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Literaturhaus und Franz-Marc-Museum:Daphnes Freiheit

Franz-Marc-Museum und Literaturhaus widmen sich dem Werk von Anselm Kiefer. Sie ergründen, welche Rolle mythologische Frauenfiguren darin spielen.

Von Susanne Hermanski

Poetik und Politik, Mythos und Gesellschaftskritik - wie das zusammenpasst, hat Anselm Kiefer in hunderten Werken gezeigt. Viele davon werden heute zu Millionenwerten gehandelt. Seine Gemälde und Skulpturen beschriftet Kiefer häufig - nie mit Parolen, aber immer reich an Assoziationen. Zum Beispiel durch "Daphne", eine Vitrine, in der er jene Nymphe aus der griechischen Mythologie schweben lässt, die sich dem Gott Apollo entzieht. Als er versucht, sie zu vergewaltigen, verwandelt sie sich in einen Lorbeerbaum. Ovid beschreibt das in seinen Metamorphosen. Wer vor Kiefers Werk steht, sieht Ovids Worte förmlich. Nicht nur den Baum, sondern auch wie die Lüfte ihre Gewänder zum Schwingen brachten und ein leichter Luftzug die bewegten Haare wehen ließ.

"Ich denke in Bildern. Dabei helfen mir Gedichte. Sie sind wie Bojen im Meer." Das hat Anselm Kiefer 2008 gesagt, in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Aktuell arbeitet die Ausstellung "Anselm Kiefer - Opus Magnum" im Franz-Marc-Museum in Kochel am See diesen literarischen Aspekt seiner Kunst besonders heraus (noch bis zum 6. Juni und bei entsprechenden Pandemieregeln zu sehen). Zu der Schau aus 23 Vitrinen und 6 Fotografien haben 15 Autoren kurze, häufig poetische Texte verfasst. Sie sind in Ausschnitten Teil der Ausstellung und komplett im Katalog zu finden (Schirmer/Mosel). Mit dabei: Alexander Kluge, Patricia Görg, Gert Heidenreich, Michael Krüger, Peter S. Jungk, Michael Kumpfmüller, Sybille Lewitscharoff, Gila Lustiger, Marion Poschmann, Christoph Ransmayr, Said, Wolf Singer, Ferdinand von Schirach sowie Nora Bossong und Klaus Reichert.

Die beiden letztgenannten werden von 19. April an an einer Veranstaltung des Museums mit dem Literaturhaus München teilnehmen, die die Ausstellung flankiert. "Von Daphne bis Lilith. Weibliche Gestalten im Werk Anselm Kiefers" ist deren Titel. Die Literaturwissenschaftlerin und Gender-Forscherin Elisabeth Bronfen ist als Gast geladen. Moderieren wird die Kuratorin der Ausstellung und Direktorin des Franz-Marc-Museums, Cathrin Klingsöhr-Leroy. Der Stream steht 72 Stunden zur Verfügung. Ende Mai folgt auch noch eine Tagung in der Evangelischen Akadmie Tutzing, die die Schau zum Anlass hat, aber einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt rückt. "Stunde Null?" fragt sie im Bezug auf Kiefers Werk, in dem der Künstler Krieg, Shoa und die Unmöglichkeit der Vergessens immer wieder thematisiert, und damit eigentlich eine Antwort gibt.

Von Daphne bis Lilith - Weibliche Gestalten im Werk Anselm Kiefers, Literaturhaus, www.literaturhaus-muenchen.de (Ticket mit Code), Mo., 19. April, 20 Uhr

© SZ vom 15.04.2021/van
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