Was wäre, wenn ...? Wenn das Leben in bestimmten Momenten anders verlaufen wäre, Entscheidungen rückgängig gemacht werden könnten, Tote wieder lebendig würden? Für solche Gedankenspiele gibt es die Literatur. Und die macht zum Beispiel Marlene Dietrich zur Bundespräsidentin.
Ein Autorentrio aus Heinz Bude, Karin Wieland und der Zeichnerin Bettina Munk lässt die berühmte Schauspielerin an einem frostigen Januartag 1964 in ihrer einstigen Heimatstadt Berlin landen – wo ihr der damalige Bürgermeister Willy Brandt und sein Sprecher Egon Bahr ein Angebot unterbreiten. Es ist ein gewagtes Szenario, das die drei unter dem Künstlerkürzel BudeMunkWieland in ihrem Buch „Transit 64“ entwickeln und am 20. Januar im NS-Dokumentationszentrum durchspielen. Und es ist eine eigenwillige Form zwischen Graphic Novel und Roman, die sie dafür gewählt haben.
Ob das Buch also bald im neuen Comicladen in München stehen wird? Denn nach einem Jahr, in dem es tatsächlich kein einziges Comic-Fachgeschäft mehr in München gab, wagt nun der in der Szene bereits wohlbekannte Betreiber Michael Khambekar mit Splendid Comics einen Neuanfang – vom 16. Januar an können Fans des Genres mitten in der Stadt, im Rathaus am Marienplatz, in Graphic Novels und Comics stöbern.

Überraschung für die Zeichnerszene:München bekommt wieder einen Comic-Laden
Ein Jahr lang musste die Szene ohne Comic-Spezialgeschäft auskommen. Von Mitte Januar an wird es nun wieder eines geben – in allerbester Lage sogar.
Ein neues Jahr beginnt eben mit vielen neuen Möglichkeiten – und Literaturliebhaber werden nicht nur im Buchhandel, sondern auch in Bezug auf Lesungen aller Art bereits im Januar wieder vielfach fündig.
Das Literaturhaus zum Beispiel fährt gleich viel Prominenz auf: Mit Ursula Krechel beginnt dort am 14. Januar das Lesungsjahr. Die im vergangenen Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Schriftstellerin wird zum einen ihren Roman „Sehr geehrte Frau Ministerin“ vorstellen, der die Macht und Ohnmacht von Frauen auslotet. Und ihren Essay „Vom Herzasthma des Exils“, der angesichts des herausfordernden Themenkomplexes Flucht und Exil zu mehr Menschlichkeit aufruft: Was wäre, wenn?

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Keine Volkserziehung, sondern Empathie: Ursula Krechels beeindruckender Einspruch gegen unseren verkrampften Migrationsdiskurs.
Vielstimmig geht es am Salvatorplatz weiter, beispielsweise mit der französisch-marokkanischen Romanautorin Leïla Slimani (18.1.) oder einem Podium mit dem Philosophen Julian Nida-Rümelin, der darüber spricht, „Was Demokratie ausmacht“ (20.1., jeweils nur noch Stream-Tickets). Die Schriftstellerin Anja Kampmann erzählt anhand einer Geschichte aus den 1930er-Jahren von Wut und Mut einer jungen Frau (26.1.), und ein Abend für Margot Friedländer erinnert an eine noch im hohen Alter furchtlos die Stimme erhebende Mahnerin: „Seid Menschen!“ (27.1.).
Eine Mahnung, die auch zum Beispiel angesichts des Romans „ë“ von Jehona Kicaj dringlich erscheint. Die in Kosovo geborene Autorin erzählt in diesem Roman, der im vergangenen Jahr auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, vom andauernden Leid durch Verfolgung, Mord und Krieg. Im NS-Dokuzentrum wird sie ihren Roman am 23.1. vorstellen.
Auch in den Münchner Kammerspielen beginnt das Jahr gewohnt politisch: Der Publizist und Autor Michel Friedman spricht mit dem Politikwissenschaftler Carlo Masala über Kooperation – ein Thema, das geopolitisch so wichtig wie immer schwieriger erscheint (14.1.). Da fällt einem nur der Titel von Peter Lichts Roman ein, mit dem er am selben Abend im Fat Cat zu Gast ist: „Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen“.

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Peter Licht ist der lustigste liebenswürdige Gesellschaftskritiker des Landes. In seinem Buch „Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen“ geht es um Köln, Konsum und Kommissare.
Welch breites Spektrum das Lyrik Kabinett abdeckt, führt auch diese Institution im Januar deutlich vor. Sie beginnt mit der Präsentation einer großen Anthologie zur „Englischen Renaissance“ des Anglisten Manfred Pfister (14.1.), um dann ein neues Projekt der Lyriker Daniel Bayerstorfer und Tobias Roth aufzugreifen: „Kreuzfällen“ heißt deren neues Langgedicht, und sinnigerweise soll eine Singende Säge die Lesung begleiten (21.1.).
Dazu kommt ein Gedenk-Abend „In der Feuerkette der Epoche“ für die jüdische Dichterin Gertrud Kolmar, in Kooperation mit dem Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde (29.1.). Auch in deren eigenen Räumen am St.-Jakobsplatz geht das Jahr bemerkenswert los: Die zwischen Berlin und Tel Aviv pendelnde Schriftstellerin Mirna Funk stellt dort ihren neuen Roman „Balagan“ vor (18.1.).
Angesichts dieses üppigen Lesungs-Angebots erscheint ein Abend der MVHS im HP8 eine fremde Parallelwelt zu beschreiben: „Das Verschwinden der Texte“ hat der Kulturwissenschaftler Christian Schüle einen Vortrag über die Zukunft des Lesens betitelt, die in Zeiten von Maschinen und KI düster zu sein scheint (21.1.). Was wäre, wenn ...? Manches möchte man sich lieber doch nicht so genau vorstellen.

