„Einige mächtige Männer / stehen am Horizont / verdecken die Sonne / und fragen: / Wo bleibt / eure Perspektive?“ Das kann man zum Beispiel lesen, wenn man den Gedichtband „Ungezürnt“ von Ursula Krechel aufs Geratewohl aufschlägt. Das Gedicht endet mit den Zeilen: „Geht uns aus der Sonne / dann reden wir weiter / über unsere Perspektive.“
Der Band mit dem schön zürnenden Gedicht Krechels erschien 1997, und seither hat sich natürlich viel getan. Manches aber scheint immer noch ähnlich zu sein; an mächtigen Männern, die die Sonne verdecken, fällt einem auf Anhieb ja doch der eine oder andere ein. Wie schön, dass zumindest der Schriftstellerin Ursula Krechel im entscheidenden Moment einmal niemand in der Sonne stand und sie in diesem Jahr den renommierten Georg-Büchner-Preis erhält. Und wie schön, dass man sie bald beim Erlanger Poet*innenfest erleben kann, hoffentlich von Spätsommersonne beschienen.
Wer im August Literatur live erleben möchte, muss und darf bayernweit ausschwärmen. Das bereits 45. „Poet*innenfest“ in Erlangen ist die Anfahrt aus allen möglichen Richtungen wahrlich wert. Vom 29. bis zum 31. August versammeln sich dort wieder mehr als 80 hervorragende Schriftstellerinnen und Schriftsteller und lesen unter anderem im Schlossgarten. Ursula Krechel stellt natürlich nicht ihre Gedichte von einst vor, sondern ihren aktuellen Roman „Sehr geehrte Frau Ministerin“; Steven Uhly und Ulrike Draesner haben neue Bücher dabei, Bachmann-Preisträgerin Natascha Gangl liest ebenso wie Fikri Anıl Altıntaş. Und das ist nur ein Auszug aus dem ersten Nachmittag.
Bis zu diesem Literatur-Höhepunkt Ende August ist jedoch auch in anderen bayerischen Städten einiges an Literatur geboten. Im privat geführten Literaturhaus Regensburg lässt man es ruhig angehen und stimmt an einigen Lese-Nachmittagen ein „Lob des Müßiggangs“ an, an anderen Tagen schürt man die Reiselust. Wird die groß genug, steigen die einen oder anderen Leserinnen und Leser vielleicht in einen Zug, um das herrliche Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg zu besuchen. Dort ist derzeit ein deutsch-türkischer Stipendiaten-Jahrgang zu Gast und auch im August präsent.
Am 9. August steht in Bamberg zunächst ein Sommerfest im Garten der Künstlervilla an. Es lesen Matthias Göritz, Volha Hapeyeva und Andreas Unterweger, dazu spielen unter anderen Sinem Altan und ihr Ensemble Olivinn anatolische Musik. Die Komponistin Sinem Altan stellt sich am 13. August noch ausführlicher in der Villa Concordia vor, und am 20. August erzählt der Übersetzer Gerhard Meier, der als „Pamuk-Übersetzer“ nur unzureichend charakterisiert ist, von seinem Tun: „Was Sie schon immer über Türkisch wissen wollten, aber nie zu fragen wagten“.
In München gibt es Literatur im Baumhaus-Café
Wer gute Gründe hat, in München zu bleiben, kann sich natürlich auch dort der Literatur nähern. Zum Beispiel niederschwellig im Baumhaus-Café Gans Woanders in Giesing, das jeden zweiten Mittwoch im Monat (diesmal 13.8.) die Lesebühne Poesie Woanders mit Live-Musik bietet – neue Poetinnen und Poeten sind willkommen. Wer sich hingegen ein eigenes Gedicht schreiben lassen möchte, sollte am Nachmittag des 30.8. mal dort vorbeischauen, bei Marie Theres Herbst.
Denn: „Die Welt braucht Gedichte!“, wie auch das Münchner Literaturbüro meint. Daher plant es am 15. August ein Lyrisches Sommerfest am Ferragosto; es lesen unter anderen Tanja Wagner und Nicolai Vogel. Wer Romane vorzieht, kann einen Tag später das Bellevue di Monaco ansteuern: Dort liest die Autorin Shi Mei aus ihrem Debütroman „Tamarisken in der Wüste“, der die Geschichte ihrer Großmutter im China der 1920er-Jahre erzählt.
„Reisen in den Reisen anderer“ ist auch das Motto, das Elvira Steppacher einer Garten-Lesung in der Monacensia gegeben hat, am 30. August soll es dort um Romane von Lorena Simmel und Philipp Schönthaler gehen; es ist die erste Veranstaltung von Steppachers diesjähriger #Schreib-Resi an der Monacensia.
Und da wir schon beim Reisen im Kopf sind: In der Villa Waldberta in Feldafing sind derzeit unter anderen die argentinischen Schriftstellerinnen Bárbara Belloc und Teresa Arijón zu Gast. Am 11. September feiern sie im Bellevue di Monaco die Deutschlandpremiere ihrer Lyrikbände (am 20.9. sind sie auch beim Open Studio in Feldafing dabei), im Gespräch mit ihrer Münchner Übersetzerin Silke Kleemann. „So macht die Sonne die Nacht“, heißt der deutsche Titel von Bellocs Band. Kann es sein, dass auch da wieder mächtige Männer lange Schatten werfen?


