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Literatur:Von Mauern umgeben

Der Münchner Peter Grandl hat einen Thriller über drei Neonazis geschrieben, die von einem ehemaligen Mossad-Agenten gefangen gehalten werden. 2021 entsteht aus "Turmschatten" eine Fernsehserie

Von Jürgen Moises

Ein Mann hält in einem Turm drei Neonazis gefangen. Er macht das aber nicht heimlich und versteckt, sondern überträgt die Geiselnahme live im Internet und fordert die Zuschauer auf, über Leben und Tod der Gefangenen abzustimmen. Wer der Mann ist und was ihn antreibt, erfahren Polizei und Öffentlichkeit erst nach und nach. Sein Name ist Ephraim Zamir, das ist bald klar. Er ist 70 Jahre alt, Jude und erst vor Kurzem in die Kleinstadt im Osten Deutschlands gezogen, in dem sich das große Medienwellen schlagende Geiseldrama abspielt. Die Neonazis haben seine junge Haushälterin getötet. Dass das nicht so geplant war, ist dem Mann egal. Und dass er es ernst meint, das ist auch bald sicher. Denn Ephraim Zamir ist ein ehemaliger Mossad-Agent. Sein jahrelanger Auftrag lautete, untergetauchte NS-Verbrecher zu finden und zu töten.

Das klingt nach einem gewagten, kontroversen Plot. Und als Peter Grandl diese Geschichte vor acht Jahren Produktionsfirmen als Drehbuch vorlegte, hieß es: "Um Gottes Willen, den Stoff würden wir nie machen." Oder: "Das ist so ein schwimmender Genrestoff, das geht sicher nach hinten los." Immerhin Barefoot Films zeigte sich interessiert, die Produktionsgesellschaft von Til Schweiger. Aber als sich der Schauspieler im Fernsehen gegen Nazis aussprach, zündete irgendwer sein Auto an. Und am nächsten Tag kam bei Grandl der Anruf: Wir sind raus! "Dann war ich so nach zwei Jahren Haustüren einlaufen relativ frustriert und hatte den Eindruck: Kein Mensch interessiert sich für die rechtsextreme Szene", erzählt der gebürtige Münchner am Telefon. "Schließlich hat mir ein Freund vom Piper Verlag gesagt: Schreib's doch als Roman."

"Turmschatten", so heißt das nun das nach mehr als fünf Jahren fertige Werk, das im März beim Berliner Eulenspiegel-Verlag herauskam. Es ist ein Thriller mit knapp 600 herausfordernden Seiten, die wegen der spannenden Handlung aber ziemlich schnell verfliegen. Weil das auch andere so sehen, hat das Buch auf wattpad.com 2019 den sogenannten "Watty Award" gewonnen. "Wattpad", das ist die weltweit größte Literaturplattform, auf der Grandl vor dem Buchvertrag den Roman Kapitel für Kapitel kostenlos veröffentlicht hat. Für den "Crime Cologne Award 2020" ist "Turmschatten" ebenfalls nominiert, und: Die Geschichte wird, wenn alles klappt, in zwei Jahren als Fernsehserie herauskommen. In der Rolle des Zamir: Heiner Lauterbach.

Steine des Anstoßes: In einem Bunker hat Peter Grandl an seinem Plot gearbeitet. Das hat Einfluss auf die Geschichte gehabt.

(Foto: Lorenz Grandl)

Gut, das mit Lauterbach ist noch nicht unter Dach und Fach. Aber: "Heiner ist interessiert. Für mich wäre er die Idealbesetzung, und auch der Filmproduzent kann ihn sich sehr gut in der Rolle vorstellen". Fest steht: Die Filmrechte sind seit ein paar Wochen verkauft, an eine große Produktionsfirma, die 2021 mit den Dreharbeiten beginnen will. Es wird ein Achtteiler und Grandl wird als Autor und Ko-Produzent fungieren. Wenn er darüber spricht, scheint er es selber kaum zu glauben. Jedenfalls nach den Erfahrungen, die er noch vor ein paar Jahren gemacht hatte, und wenn man bedenkt, dass "Turmschatten" der Debütroman des 56-Jährigen ist. Wobei, so ganz aus dem Nichts kommt das alles dann doch nicht.

Denn "Turmschatten" mag sein erster Roman sein, im Filmgeschäft ist Grandl aber schon lang unterwegs. Bereits als Kind drehte er Super-8-Filme und gründete Anfang der Achtziger mit Freunden die Diva Film & Musik Produktion, für die er mehrere Kurzfilme und 1985 den ersten deutschen Kinofilm zum Thema Aids realisierte. Ein paar Jahre später wechselte Grandl die Seiten, wurde Marketingmanager bei Eurovideo und Senator-Film. Danach ging er in die Industrie, um 2000 die Werbeagentur "Proxenos Brand Communication" sowie die Werbefilmproduktion "Workflow-Films" zu gründen. Mit amazona.de lief Grandl zudem das erste deutsche Online-Magazin für Musiker ins Leben, das genauso wie Proxenos in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert.

Parallel zu alledem hat Grandl für das SAE-Institut Dramaturgie-Kurse gegeben. Und in der Auseinandersetzung mit den Studierenden war es auch, dass damals die Idee zu einem eigenen Drehbuch entstand. Nur hatte Grandl zunächst an einen Film über seine Großväter gedacht, die beide überzeugte Nazis waren. Aber um so einen persönlichen Film realisieren zu können, das war ihm klar, muss man sich erst einen gewissen Namen machen. Deshalb stattdessen der Thriller-Plot, in dem sich Karl Rieger, einer der Neonazis, an einer Stelle an seinen Großvater erinnert und wie dieser ihm alte Kriegsgeschichten erzählt hat. Warum jemand zum Nazi oder Neonazi wird, das ist ein Thema, das Grandl noch immer sehr beschäftigt. Nur wollte er es in einem breitenwirksamen Format erzählen, das sich im Idealfall auch 16-Jährige auf dem Schulhof empfehlen.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch bietet der Verlag hier an.

"Für mich war es wichtig, einen Charakter zu haben, der nur Mitläufer ist. Einen Charakter, der voll überzeugt ist. Und einen, der alles durchschaut", das wegen "seiner Überzeugung und kindheitlichen Prägung" aber verleugnet. So Grandl über die zentralen Neonazi-Figuren, für deren Biografien er die Lebensläufe realer Personen verwoben und mit fiktionalen Elementen verknüpft hat. Er hat mit einer Bewährungshelferin, einem SEK-Mitglied gesprochen und für alle wichtigen Aspekte Fachleute gesucht. Damit alles "Hand und Fuß hat". Auch sonst ist die im Jahr 2010 spielende Handlung sehr nah an der bundesrepublikanischen Wirklichkeit dran.

Die NS-Zeit, das Oktoberfest-Attentat, das Geiseldrama von Gladbeck, die Wahlerfolge der NPD, der geplante Anschlag auf die Münchner Synagoge: Das alles wird im Roman in Beziehung gesetzt, über die Figuren oder die bereits sehr filmisch wirkende Montage, die die Handlung bis zum überraschenden, den moralischen Kompass noch einmal neu einstellenden Finale vorantreibt. Sogar den Turm, den gibt es wirklich, nur dass er nicht im Osten, sondern in München steht. Es handelt sich um einen wie ein mittelalterlicher Wehrturm aussehenden, ehemaligen NS-Hochbunker, den ein Freund von Grandl vor zehn Jahren gekauft hat.

Hinter dessen "eiskalten Mauern" ist das Drehbuch damals entstanden. Wodurch der Bunker die Geschichte stark beeinflusst hat. Das wird auch bei der Fortsetzung so sein, an der Grandl, der am 24. Juli im Hopfenmuseum in Wolnzach und am 29. Oktober im Münchner Literaturhaus liest, neben den Treatments zur Serie gerade arbeitet. Die NS-Finanzpolitik, die AfD, darum soll sich das Buch unter anderem drehen. Und um den Turm, in dem nun ein Kindergarten eingezogen ist. Ephraim Zamir wird noch einmal eine kurze Nebenrolle spielen, und auch andere vertraute Figuren tauchen aus dem Schatten des Turmes wieder auf.

Peter Grandl: Turmschatten, Eulenspiegel/Das neue Berlin, 592 Seiten, 25 Euro

© SZ vom 21.07.2020

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