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Literatur:Texte für zwischendurch

Die "Storyapp" sammelt hunderte Kurzgeschichten

Von Rebecca Reinhard

Man könnte die Storyapp mit einer Schatztruhe vergleichen. Wer sie öffnet, findet ungeschliffene Diamanten, schillernde Brillanten, angelaufene Goldketten. Die Schätze sind in diesem Fall Kurzgeschichten, gesammelt über viele Jahre und kuratiert von Otger Holleschek. Er ist Veranstalter des Münchner Kurzgeschichtenwettbewerbs. Seit 20 Jahren kommen so mit jeder Ausschreibung rund 1500 Kurzgeschichten zu ihm.

Es sei schade gewesen, dass das Gros der guten Texte dort keine Bühne bekäme - nur eine Handvoll werde jährlich prämiert, sagt Holleschek. So konzipierte er vor zwei Jahren die Storyapp, die es kostenlos für Apple und Android gibt. Hunderte Geschichten fasst sie mittlerweile, von bekannten wie unbekannten Autoren. Man wolle schlicht "guten Schriftstellern die Möglichkeit geben, einem interessierten Publikum die besten Geschichten zu präsentieren", heißt es auf der Homepage. Unabhängig vom Kurzgeschichtenwettbewerb könne hier jeder eine Geschichte einreichen - ohne Garantie auf Veröffentlichung freilich. Voraussetzung sei nur, dass die Lesezeit rund 15 Minuten betrage. Das macht die Kurzgeschichtensammlung zur idealen Warte-Lektüre beim Arzt oder in der Bahn, meint Holleschek.

Nutzer können nach Autoren suchen oder nach Genres. Die Kategorie "Herzflimmern" verspricht Texte von Liebe und Hass. "Auf dem Trip" dürfte mit Texten aus fernen Ländern vor allem als Reiselektüre interessant sein. Die Funktionsweise präsentiert sich auch sonst angenehm reduziert: Wer einen Text mag, kann ihn in einer Leseliste speichern und bewerten. Wem ein Autor gefällt, der kann ihm folgen - und ihm virtuelle Blumen schenken. "Sag's durch die Blume" nämlich heißt das Spendenkonzept Hollescheks. Die Autorinnen und Autoren arbeiten zunächst unentgeltlich, was Blumen im Story-Universum zum begehrten Gut macht.

Wer durch die umfangreiche App streunt, wird Perlen finden - "Aber wir" etwa von der österreichischen Autorin Birgit Birnbacher, die im vergangenen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Ihr Text beginnt mit "Ich weiß nicht, ob das Rotz ist oder Blut oder Spucke, was dir da aus dem Gesicht kommt" und ist so etwas wie ein Paradebeispiel für zeitgenössische Kurzgeschichten: Mitten in der Geschichte beginnende Alltagsstudien, oft verstörend präzise Realitäten schildernd. Zuweilen tut das weh, oft aber ist es schlicht ein Spiegel von Menschlichkeit. Es geht um Liebe, Verlust, Einsamkeit, Kinderwunsch, unerfüllte Erwartungen, psychische Abgründe.

So wie in "Halim liegt wach" der jungen Sophia Fritz, die unter dem Namen Josephine Frey beachtlich nahbare und melancholische Texte über Gefühle schreibt und in den sozialen Medien vor allem von jungen Lesern gefeiert wird. In ihrer Geschichte unterhalten sich ein Geflüchteter und eine Deutsche - deren Leben eigentlich gut und dennoch kaputt ist. "Halim liegt wach" zeigt die Schizophrenie einer Leistungsgesellschaft, heruntergebrochen auf die Mikroebene. Vorgelesen wirkt der Text noch intensiver - in diesem Fall mit wunderbar zart-brüchiger Stimme von der Schauspielerin Mascha Müller. Und wer "gelesen von" in der Suchzeile eingibt, findet noch mehr solcher Geschichten zum Hören. "Silvester" von Dirk Bernemann etwa, im kratzigen Bariton vorgetragen von Musiker Matze Rossi. Oder "Liebe, Sinn und Not" von Martin Ahrends, gelesen von Schauspieler Götz Otto mit seiner großartigen Lesestimme.

Für Holleschek ist das viel Arbeit, die sich finanziell nicht lohnt. Rund 7000 Nutzer hätten seine App bisher installiert, Blumen schenken dabei die wenigsten. "Ich habe es gemacht, weil ich es machen wollte", sagt Holleschek. Geld verdienen wolle er damit nicht. Vielmehr will er in diesem Jahr trotz Corona den Kurzgeschichtenwettbewerb neu ausschreiben, wahrscheinlich im Juli. Wer schon jetzt inspiriert ist, könnte auch die gegenwärtige Pause nutzen, um zu schreiben. Und vielleicht ist irgendwann der eigene Name Teil der Schatztruhe namens Storyapp. Ein Ansporn ist das allemal.

© SZ vom 16.04.2020

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