Wie wäre es denn mal mit einer kleinen Liebesgeschichte? Fragt der Verleger Ernst Rowohlt einst seinen Autor Kurt Tucholsky; er möchte nach allerhand politischen Büchern mal wieder die „schöne Literatur“ pflegen. Und Tucholsky antwortet: „Ja, eine Liebesgeschichte … lieber Meister, wie denken Sie sich das? In der heutigen Zeit Liebe? Lieben Sie? Wer liebt denn heute noch? Dann schon lieber eine kleine Sommergeschichte.“
Die kleine Sommergeschichte, die mit diesem von Tucholsky erdachten Briefwechsel beginnt, heißt „Schloss Gripsholm“, und selbst beim Blättern in einer vergilbten Ausgabe des 1931 erschienenen Büchleins entfaltet sich mit den ersten Zeilen immer noch sofort ein Zauber. Wenn das Literaturhaus seine Sommerlese-Reihe draußen auf dem Salvatorplatz am 1. Juli mit diesem Werk beginnt, von Shenja Lacher gelesen, dann wird das sicher (um den Klappentext zu zitieren) „anmutig und schwebend wie ein Schmetterling und sonnendurchflutet wie der Sommer selbst“.
In diesen Wochen, womit die zweite Juni- und die erste Juli-Hälfte gemeint sind, blüht die Literaturszene in München noch einmal auf. Und wie immer – bei Tucholsky sowieso – schwingt neben anmutiger Heiterkeit auch die Melancholie mit. Selbst bei einem Italien-Abend im Literaturhaus: Maike Albath hat ihr Stadtporträt von Neapel nicht zufällig „Bitteres Blau“ genannt (3.7.).

Melancholie ist auch dem Schriftsteller Ralf Rothmann nicht fremd. In seinem neuen Erzählband „Museum der Einsamkeit“ ist das bereits im Titel angelegt, und wie immer besticht er durch Rothmanns genaue Beobachtung und Sprache, die das pralle Leben zwischen Liebe und Verrat, Zartheit und Gewalt atmosphärisch dicht einfängt; ob es sich um junge Handwerker mit hochschießenden Hormonen handelt, einen Pfarrer, der über dem Sterben der eigenen Tochter verzweifelt, oder eine unmöglich scheinende Liebe zwischen einem Versehrten und seiner albanischen Pflegerin (Tukan-Kreis, Seidlvilla, 9.7.).
Apropos, was wissen wir schon über Albanien? An einem Abend mit Lindita Arapi im Bellevue di Monaco lässt sich mehr erfahren: Die albanische Autorin und Übersetzerin, die in Bonn lebt, wird nicht nur aus Romanen wie „Albanische Schwestern“ lesen, sondern auch über die Frage „Was bedeutet Heimat in Zeiten von Migration, Transformation und europäischer Sehnsucht?“ sprechen (21. Juni). Eine Frage, die wohl auch die syrische Autorin Luna Ali umtreibt, die im Bellevue liest und diskutiert (28.6.). Oder die in München lebende peruanische Autorin Ofelia Huamanchumo de la Cuba, die in der Reihe „Meine drei lyrischen Ichs“ auftritt (Kunstverein, 25. Juni). Und sicher auch den mit dem Booker Prize ausgezeichneten bulgarischen Schriftsteller Georgi Gospodinov, der seinen neuen Roman „Der Gärtner und der Tod“ präsentiert (Lothringer 13, 25.6.).
Nicht nur der Blick in die weite Welt kann melancholisch machen, sondern auch der Blick in die Nähe, in die Abgründe der eigenen Familiengeschichte. Der Münchner Psychologe Louis Lewitan und der Journalist Stephan Lebert haben den „Giftschrank der deutschen Erinnerung“ geöffnet: Für ihr Buch „Der blinde Fleck. Die vererbten Traumata des Krieges – und warum das Schweigen in den Familien jetzt aufbricht“ haben sie prominente und unbekannte Menschen gefragt, was sie über die eigene Familie wissen. Genauer: darüber, was ihre Eltern oder Großeltern während der Jahre des Nationalsozialismus gedacht und getan haben. Was etwa der Münchner Autor Peter Probst über seinen Vater erzählt, ist so widersprüchlich wie in wohl vielen Familien. Er selbst wird nicht auf dem Podium im Volkstheater sitzen, doch seine Frau Amelie Fried moderiert und spricht mit Lebert, Lewitan und dessen Tochter Joëlle sowie dem Kabarettisten und Autor Andreas Rebers (24.6.).
Und was ist mit der sommerlichen Leichtigkeit? Ob sie der Autor und FAZ-Redakteur Simon Strauß im Gepäck hat, der über seine Vorstellungen von „Neoromantik“ sprechen wird (2.7., 18 Uhr Poetik-Vorlesung im LMU-Philologicum, 20 Uhr Bayerische Akademie der Schönen Künste)? Oder ob sie bei einem Abend über den Lyriker Ernst Jandl mitschwingt, der in diesem Jahr 100 geworden wäre und gern mit lustigen Zeilen wie „ottos mops kotzt“ zitiert wird? Eine illustre Gratulanten-Runde (sprechend und musizierend: Michael Lentz, Dagmara Kraus und Gunnar Geisse) bürgt für einen klangvollen Abend (Lyrik Kabinett, 24.6.).
Doch auch der Blick in die Abgründe der menschlichen Existenz gehört bei Jandl immer dazu. Wie schreibt er in „sommerlied“: „wir sind die menschen auf den wiesen / bald sind wir menschen unter den wiesen / und werden wiesen, und werden wald / das wird ein heiterer landaufenthalt“. Oh ja. Noch aber sind wir auf statt unter den Wiesen. Und machen möglichst heiter weiter.

