„Ich habe Maßloses erlebt“, schrieb Irmgard Keun vor knapp 100 Jahren, und: „Berlin senkte sich auf mich wie eine Steppdecke mit feurigen Blumen.“ In ihrem Roman „Das kunstseidene Mädchen“ träumt eine Stenotypistin davon, ein „Glanz“ zu sein. Das ist nicht so einfach im Berlin der Zwanzigerjahre, denn Glanz und Elend liegen damals dicht beieinander.
Spiegeln sich in den Zwanzigerjahren von damals auch unsere Zwanzigerjahre heute? Eine oft gestellte Frage. Die Bayerische Akademie des Schreibens will darauf neue Antworten mithilfe der Literatur finden: In der öffentlichen Tagung Unsere 20er-Jahre am 8. November im Literaturhaus erforschen die Stipendiaten Nikola Huppertz, Carsten Kluth, Krisha Kops, Markus Ostermair, Denijen Pauljević, Simone Scharbert und Barbara Schibli nachmittags, inwieweit die Texte von Irmgard Keun, Thomas Mann oder Marieluise Fleißer heute noch inspirieren können. Und abends soll sich das in Musik und Texten unter dem Motto „Ach zum Teufel die Finanzen, lass die gelben Puppen tanzen“ so „schrill, bissig und bunt wie ein Tanz in Babylon“ anfühlen.
Auch bei einer Lesung von Krimi-Autor Volker Kutscher und Illustratorin Kat Menschik im NS-Dokumentationszentrum geht es um Rückschau: Im Roman „Westend“ blickt die Hauptfigur Gereon Rath auf Ereignisse in den Dreißiger- und Fünfzigerjahren in Berlin zurück (13. November). Florian Illies taucht ebenfalls tief in die Vergangenheit ab und begleitet im erzählenden Sachbuch „Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary“ Thomas Mann und die Seinen ins Exil (5. November, Kammerspiele). Apropos Thomas Mann: Auch ein großer Preis in dessen Namen wird im November in München verliehen: Der mit 25 000 Euro dotierte Thomas-Mann-Preis geht dann in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste an Katja Lange-Müller (13.11.). Welchen Blick sie wohl auf den Kollegen hat?

Thomas Mann:Der große Zauderer
Florian Illies erzählt das Leben der Manns im sagenumwobenen Exilort Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur. Im Präsens und ohne Quellenangaben. Ist das noch Geschichtsschreibung oder doch schon reine Fiktion?
Blicke zurück gibt es im November jedenfalls zuhauf. Im Salon Luitpold ehrt der Biograf Manfred Koch am 30. Oktober den Dichter Rainer Maria Rilke, dessen 150. Geburtstag ansteht. Ebenda erinnert man am 21. November in Gesprächen und Liedern auch an Eduard Mörike zum 150. Todestag. Eine Würdigung zum 100. Geburtstag Heinz Pionteks scheint in München, wo er lange lebte, dagegen nicht geplant zu sein. Und so nimmt man sich am besten selbst seine Gedichte vor oder Anton Hirners Buch „Heinz Piontek – der Schriftsteller in München“ (Allitera). Oder reist nach Lauingen: Dort wird an der Donau just am 100. Geburtstag, dem 15. November, ein Stelenweg zu Ehren Pionteks eingeweiht, der dort nach dem Krieg einige Jahre wohnte.
Es ist eben nicht leicht, die Erinnerung an bedeutende Schriftstellerinnen und Schriftsteller wachzuhalten. Ein neuer Verein wird daher nun bezüglich Annette Kolb erstmals tätig werden: Die Netzwerke der Schriftstellerin und Pazifistin stehen im Mittelpunkt eines Symposiums von Monacensia und LMU (20./21.11.).

Gründung einer Annette Kolb-Gesellschaft:Eine Pazifistin, die als Vorbild dient
Annette Kolb schrieb nicht nur hervorragende Romane, sondern setzte sich auch zeitlebens für Pazifismus und Völkerverständigung ein. Gleich zweimal musste sie in ihrem Leben ins Exil gehen. In München will nun eine neue Gesellschaft das Interesse an ihren Werken und Ideen stärken.
Dass auch Gedenktafeln keine Garantie dafür sind, tiefgehend in Erinnerung zu bleiben, macht Andrea Kästle deutlich. „München leuchtete nicht für jeden“ ist der Titel ihres Buches, das sie am 13. November in der Glockenbachbuchhandlung vorstellt. Darin erzählt Kästle, dass das Wesentliche auf Gedenktafeln für den Physiker Albert Einstein oder den Schriftsteller Lion Feuchtwanger meist fehlt. Stefanie von Wietersheim wiederum hat sich „Vergessene Heldinnen“ vorgenommen, am 13. November erzählt sie bei Lehmkuhl von „Frauen, die Geschichte schrieben“.
Literaturgeschichte geschrieben hat jedenfalls Mascha Kaléko mit ihren Gedichten, die im Berlin der Zwanzigerjahre und Dreißigerjahre den Ton der Zeit trafen. Die jüdische Schriftstellerin, die während des Nationalsozialismus emigrieren musste, kam 1956 auf einer Reise nach Deutschland übrigens auch nach München, wie Volker Weidermann in seinem Buch „Wenn ich eine Wolke wäre“ erzählt (Literaturhaus, 30.10., nur noch Stream).
Alles war in München, wie sie es sich erhofft hatte, zitiert er Kaléko: „die Strassen sind wie ich sie ertraeumte, mit Baeumen ueberall und sehr erfreulich für mein europaeisches Gemüt, jedes Haus tut mir wohl, – – und ich vergesse, dass der Name ‚München‘ anderes in mir hervorrufen sollte, – – wie den Bierkeller, – den ich nicht sah, und Dachau, das ich nicht sehen will“. Gegenwart und Vergangenheit, sie sind in aller Ambivalenz auch hier untrennbar verwoben.

