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Literatur:Sternenstaubsammler

Bernhard Setzwein, Jahrgang 1960, lebt in Cham. Die Universität Bamberg ehrte ihn mit einer Poetik-Professur, die Bayerische Akademie der Schönen Künste mit dem Friedrich-Baur-Preis.

(Foto: Maria von Stern)

Der Schriftsteller Bernhard Setzwein wird 60

Von Sabine Reithmaier, Cham

"Ich bin eine Unmöglichkeit. Die allermeiste Zeit mache ich Gebrauch von meiner Unmöglichkeit. Und wundere mich immer wieder, wie weit man damit überhaupt durchkommen kann, ohne aufzufliegen." Angesichts seiner literarischen Erfolge kann der Schriftsteller Bernhard Setzwein, der an diesem Mittwoch seinen 60. Geburtstag feiert, aber nicht so unmöglich sein, wie er es selbst in seinem neuen Buch "Das gelbe Tagwerk" (Lichtung Verlag) suggeriert. Die darin enthaltenen tagebuchartigen Aufzeichnungen aus den vergangenen zehn Jahre sind ein famoser Spaziergang durch die Welt eines Autors, der scharf beobachtet, gern kommentiert und zudem ein leidenschaftlicher Leser ist.

Warum das Tagwerk gelb ist, bleibt ein wenig unklar, vielleicht einfach weil er ein blaues über die Jahre 1997 bis 2009 schon geschrieben hat. Im Mittelalter galt die Farbe Gelb als Symbol der Schande, notiert Setzwein. Somit wisse jeder, was ihn in einem so betitelten Buch erwarte. Echt jetzt? Oder hat es eher mit dem Gelb Vincent van Goghs zu tun, das er an anderer Stelle akribisch beschreibt? Wie auch immer: "Alltagsflusen und Sternenstaub", so der Untertitel, machen nebenbei auch deutlich, dass Setzwein oft an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitet, eine ziemlich gute Methode, um Schreibblockaden zu umgehen.

2010 war ein Jahr, in dem er unentwegt Forderungen an sich selbst stellte. Zum Beispiel sorgsam im Gebrauch von Ausrufezeichen zu sein, was er ein paar Seiten weiter beim nächsten Auftrag an sich selbst sofort umsetzt: "Erzähle endlich einmal pointenlos. Vergiss den Gag." Mit Punkt, ohne Ausrufezeichen. Pointenlos erzählt er aber zum Glück immer noch nicht. 2010 nimmt er sich auch vor, alle Gefühle des Gekränktseins loszuwerden. "Es ist so vergiftend ...". Ob es ihm gelungen ist? Vermutlich nicht, auch weil sich die wirtschaftliche Situation für freischaffende Schriftsteller kontinuierlich verschlechtert.

"Im Grunde ist es völliger Unsinn, sich immer noch Tag für Tag an den Schreibtisch zu schleppen, um noch eines mehr von diesen immer nutzloser werdenden Dingern mit vollgedruckten Seiten zur Welt zu bringen", konstatiert er 2018 nach der Lektüre einer Studie des Börsenvereins, wonach dem Büchermarkt binnen fünf Jahren 20 Prozent seiner Käufer verloren gegangen sind. Begründung: Die Ex-Buchkäufer müssten zu viel anderes lesen: Whatsapp-Nachrichten, Facebook-Posts, Internet-Kommentare. Trotz der nach solchen Nachrichten gelegentlich eintretenden Unleidlichkeit macht Setzwein weiter. "Man muss es tun. Vollbringe dein Tagwerk!", ermuntert er sich. Wieder mit Ausrufezeichen.

Setzwein, 1960 in München geboren, schreibt, seitdem er 14 war. Sein erster Literaturpreis war ein Bildband über Innsbruck, inzwischen hat er viele andere, besser dotierte erhalten. Und auch "Vareck" (1978), dem ersten Bändchen mit Gedichten, Prosa, Szenen, das er im Friedl Brehm-Verlag veröffentlichte, sind etliche Bücher nachgefolgt: Gedichte, Romane und, nicht zu vergessen, die Theaterstücke, ob über den letzten Scharfrichter Bayerns oder "Lola Montez - die falsche Spanierin".

2019 widmete er der Resl von Konnersreuth ein Stück. Vorab musste er, wie er im Tagwerk berichtet, den misstrauischen Konnersreuthern erklären, was er plante. Und lernte im Gasthof Schiml schnell, dass der Besitz der historischen Wahrheit nur den Einheimischen zu eigen ist. Was heißt: "Die Stigmata waren echt, die Resl hatte 36 Jahre lang keinen Bissen mehr gegessen, sie hatte Visionen, verstand aramäisch, hat Kranke geheilt." Von belegten Fakten - dass Max Reinhardt einen Stummfilm über Resl hatte drehen wollen und Stummfilmstar Lillian Gish deshalb angereist war und die Stigmatisierte besuchte -, hatten sie noch nichts gehört. Trotzdem war sich die Runde einig, in den Medien würde viel Unsinn über die Resl verbreitet. Symptomatisch für eine Zeit, in der so viel gegen die Lügenmedien gewettert werde, findet Setzwein, ganz "nach dem Motto: Wer nicht eins zu eins meine Auffassung verbreitet, ist ein Produzent von Fake News."

Setzwein mag es, große Geschichte in kleinen Geschichten zu vergegenwärtigen, was ihm auch in seinem Familienroman "Der Böhmische Samurai" fabelhaft gelang. Darin erzählt er die Geschichte der Japanerin Mitsuko Aoyama und ihres Ehemanns Heinrich Graf von Coudenhove-Kalergi im böhmischen Schloss Ronsperg. Ganz nebenbei geht es auch um den Ursprung des modernen Europa.

Privates klammert er im Tagwerk eher aus. Irgendwann wechselt die begleitende Frau - von Ursula zu Petra - und der Autor, der seit 1990 in der Oberpfalz lebt, schreibt nicht mehr in Waldmünchen, sondern in Cham. Immer noch nah an Böhmen, das er mit großer Sympathie seit Jahren erkundet, ob als Wanderer oder Literat, ob in Wirtshäusern, bei deutsch-tschechischen Autorenbegegnungen oder als Stipendiat in Brünn. Bücher anderer Autoren bereichern ihn ungemein, er zitiert vieles, weckt im Leser geschickt das Gefühl, dass man wichtige Bücher osteuropäischer Autoren bisher zu lesen versäumt hat. Den Ungarn Sandor Marai würde er gern unentwegt zitieren, was aber nicht geht. "Als Autor hat man zumindest den Anschein von Originalität zu wahren." Dafür philosophiert er über Schwarmintelligenz und Schwarmblödigkeit, ist von der Existenz letzterer mehr überzeugt als von ersterer. Und er protokolliert seine Träume, steht an einem MVV-Automaten in München, wirft unentwegt Geld ein, der Kasten spuckt nur entwertete Karten aus. Oder er sucht mit Peter Handke eine Pilzberatung auf. Handke kennt sich besser mit den Schwammerln aus als die Pilzberaterin, die darob immer mürrischer wird und Handke schließlich auf den Kopf zusagt: "Sie schreiben Pilzbücher, stimmt's? ... Handke gab es kleinlaut zu."

© SZ vom 29.04.2020
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