlecht konzentrieren können, traurig bis depressiv wirken oder aggressiv reagieren. An solchen Fragestellungen arbeitet derzeit ein interdisziplinäres Forscherteam um Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LMU München. Die Ergebnisse werden in den kommenden Monaten in die Online-Plattform des Forschungsvorhabens "Londi" fließen, der Name steht für "Lernstörungen Onlineplattform für Diagnostik und Intervention". Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und von Schulte-Körne zusammen mit Marcus Hasselhorn, Direktor am Frankfurter Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation koordiniert.

Auf der Plattform sollen spätestens von Ende des Jahres an fortwährend aktualisierte Informationen und Materialien zu Diagnostik und Förderung bereitstehen. Angesprochen sind Lehrer, Therapeuten, Mitarbeiter von Jugendämtern und auch Eltern. Sie sollen mit Londi unterstützt werden, aktuelle Entwicklungen und Forschungsergebnisse in Therapeutenzimmern, in Schulen oder zu Hause umzusetzen. Unter www.londi.de sind Informationen zu den Projekten und den Ansprechpartnern zu finden.

In den nächsten Monaten arbeiten die Wissenschaftler weiter unter anderem an Studien zu den Wirkfaktoren von Lern-Apps, die teilweise noch mit jungen Probanden getestet werden. Dazu suchen die LMU-Forscher derzeit Drittklässler mit Rechenschwierigkeiten aus dem Münchner Raum, die sich über mehrere Wochen mit einer App die Welt der Zahlen erschließen sollen. Die Apps sind adaptiv, das heißt, sie passen sich je nach Fehlerquote dem Leistungsgrad der Schüler an. Tablets werden gestellt, sodass die Aufgaben zu Hause und ohne Eltern gelöst werden können. Nach der Testphase und der Auswertung sollen die Apps öffentlich zugänglich werden. Der Markt für Lern-Apps sei ein riesiges Geschäftsfeld, sagt Frank Niklas, Professor für Pädagogische Psychologie und Familienforschung an der LMU im Forschungsmagazin Einsichten der Universität. Doch wenn die Umsetzung didaktisch nicht gut sei, fiele das Lernen hintenüber. Da dies bei vielen Apps der Fall sei, entwickle er inzwischen zusammen mit Informatikern eigene Applikationen. So wie die Kollegen aus der Kinderpsychiatrie. Hier wie dort sind sich die Wissenschaftler einig: Je schneller und gezielter Kinder gefördert werden, desto größer die Chancen auf Erfolg.

Ein erster wichtiger Schritt bei Lernproblemen ist die Diagnose. Dazu brauche man in Bayern endlich die "Bekenntnis, dass wir Kinder mit Lernstörungen haben", sagt Schulte-Körne. Man könne beispielsweise gut und sicher Dyskalkulie (Rechenstörung) ab der zweiten Klasse diagnostizieren und entsprechend gegensteuern. Erste Zeichen seien gar schon im Kita-Alter zu sehen, etwa wenn das Kind Schwierigkeiten beim Zählen hat oder Mengen von Gegenständen nicht erkennt. Grund kann dann eine neurobiologische Störung sein, die nicht einfach ignoriert werden sollte.

Laut Schulte-Körne haben mindestens zehn, wohl aber etwa bis zu 15 Prozent der Grundschulkinder in Deutschland eine Beeinträchtigung beim Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen. Lese- und Rechtschreibstörung (LRS, Legasthenie) und die Dyskalkulie könne bei manchen Kindern während der Jugend bis ins Erwachsenenalter erhebliche Schwierigkeiten verursachen. Einher gehen nicht selten psychische Probleme, die bis zum Verlassen der Schule ohne Abschluss führen. Im Unterricht könne man Kinder ein Stück weit auffangen. Aber häufig sei zusätzliche Förderung nötig, sagt Kristina Moll aus der Forschungsabteilung der Kinderpsychiatrie der LMU. Die Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und Rechtschreibstörung sowie Rechenstörung seien zwar veröffentlicht, würden jedoch in Schulen nur zögerlich umgesetzt.

Drittklässler mit Rechenproblemen, die an der LMU-Studie teilnehmen wollen, können sich melden unter: kristina.moll@med.uni-muenchen.de

© SZ vom 30.01.2020
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