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SZ-Serie: München erlesen:Zeitreise ins Isar-Athen

Hof des Hofbräuhauses in München, 1840

Das Bild zeigt einen Blick in den Hof des Hofbräuhauses um das Jahr 1840.

(Foto: Knorr + Hirth)

Josef Ruederer schuf mit "Das Erwachen" ein Stadtmosaik Münchens während der Regentschaft Ludwig I.

Von Florian Welle

Wer wissen will, wie München im Vormärz ausgesehen hat, der kann ein Aquarell wie "Kornmarkt auf dem Münchner Schrannenplatz" von 1836 zur Hand nehmen. Der heutige Marienplatz wird auf dem Bild von Carl Friedrich Heinzmann noch von anderen Bauwerken umrahmt als Jahre später und ist übersät mit Getreidesäcken. Oder er liest einen der wenigen Romane, die die Stadt während der Regentschaft Ludwigs I. schildern. Zum Beispiel "Das Erwachen" des heute nahezu vergessenen Josef Ruederer.

München zählte 1840 schon 95 000 Einwohner und wandelte sich rasant. Nicht nur, aber auch zum vom König erträumten Isar-Athen. "Überall wurden Baugerüste errichtet, überall wurde gepinselt", heißt es in dem 1916, ein Jahr nach Ruederers Tod erschienenen Buch mit dem Untertitel "Ein München Roman bis zum Jahre 1848". Im zweiten Kapitel hält der Leser gemeinsam mit den von Dachau nach München umsiedelnden Eheleuten Luegecker "Einzug in München". Die Bauern wollen die Wirtschaft zur Schießstatt übernehmen, denn "in der Stadt drin war Leben, war Zukunft". Bei den Verwandten stößt ihre Landflucht, diese "neumodische Sache", hingegen auf Ablehnung. Am Schloss Nymphenburg vorbei in Richtung Erzgießerei und Karolinenplatz passiert Luegeckers Einspänner flott die Briennerstraße, ehe es in der Dienerstraße nur noch "Schritt für Schritt" geht, denn "Fuhrwerk auf Fuhrwerk stemmte sich (...) dem Hauptplatze der Stadt, der Schlagader Münchens" entgegen. Verkehrsstau ist nicht erst ein Problem unserer Tage.

Vieles in dem unablässig vor sich hin frotzelnden Roman, der von Ruederer lediglich als erster Teil eines auf vier Bände angelegten Werks über seine Heimatstadt bis auf seine Gegenwart angelegt war, kommt einem nur zu bekannt vor, auch wenn das Vokabular teils auf schöne Weise altmodisch ist. Hier wird "verschimpfiert", gibt es "extrige Geschichten" und "gewappelte", also gewitzte Herren. Der munter die Familienhistorie klitternde Reichsarchivdirektor Gankoffen ist nur einer von ihnen: Seine Vorfahren reichen angeblich bis zu Jörg von Polling zurück, dem Baumeister der Frauenkirche. Sinnbild für den Aufbruch Münchens in die Moderne ist die Eisenbahn. Die Frage, ob der Bahnhof von der Hackerbrücke Richtung Innenstadt rücken wird, steht im Zentrum des Buches, das keine durchgängige Handlung hat, sondern aus unabhängigen Episoden besteht, die am Ende ein Stadtmosaik ergeben, das einen nicht nur in die grüne Au, sondern gleich bis in die königlichen Schlafgemächer führt.

Von Lovis Corinth stammt das Porträt seines Freundes und heute fast vergessenen Schriftstellers Josef Ruederer.

(Foto: oh)

Viele Geschichten beginnen friedlich und kulminieren in bierseligem Tumult. Einmal echauffiert man sich über das "Hinum-Herum der bayerischen Politik" im Umgang mit Preußen, ein anderes Mal über Ludwigs Mätresse Lola Montez, über die Ruederer zuvor schon die Komödie "Die Morgenröte" verfasst hatte. Für die einen ein "Ungeheuer", für die anderen "ein erotisches Wesen", wird sie 1848 zum Verdruss des Königs aus der Stadt gejagt. Ruederer lässt Lolas Papagei zum revolutionären Finale "Adjö" krächzen.

Die Wege der Protagonisten, hinter denen kaum kaschiert reale Persönlichkeiten wie der Erzgießer Ferdinand Miller, der Kunstmaler Joseph Anton Fischer oder Ludwigs Leibarzt Johann Nepomuk von Ringseis zu erkennen sind, kreuzen sich mehr oder weniger oft. Vereint jedoch sind alle in dem Gerücht über die Bahnhofsverlegung. Es geht um Grund und Boden und damit ums Geld. Überkommen den Luegecker anfangs Zweifel - "Soll man überhaupt die ganze Schöpfung umkrempeln, damit ein paar Spekulanten auf ihre Rechnung kommen?" - stürzt er sich, angetrieben von seiner Frau, ins Geschäftliche. Diese liefert ein Paradestück bayerischer Dialektik, das auch in Helmut Dietls "Münchner Geschichten" hätte Eingang finden können: Man lebe in der Zeit der Geschäfte, und Geschäfte wollten eben gemacht sein, sonst kämen keine Geschäfte dabei heraus. Logisch!

"Das Erwachen": Der Titel verweist auf "die Unruhe", die München unter Ludwig I. erfasst hat, weshalb viele seinem Vater, dem "gutmütigen" Maximilian I. Joseph, nachweinen. Schon immer war früher eben alles besser. Er spielt auch auf Ruederers frühes Talent zum Fabulieren an. Im ersten Kapitel, das wie ein Solitär dasteht und seinen eigentlichen Sinn wohl erst in den Folgebänden entfaltet hätte, lässt Ruederer seine Kindheit aufleben. Er nennt sich hier Peppi Luegecker vom Rindermarkt. Ruederer selbst kam 1861 ebendort zur Welt. Der Vater war Mitbegründer der Löwenbrauerei, betucht.

Das Treiben seines Sohnes, der unter anderen mit Lovis Corinth befreundet und mit Ludwig Thoma verfeindet war, sah er mit Sorge. In seinen Werken nahm Ruederer kein Blatt vor den Mund, sein Urgrant richtete sich gegen Spezltum und Vetternwirtschaft. In "Das Erwachen" kommen Zorn und Spott des mit seiner Heimatstadt in Hassliebe Verbundenen jedoch nicht so direkt daher, sondern fein- und hintersinniger. Es ist sein reifstes Werk und gleichzeitig sein literarisches Vermächtnis.

Josef Ruederer: Das Erwachen. SZ-Bibliothek (antiquarisch), München 2008, 283 Seiten

© SZ vom 15.05.2021/van
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