Literaturfest "Sommer-Edition":Sätze, die Menschen verbinden

Das Literaturhaus lädt zu einer "Sommer-Edition" des Literaturfests mit prominenten Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Die Eröffnung ist als Open Air geplant.

Von Antje Weber

Manchmal in ihrem Leben, wenn Helga Schubert ratlos oder traurig war, las sie besondere Sätze oder Zeilen - und spürte plötzlich wieder einen "Strom von Einverstandensein", eine Verbindung mit Menschen, "die schon seit Tausenden Jahren tot sind oder weit weg wohnen und andere Sprachen sprechen". Vielleicht, so schreibt die späte Bachmann-Preisträgerin des vergangenen Jahres in ihrem Bestseller "Vom Aufstehen", "hatte ich gerade auf einen solchen Satz gewartet".

Wer auf solche Sätze wartet, die trösten oder aufrütteln, kann sie nun gehäuft bei einer "Literaturfest-Sommeredition" des Literaturhauses finden. Helga Schubert ist nur eine von etlichen prominenten Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die vom 16. bis 24. Juni im Literaturhaus lesen und diskutieren werden; eingeladen sind zum Beispiel Alena Schröder und Hans Pleschinski, Hengameh Yaghoobifarah oder Christoph Ransmayr. Da das Literaturfest schon zum zweiten Mal nicht in seiner üblichen Form stattfinden kann, kam Literaturhaus-Leiterin Tanja Graf auf die Idee des Sommerfestivals; unterstützt vom Kulturreferat und zahlreichen Kooperationspartnern, kann sie es nun umsetzen: "Wir müssen in der Stadt die Fahne hochhalten für die Literatur", ist ihre Motivation.

Leicht ist es derzeit nicht, ein solches Festival zu organisieren. Bis vor wenigen Tagen war nicht klar, ob überhaupt Publikum zugelassen wird, "das hat die Planung enorm schwierig gemacht". Um für die Zuhörer wie auch die anreisenden Autoren "auf Nummer sicher" zu gehen, musste Graf überdies die ursprüngliche Idee eines reinen Open-Air-Festivals aufgeben. Nun sollen fast alle Lesungen vor 50 Zuhörern im Saal stattfinden und gestreamt werden. Nur die Eröffnung am Mittwoch, 16. Juni, ist als Open Air auf der Terrasse der Brasserie Oskar Maria vor dem Literaturhaus mit 80 Zuhörern geplant. Gestreamt werden soll auch dort draußen; falls es regnet, weicht man in den Saal aus, in den allerdings ja nur 50 Leute hineindürfen. Man plane also mit einer "Schönwetterliste", sagt Graf. "Zum Glück ist das Publikum so geduldig und uns zugewandt, dass es mitspielt bei diesem Hin und Her."

Und ganz egal, in welche Richtung das Wetter ausschlägt: Beschwingt wird die von Nora Gomringer geprägte Eröffnung bestimmt. Der Abend sei eine "Brücke" zum vergangenen Jahr, als die Schriftstellerin eigentlich das Literaturfest kuratieren sollte, sagt Graf. Nun gestaltet Gomringer zumindest einen Abend: Sie wird zunächst die belarussische Autorin Volha Hapeyeva vorstellen, danach mit dem Jazz-Musiker Philipp Scholz die Performance "Peng Peng Peng!" bieten. Graf hofft auf einen "tollen Auftakt", bei dem sich Sprache, Musik und Politik ergänzen - und insgesamt an den neun Tagen mit je zwei Veranstaltungen auf einen Festivalcharakter mit zumindest Open-Air-Pausendrinks.

Politisch brisante Themen werden auch im weiteren Verlauf des Fests angeschnitten. Insgesamt will Graf Highlights der Frühjahrs-Verlagsprogramme präsentieren und dabei die große Bandbreite derzeit wichtiger Themen aufzeigen. An jedem Abend hat sie Autoren und Bücher zusammengespannt, die sich in irgendeiner Form ergänzen. Dazu gehört natürlich die Analyse der Pandemie-Krise: An einem der ersten Abende wird zunächst der Philosoph Markus Gabriel über "moralischen Fortschritt in dunklen Zeiten" sprechen, danach der Historiker Volker Reinhardt die Folgen der einstigen Pest darlegen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wird auch der Kolonialismus aufgearbeitet: Katharina Döbler hat das Thema anhand der eigenen Familiengeschichte beleuchtet; die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy fordert seit langem, belastete afrikanische Kulturgüter zurückzugeben; Büchner-Preisträger Arnold Stadler wiederum beschäftigt sich mit der kolonialen Vergangenheit anhand einer Reise zum Kilimandscharo. Und wer will, kann auch hier nun wieder einen Bogen zu Helga Schubert schlagen. Einer ihrer Lebenssätze nämlich ist das afrikanische Sprichwort "Wende dein Gesicht der Sonne zu, so fallen die Schatten hinter dich." Das könnte man auch gut als Motto für dieses Literaturfest ausgeben, ja für den ganzen Sommer.

Literaturfest München 2021: Sommer-Edition, Mi., 16. Juni, bis 24. Juni, Informationen: literaturhaus-muenchen.de

© SZ vom 09.06.2021/van
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB