Ein junges Paar, versunken in einen innigen Kuss: Das Motiv des Plakats passt zweifellos gut zum Motto des diesjährigen Literaturfests. „Sprachen der Liebe. Wie wollen wir leben?“ lautet es. Und wer jetzt glaubt, es gehe dabei biedermeierlich nur um romantische Gefühle, den belehrt Tanja Graf schnell eines Besseren: „Im Gegenteil“, sagt die Literaturfest-Geschäftsführerin, es sei „immens politisch“.
Wer das soeben veröffentlichte Programm durchblättert oder -scrollt und zudem auf einer Pressekonferenz an diesem Mittwoch einigen der Beteiligten lauschte, kann ihr nicht widersprechen. Und sich nur Fridolin Schley vom Kulturreferat anschließen, der in Vertretung des Kulturreferenten (ja, es gibt noch einen, Anton Biebl hat an diesem Morgen nur keine Zeit) viel Zuversicht ausstrahlt. „Schlanker“, „konzentrierter“, „übersichtlicher“ sei das Programm des Festivals, das nach vollzogener Trennung von der Münchner Bücherschau und einer Verschiebung ins Frühjahr nun vom 2. bis 11. April erstmals solo antritt. Und das neben ungewöhnlichen Formaten auf prominente Stimmen wie Helene Hegemann, Martina Hefter, Doris Dörrie oder Wilhelm Schmid setzt.
Was kann die Literatur in Zeiten ausrichten, in denen täglich neue Hiobsbotschaften zu verdauen sind? Es ist sicher, wie Schley sagt, eine „kluge Entscheidung“, diesmal nicht einen Großkonflikt herauszugreifen, sondern nach einer „übergreifenden Grammatik“ zu suchen. Als Kurator wurde Daniel Schreiber gewonnen, der in erfolgreichen Essaybüchern wie „Allein“ oder „Zuhause“ über die Grundlagen unseres Zusammenlebens nachgedacht hat. Und der über die „Sprachen der Liebe“ sagt: „Das Thema liegt mir extrem am Herzen.“
Ihm ist bewusst: „Liebe hat eigentlich einen schlechten Ruf.“ Doch er versteht sie eben nicht nur als Gefühlsbewegung. Liebe bedeute, eine „leidenschaftliche Beziehung zur Welt einzugehen“, auf Mitgefühl, Zusammenhalt und Empathie zu setzen. In einer Zeit, die immer mehr von Hass bestimmt werde, müssten wir uns darauf besinnen, „was uns wichtig ist, wofür es sich zu kämpfen lohnt“.
Beim Literaturfest wird sich das in den unterschiedlichsten Ausprägungen zeigen, in einer geradezu blühenden Fülle, die laut Graf einen „Suchtfaktor“ auslösen soll. Ein paar Appetizer: Bei der Eröffnung wird die Klimaaktivistin und Autorin Luisa Neubauer über Mut sprechen, am Abend darauf eine illustre Runde mit Gabriele von Arnim, Asal Dardan, Hasnain Kazim und Mirjam Zadoff die Kernfrage diskutieren: „Wie wollen wir leben?“
Ein Symposium widmet sich den Leidenschaften
In einem von mehreren Live-Podcasts wird Matze Hielscher das Erfolgs-Autorenpaar Monika Helfer und Michael Köhlmeier interviewen. Ein Live-Ereignis ist es sicher auch, wenn Meike Rötzer den Klassiker „Anna Karenina“ auf anderthalb Stunden herunterbricht. Ein Symposium wird sich philosophisch den Leidenschaften annähern: Um Mode, Schönheit, Wohnen, Garten, Pferde und Kochen soll es gehen – denn auch mit Hobbys, so Schreiber, „können wir die Welt verändern“. Und da man da gleich mittun möchte, gibt es auch partizipative Formate, vom „Shared Reading“ bis zum Go Sing Choir, der Liebeslieder mitbringt, was sonst.
Um Liebe und Freiräume geht es auch bei der „Münchner Schiene“, diesmal fürs Lyrik-Kabinett von Lisa Jay Jeschke und Chris Reitz kuratiert, mit einem „Open House der freien Szene“ und „ausschweifenden“ Abenden, die queere Fanfiction, Vielsprachigkeit und das Wohnen in München zum Thema machen. In einer Ausstellung von Tracey Snelling kann man sich dazu von sofort an im Literaturhaus inspirieren lassen: Ihre spukhaften Nachbildungen von Häuserblöcken wirken nur auf den allerersten Blick unpolitisch.
Politisch ist auch die Entscheidung, diese Installation und manche Veranstaltungen (etwa zu Liebesfilm-Klassikern) bei freiem Eintritt zu öffnen, kostenlose Streams anzubieten und eine digitale Zusatz-Bühne. „Niedrigschwellig und demokratisch“ sei das gedacht, so Schreiber. Und das löst doch erste Gefühle der Nähe aus.
Literaturfest München, 2. bis 11. April, Programm unter literaturfest-muenchen.de

