Literatur-Auszeichnungen:Schöne Aussichten schaffen

Lesezeit: 2 min

Der Freistaat Bayern vergibt in diesem Jahr sage und schreibe 22 Literaturstipendien - 16 mehr als in früheren Jahren.

Von Antje Weber, München

Ein Panic Room mit Putin-Konterfeis wirkt nicht gerade beruhigend. Wer am Mittwochabend die Säle der Bayerischen Akademie der Schönen Künste betrat, ließ den Raum des Künstlerduos M+M also vielleicht lieber schnell beiseite und wandte sich den Plakataufstellern des Kunstministeriums zu. Darauf die Adjektive "kreativ" und "innovativ" zu lesen, auf blassblauem Grund zigmal wiederholt, beruhigte allerdings auch nicht nachhaltig. Warum lässt man Plakate drucken, die das Gegenteil des Behaupteten vor Augen führen? Wäre es nicht sinnvoller, das schöne Geld, zum Beispiel, für Literaturstipendien auszugeben - in der Hoffnung, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller es kreativer einsetzen?

Und nun zur guten Nachricht: Dies geschieht bereits. Denn Minister Markus Blume hatte in die Akademie geladen, um sage und schreibe 22 Literaturstipendien zu verleihen. Zu den sechs Arbeitsstipendien, die alle zwei Jahre vom Kunstministerium vergeben werden und mit 7000 Euro dotiert sind, kommen in diesem Jahr 16 weitere Stipendien hinzu, in unterschiedlichen Dotierungen. 44 000 Euro zusätzlich wurden im Rahmen des Neustart-Pakets Freie Kunst der Staatsregierung ausgeschüttet; nimmt man noch die Kunstförderpreise dazu, die im November verliehen werden, und die soeben vergebenen Verlagsprämien, dann kommt 2022 schon einiges an Literaturförderung zusammen.

Der Lyriker Armin Steigenberger will einen "Beitrag zur Zerschönerung der Welt" leisten

Wenn Blume von der "Wertschätzung" spricht, die man den Autoren des Freistaats entgegenbringen wolle, so wird das an diesem Abend jedenfalls eingelöst. Man hat sich viel Mühe gegeben, eine aufwändige Broschüre erstellt, zwei Werkstattgespräche samt Lesungen organisiert - dass das Wertschätzen somit zwei doch sehr lange Stunden dauert, steckt zumindest der animiert plaudernde Minister locker weg. In welchen Projekten die Literaturstipendiaten derzeit ihre Kreativität ausleben, erfährt man auf diese Weise natürlich auch: Der Lyriker Daniel Bayerstorfer macht sich Gedanken zu Antigone, sein Kollege Armin Steigenberger will einen "Beitrag zur Zerschönerung der Welt" leisten. Thomas Lang schreibt am Roman "Der treibende Riese", Jugendbuchautor Kilian Leypold an einem historischen Jugendroman, der im Dreißigjährigen Krieg spielt. Comiczeichner Uli Oesterle arbeitet an der Fortsetzung des Comics "Vatermilch", Dana von Suffrin nach "Otto" an einem weiteren Familienroman. Größere Arbeitsstipendien gehen auch an Sandra Hoffmann, Andreas Andrej Peters und Ulrike Schäfer, neben zwölf weiteren, mit 2000 Euro dotierten Förderstipendien.

Wie wichtig jedes einzelne Stipendium ist, macht exemplarisch Jovana Reisinger deutlich. Die Autorin erzählt zum einen, wie solche Zuwendungen ihr "helfen, mehr zu schlafen". Zum anderen beschreibt sie in ihrer prämierten Kurzgeschichte "Zur schönen Aussicht" eine Frau, die im 49. Stock eines Hochhauses am Fenster steht - so wie sie selbst vor einiger Zeit in Peking, wohin sie aufgrund einer anderen Auszeichnung reisen konnte. Stipendien mildern, so lässt sich folgern, nicht nur die Panik auslösenden Existenzsorgen vieler Künstler. Sie fördern eindeutig auch die Kreativität.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema