Lesung von Natalie Amiri über den Nahen Osten„Trump ist die größte Chance“

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Die Lesung mit der Journalistin Natalie Amiri wurde moderiert vom Schriftsteller Navid Kermani.
Die Lesung mit der Journalistin Natalie Amiri wurde moderiert vom Schriftsteller Navid Kermani. (Foto: Catherina Hess)

„Der Nahost-Komplex“: Navid Kermani stellt im Literaturhaus München das neue Buch der Journalistin Natalie Amiri vor.

Von Lars Langenau

Es sei ein „Gipfeltreffen der herausragendsten Orientalisten Deutschlands“, führt Tanja Graf, Leiterin des Literaturhauses, Natalie Amiri und Navid Kermani ein. Mehr als 500 Personen im Saal und per Stream verfolgen diesen eineinhalbstündigen Gipfel über eine Weltregion, die uns in so vielen Dingen näher ist, als gemeinhin gedacht: den Nahen Osten. Bis diesen Sommer ist Amiri nach Israel, ins besetzte Westjordanland, in Libanon und nach Syrien (kurz nach dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad) gereist. Mit großer Empathie hat die 47-Jährige dort die gewaltigen Umbrüche, die Ängste, die alltägliche Gewalt, aber auch die Hoffnung so vieler beobachtet und teils mit ihrem Handy gefilmt. Sie hat Israels Ex-Premier Ehud Olmert getroffen und einen der Autoren der Oscar-prämierten Doku „No Other Land“.

Aus den vielen Begegnungen auch mit vielen einfachen Menschen ist ihr neues Buch „Der Nahost-Komplex. Von Menschen, Träumen und Zerstörung“ (Penguin-Verlag) entstanden. Es sei „kein klassisches Sachbuch“, sagt die vielfach ausgezeichnete Journalistin, die den „ARD-Weltspiegel“ aus München moderiert und das BR-Studio in Teheran geleitet hat. Es sei eine „Art Live-Berichterstattung“, bei der sie versucht habe, möglichst viele unterschiedliche Stimmen zu sammeln. Die 410 Seiten beruhen auf „unzähligen Gesprächen“ mit vielen Wahrheiten, ein „Versuch, Komplexität zu verstehen“.

Der mit ihr befreundete Kermani, 58, der als freier Schriftsteller in Köln lebt, ist am Montagabend ihr sensibler Stichwortgeber. Der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und Thomas-Mann-Preises lobt Amiris Ansatz, nicht zu urteilen. Ohne Wertung habe sie versucht, viele Perspektiven nebeneinanderzustellen. „Alle haben recht, das Gegenteil stimmt auch“, sagt Kermani. Das Buch spiegele die widersprüchliche Gegenwart. „Hier gibt es keine Auflösung, so wenig wie im realen Leben.“

Amiris Buch beginnt mit einer kaum auszuhalten Schilderung des Hamas-Massakers am 7. Oktober 2023. Und verfolgt dann die Auswirkungen des folgenden Rachefeldzugs des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu, der zu tektonischen Verschiebungen im Nahen Osten geführt hat. Dann „harter Schnitt: Man ist in Gaza und es geht einem genauso“, sagt Kermani. Mit der gleichen Eindrücklichkeit und Wucht schildere Amiri Grausamkeiten und Kriegsverbrechen der israelischen Armee über Augenzeugen vor Ort, in dem für Journalisten hermetisch abgeriegelten Gazastreifen.

Auf CNN, BBC oder Al Jazeera habe man die ganze Brutalität der israelischen Kriegsführung in Gaza gesehen

Sie habe in diesem Buch „um jeden Halbsatz gekämpft“. Auch weil sie wisse, wie vermint das Terrain sei, wie schnell ein missverstandener Satz als Antisemitismus fehlgedeutet werde.  „Anfangs war ich zu leise, habe ich Dinge nicht gesagt“, sagt Amiri selbstkritisch. Dabei sei sie es gewohnt, ihre Stimme zu erheben, „aufzustehen, laut zu sein, obwohl ich nicht gerne streite“.

Amiri gehe es immer darum, „auszusprechen was war, was passiert ist“, sekundiert Kermani. Mit welcher Unverhältnismäßigkeit Israel zurückgeschlagen habe, es kaum auszuhalten sei, welchen täglichen Demütigungen die Palästinenser in den besetzten Gebieten ausgesetzt seien. Die Berichterstattung deutscher Medien habe sich in einer Art „Paralleluniversum“ bewegt, meint Kermani. Dabei habe man nur auf CNN, BBC oder Al Jazeera umschalten müssen, um die ganze Brutalität der israelischen Kriegsführung in Gaza zu sehen.

Die größte Chance für die Region, so unwahrscheinlich das klinge, sei gerade Donald Trump, sagt Amiri. Der US-Präsident handele auch in Syrien nicht aus Menschenliebe, sondern wegen der Aussicht auf Profit. Aber: „Trump ist der Kit, der funktioniert, der das zusammenhält.“ Und ergänzt: „Den Müttern ist das egal, solange ihre Kinder nicht mehr sterben.“

Nach der Abgabe des Skripts sei sie „mehr als erschöpft“ gewesen, sagt Amiri, auch „aus Furcht, dass es falsch gelesen“ wird. Bislang aber sei das nicht passiert. Vielleicht weil ihre Zeilen vor allem Empathie wecken – für alle Seiten.

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:„Trump ist ein Bulldozer“

Hat Trumps Friedensdeal eine Chance? Natalie Amiri, die ihre Recherchen seit dem 7. Oktober 2023 in dem Buch „Der Nahost-Komplex“ gebündelt hat, über die Entwicklungen in Israel und Gaza, das Lagerdenken der Gesellschaft und Lernkurven von Journalisten.

SZ PlusInterview von Moritz Baumstieger

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