Süddeutsche Zeitung

Literatur:Wollüstige Heilige

Sex and Crime und zahlreiche Märtyrer: Der frühere Kunsthändler Konrad Bernheimer schreibt mit viel Vergnügen den Krimi "Tödliche Gemälde"

Von Evelyn Vogel

Er hatte es getan. "Nicht gemalt, sondern wirklich erlebt!" Noch einmal richtete John einen Pfeil aus, ordnete den Faltenwurf des Lendentuchs und ergötzte sich am Anblick seines "Kunstwerks". Der Heilige Sebastian nach Guido Reni! An einen Baum gebunden, getroffen von Pfeilen, die seinen makellosen Leib durchbohrten. Ein Opfer, dessen verklärter Gesichtsausdruck in den Augen des sadistischen Mörders geradezu nach mehr Schmerz bettelte. Und der junge Mann sollte nicht das einzige Opfer bleiben.

Diesem Mörder geht es nicht um Mord um des Mordens willen. Er will Kunstwerke schaffen, auf deren Perfektion er stolz sein kann. Tableaux vivants, die allerdings einen klitzekleinen Fehler haben: Ihre Darsteller sind mausetot! Das größte Missverständnis des Mörders ist allerdings: Er glaubt Kunst zu erschaffen, dabei stellt er nur etwas nach. Wäre er nicht so selbstverliebt, würde er erkennen, dass er nichts weiter ist als ein krankhaft veranlagter Kopist.

Sex and Crime - das sind vordergründig die Zutaten für den Krimi "Tödliche Gemälde", den der frühere Kunsthändler Konrad Bernheimer vorgelegt hat. Doch im Kern geht es dem Autor darum, verschiedene kunstgeschichtlich interessante Versionen eines Bildes zu diskutieren und seine Liebe zu einem genussvollen Lebensstil zum Ausdruck zu bringen. Dass er dies in eine spannende und recht pikante Rahmenhandlung verpackt hat, macht die Lektüre für viele Leser interessant, die sich einem kunsthistorischen Werk gleichen Umfangs wohl nicht widmen würden. Und dass er seine ehemals eigene Zunft unter Aufbietung zahlreicher Klischees als geldgierig, korrupt und kriminell in die Pfanne haut, bereitete ihm selbst offensichtlich großes Vergnügen - und Laien eine gewisse Schadenfreude. Plaudert hier nicht ein Insider aus dem Nähkästchen?

Ja, man muss zugeben, Bernheimer macht das auch ganz geschickt. Zwar sind die Gespielinnen allzu willfährig und seine Opfer sehr leichtgläubig, womit sie es dem Täter zu einfach machen. Der aber plant jeden Mord - von seinem ersten an, der ihm wie durch Zufall in den Schoß fällt, und durch den er erst so richtig auf den Geschmack kommt - auch bis in die Details. Beim einen oder anderen derselben würde ein aufmerksamer Kriminalbeamter vielleicht hellhörig werden und den Spuren nachgehen. Wie den Einstichen in den Armen, über die John seinen Opfern das Curare verabreicht, um das Sprachzentrum zu stören und sie so am Schreien zu hindern.

Aber solch kleine Ungereimtheiten sind dann doch eher nachrangig für Bernheimer. Die Lust, in seinem reichen Kunstwissen und bemerkenswerten, kulinarischen Erinnerungen zu schwelgen, steht im Vordergrund. Und hier kann der in seinem langen Berufsleben weit Gereiste auf einen reichen Fundus zurückgreifen. London, Paris, Venedig: Sie sind die Schauplätze in seinem Roman. Und Bernheimer kennt sie bestens. Denn sie sind auch Hotspots des Kunsthandels. Dort war Bernheimer, Sohn einer vor den Nazis nach Venezuela geflüchteten und nach dem Krieg zurückgekehrten Münchner jüdischen Familie, der in ganz Europa als Galerist für Alte Kunst bekannt war, jahrzehntelang zu Hause.

Hinzu kommt im Roman ein familiärer Showdown, dessen Ausgang natürlich nicht verraten wird. Die Protagonisten sind die ungleichen Zwillinge Martin und Jonas Blume. Jonas, der sich später John Blumenstein nennt, ist ein weltläufiger Kunsthändler und wohlhabender Lebemann. Ein wahrer Genießer, notorischer Casanova und sadistischer Mörder. Schon als Kind übte er sich als skrupelloser Manipulator. Sein Bruder Martin hingegen ist ein vom Leben und sich selbst enttäuschter Polizeibeamter im höheren Dienst. Ein kleingeistiger, verklemmter Misanthrop, der ganz nach dem Vater gerät, welcher als bayerischer Ministerialbeamter über Kunst und Kultur zu entscheiden hatte, ohne sich je dafür zu interessieren.

Trotz gewisser Schwächen des Romans, wie Konrad Bernheimer die kunstgeschichtlichen Beispiele kennerhaft und farbenreich beschreibt und die im Buch nur schwarz-weiß abgedruckten Bilder zum Leuchten bringt, ist schon großartig. Danach wird man das kokelnde Fleisch des Heiligen Laurentius bei Rubens und die mordlüsterne Judith bei Artemisia Gentileschi mit ganz anderen Augen sehen.

Konrad Bernheimer: Tödliche Gemälde. Ein Kunstkrimi, Verlag Langenmüller, 336 Seiten, 22 Euro

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SZ vom 14.01.2021
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