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Literatur:Opfer und Ermittlerin

Die "Mörderischen Schwestern" diskutieren über Frauen im Krimi

Miss Marple ist eine alte Quatschtante, eine aufdringliche Schnüfflerin. So zumindest hat Agatha Christie ihre legendäre altjüngferliche Romanfigur einst gezeichnet. Noch heute gilt letztere als Leuchtturm der Ermittlerinnen in der Kriminalliteratur. Was hat sich seither verändert? Das fragen sich die "Mörderischen Schwestern e.V.", ein Netzwerk aus Krimiautorinnen, das mittlerweile über 600 Mitglieder zählt. Zur Veranstaltung "Kriminelles zum Weltfrauentag" luden sie am Samstag in die Seidlvilla ein. Wer dort am Büchertisch verweilte, der bekam erklärt, man habe heute "bewusst kein Männerbuch dabei". Stattdessen erfrischend feministischen Lesestoff: Mit Buchtiteln wie "Ein Mann ist keine Altersvorsorge" und "Sprechen wir über Sex wie du ihn willst".

Schwerpunkt der Veranstaltung war indes Gewalt gegen Frauen im Krimi - ein spätestens seit der Me-Too-Bewegung hochaktuelles Thema. In der Podiumsdiskussion zur selbigen Frage kamen Übersetzerin Andrea O'Brien und Literaturagentin Gerlinde Moorkamp schnell zum Schluss: Frauen werden noch immer gern als Opfer inszeniert. Brutale Gewaltdarstellungen - man denke etwa mit Schaudern an die präzisen Folter- und Vergewaltigungsszenen in den Krimis Karin Slaughters - werden gern gelesen. Und es ist obendrein bekannt, das vor allem ältere Frauen die größten Krimifans sind.

Keine Überraschung für Andrea O'Brien: Genau das mache für Frauen den Kitzel beim Krimi aus, nämlich eine "reale Gefahr sicher daheim durchzuspielen". So hätten Gewaltszenen gar eine therapeutische Wirkung. Aber wie zeitgemäß ist das an einem Weltfrauentag im Jahr 2020 noch?

Gerlinde Moorkamp betreut seit zwanzig Jahren deutschsprachige Autorinnen und Autoren. Sie beobachtet, dass sich die Kriminalliteratur durchaus verändert habe. Heute seien 80 Prozent ihrer Autoren Frauen. Gerade Autorinnen setzten auf starke, weibliche Ermittlerfiguren. Die Protagonistin sei dabei stets Spiegel des aktuellen Frauenbilds: Was eben einst Miss Marple war, ist heute etwa eine Nele Neuhaus mit ihrer modernen Ermittlerin Pia Kirchhoff - ihre klassisch gewebten Krimis kommen übrigens ohne brachiale Gewaltszenen aus. O'Brien fügt hinzu: "Starke weibliche Figuren machen Romane auch komplexer." So werde der psychologische Krimi heute immer mehr nachgefragt. Erfolgreiche Beispiele nennt Moorkamp mit dem bereits verfilmten Psychothriller Gone Girl oder Liebes Kind von Romy Hausmann - ein Thriller, der mit knisterndem Spannungsbogen statt schockierenden Folterszenen zu überzeugen weiß.

Letztendlich gehe es beim weiblichen Krimi um Identifikation mit den Frauenfiguren. Leserinnen fühlten sich mehr mit einer starken Ermittlerin verbunden als mit einer Frau in der Opferrolle. So nimmt der Kriminalroman heute auch eine stärkende Funktion ein.

© SZ vom 09.03.2020
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