Susanne Röckels Buch „Vera“Wie funktioniert Erinnerung?

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Ein Denkmal am Ort einstigen Grauens: In Babyn Jar bei Kiew erschossen deutsche NS-Kommandos 1941 mehr als 30 000 Jüdinnen und Juden. Susanne Röckel sucht Verbindungen, die zu einem Prozess in Darmstadt in den Sechzigerjahren reichen und in ihre eigene Biografie.
Ein Denkmal am Ort einstigen Grauens: In Babyn Jar bei Kiew erschossen deutsche NS-Kommandos 1941 mehr als 30 000 Jüdinnen und Juden. Susanne Röckel sucht Verbindungen, die zu einem Prozess in Darmstadt in den Sechzigerjahren reichen und in ihre eigene Biografie. (Foto: imago stock&people/imago/EST&OST)

Die Schriftstellerin Susanne Röckel verknüpft im Buch „Vera“ ihre eigene Jugendgeschichte mit der einer Überlebenden des Massakers von Babyn Jar im Zweiten Weltkrieg. Kann das gutgehen?

Von Antje Weber, München

Dies ist ein Buch der Fragen. Ein Buch, das Fragen stellt und Fragen aufwirft. Ein Buch, das unvereinbar scheinende Welten verknüpft: das Leben einer vierzehnjährigen Deutschen im Jahr 1968 mit dem einer sehr viel älteren Ukrainerin, die im Zweiten Weltkrieg den unvorstellbaren Massenmord an Juden in Babyn Jar überlebt hat. Warum Susanne Röckel es wagt, in ihrem Buch „Vera“ die Schicksale dieser zwei Menschen zu verbinden, die einander nie begegnet sind? Sie schreibt: „Um etwas wachzurufen, was nirgends ist: Erinnerung?“

Auch dies eine Frage. Sie macht deutlich, auf welch schwankendem Grund nicht nur die Erinnerung der Ich-Erzählerin, sondern das ganze Unternehmen Susanne Röckels steht. „Vera“ ist ein literarisches Experiment, eine Wanderung in die Finsternis menschlicher Untiefen. Und es löst Unbehagen aus, sich mit der Münchner Schriftstellerin auf den Weg ihrer Spurensuche zu machen. Ob das Unbehagen bleibt oder sich auflöst angesichts des düsteren Sogs des Erzählten – letztlich wird jede Leserin, jeder Leser das für sich entscheiden müssen.

Fest steht: Susanne Röckel ist noch nie vor Risiken zurückgeschreckt. Die 1953 in Darmstadt geborene Schriftstellerin und Übersetzerin hat sich mit zahlreichen Büchern einen klingenden Namen gemacht; ihr Roman „Der Vogelgott“ etwa erhielt 2018 den Tukan-Preis der Stadt München und stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Das Thema der Gewalt und des Bösen an sich spielt in ihrem Werk eine große Rolle; vom „Schauder der unauflösbaren Ambivalenz“ ist im „Vogelgott“ einmal die Rede, und diese Ambivalenz und Irritation strebt Röckel auch erzählerisch an. Zuletzt würdigte die Jury des Schwabinger Kunstpreises 2025 die Haltung dieser „engagierten, hellwachen und nachdenklichen Schreiberin“, die mit ihrer „elegant gestalteten Sprache“ nichts bequem serviere, „sondern an inspirierenden Denkprozessen teilhaben lässt“.

Die Schriftstellerin Susanne Röckel, 1953 in Darmstadt geboren, lebt in München.
Die Schriftstellerin Susanne Röckel, 1953 in Darmstadt geboren, lebt in München. (Foto: Gerald von Foris)

Das könnte man so ähnlich auch über ihr neues Buch „Vera“ sagen. Zweifellos löst es Denkprozesse aus, die bei der Frage beginnen: Wie lässt sich das Unvorstellbare, ein Massaker an 33 771 Jüdinnen und Juden aus Kiew, das deutsche SS-Kommandos, Polizei und Wehrmacht 1941 in der Schlucht von Babyn Jar verübten, auch nur ansatzweise vermitteln, geschweige denn erklären? Und kann es sein, dass das Schweigen über das Grauen dieser und anderer Verbrechen der NS-Zeit so laut dröhnt, dass es eine ungeheure Lebensmüdigkeit auslöst, die mehr als zwei Jahrzehnte später eine Jugendliche in Hessen vergiftet?

Susanne Röckel jedenfalls verschränkt in ihrem Roman, der auch ein Memoir ist, zwei Geschichten. In der einen versucht die Schriftstellerin von heute, ihr eigenes vierzehnjähriges Ich besser zu verstehen: Sie wächst 1968 in Darmstadt heran, in einer gutbürgerlichen Familie, die den Gespenstern der Vergangenheit, Fragen nach Verantwortung und Schuld wenig Platz einräumt. Äußerlich wirkt die Wirtschaftswunderwelt in Ordnung, innerlich zerreißt es den Teenager – und ein Suizidversuch mit den Schlaftabletten des Vaters ist der Hilferuf einer Orientierungslosen, die spürt, dass das Fundament ihres Lebens brüchig ist.

Könnte sich das Leben dieses Mädchens in jener Zeit mit dem einer Frau gekreuzt haben, deren Lebensfundament völlig zerstört ist? Theoretisch ja, sie könnten sich in Darmstadt auf der Straße begegnet sein, so Röckels Arbeitshypothese. Denn Dina Pronitschewa als eine der wenigen, die dem Morden von Babyn Jar entrannen, reiste 1968 aus der Ukraine nach Darmstadt: um am 29. April als Zeugin im sogenannten Callsen-Prozess auszusagen, bei dem zehn am Massaker beteiligte SS-Männer angeklagt waren. Wie hat die damals 57-Jährige wohl Deutschland wahrgenommen? Welchen Menschen ist sie begegnet?

Röckel hat viel recherchiert, um ihre Fiktion auf ein Fundament aus Fakten zu setzen. Sie zitiert immer wieder aus dem Protokoll der Zeugenaussagen Dina Pronitschewas, die vor einigen Jahren in deutscher Übersetzung in einer Zeitschrift erschienen. Selbstverständlich hat sie auch die kurze Filmaufnahme der stoisch sprechenden Zeugin bei einer früheren Aussage studiert, kurz nach dem Krieg vor einem sowjetischen Militärtribunal, sie ist heute noch auf YouTube zu finden.

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Den Rest lädt Röckel mit Fiktion auf. Um das zu verdeutlichen, erfindet sie einen anderen Namen für die Zeugin: Sie gibt Dina Pronitschewa den Namen Vera, „die Wahre“. Für sie ist diese Vera ein „Schattenwesen, das in mich einfiel: meine Vera“. Röckel beschwört deren Totengeist im Versuch, sich „der eigenen Angst und der Angst der anderen“ zu nähern, „dem eigenen Schmerz und dem der anderen, dem eigenen Tod und dem der anderen“. Und sie fragt sich, ob es „Ähnlichkeiten, Übereinstimmungen, Gemeinschaft“ gibt.

Was die Frage nahelegt, ob in dem Versuch, nach einer solchen Gemeinschaft zu suchen, nicht etwas Unbotmäßiges liegt. Ist die Lebensmüdigkeit einer deutschen Teenagerin 1968 bei aller individuellen Entsetzlichkeit nicht doch himmelweit von der Erfahrung einer Jüdin entfernt, die – nackt am Rande einer Grube mit Leichen und Sterbenden stehend – ihrer Erschießung nur dadurch entgeht, dass sie todesmutig hineinspringt, bevor ein Schuss sie trifft? Die danach drei Tage und Nächte braucht, um sich aus den Leichenbergen zu wühlen, den SS-Truppen und deren Hunden zu entkommen, und die ihr restliches Leben damit beschäftigt sein wird, all das nie zu vergessen?

Röckel weiß natürlich um das Heikle ihres Tuns. „Was für ein törichtes Unterfangen, was für eine Dreistigkeit“, schilt sie sich selbst für ihren Versuch, vom im Tiefsten nicht-beschreibbaren Grauen dieser Erfahrungen zu erzählen und sie mit ihrer eigenen Biografie und der ihrer Familie zu verbinden. Sie macht es trotzdem. Und wer bereit ist, sich darauf einzulassen, kann bei dieser schmerzhaften Lektüre auch zu dem Schluss kommen:  Es ist immer einen Versuch wert, Geschichte nicht in Einzelteile zu spalten und damit von sich fernzuhalten. Denn wird sie – man denke an die Diskussionen über Gedenkstätten-Arbeit – nicht erst dann wirksam, wenn die Vergangenheit in der Gegenwart neu bewertet wird, wenn sie emotional mit der eigenen Erfahrung verknüpft wird? Und dabei an die tiefsten Fragen über das Wesen des Menschen rührt, zum Beispiel: „Wo fängt das Gute an im Meer des Bösen?“

Ein paar zarte Antworten kann man im Buch auf diese Frage durchaus finden. In dem heilenden Fluss, den Susanne Röckel immer wieder beschwört, in den teils tröstlichen Figuren, die sie erfindet und ihrer Vera mit auf den Weg durch Deutschland gibt: auf je eigene Weise beschädigte Menschen mit Gespür, mit Intuition für das, was richtig und wichtig ist. Umfassendere Antworten vermeidet sie tunlichst: „Erzählen heißt, keine Lösung zu wissen“, schreibt sie; die „zerstörerische Bewegung aufzuhalten, die überall im Gang ist“ heutzutage, wie auch die „Atemlosigkeit, mit der man sich das Störende, Verstörende vom Leib hält“ – das zu ändern, wird diesem schmalen Buch tatsächlich kaum gelingen, und schon gar nicht wird es „etwas wiedergutmachen, was nicht wiedergutzumachen ist“.

Und doch leistet es etwas. Vor allem anderen bleibt es als eine berührende Hommage im Kopf haften: an eine mutige, bei aller Traumatisierung überlebensstarke Frau, die ihren potenziellen Mördern zweimal begegnet ist, einmal während der Tat und einmal im Gerichtssaal. Und so löst Susanne Röckels Buch nicht nur Erschütterung und Empathie aus. Es ruft tatsächlich wach, was immer wieder neu ansetzen muss: Erinnerung.

Susanne Röckel: Vera. Eine Erinnerung. Residenz Verlag, 157 Seiten, 22 Euro.

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