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Literatur:Humor und Schrecken

Zwei Filme porträtieren die Schriftstellerinnen Dana von Suffrin und Dagmar Nick - und geben auch private Einblicke

Von Antje Weber

Im Badezimmer saß ein Bussard. Die Schleiereule hockte im Garten. In der Diele hausten vier, fünf Vögel, die aus dem Nest gefallen waren. Und in der Küche "saß ein Steinkauz und knackte", sagt Dagmar Nick, "der war gefährlich, weil er furchtbare Krallen hatte." Da man dazu Fotos aus ihrer ersten Ehe mit einem begeisterten Ornithologen sieht, Fotos, die sie mit diversen Vögeln zeigen, glaubt man der Schriftstellerin das alles sofort.

Diese ungewöhnlichen Einblicke in das Leben der Münchner Schriftstellerin Dagmar Nick sind einem neuen Film zu verdanken: Vor kurzem hat die Münchner Stadtbibliothek auf ihrem Youtube-Kanal zwei Dokumentarfilme eingestellt, die die Regisseurin Christiane Huber im Rahmen des Projekts #femaleheritage des Literaturarchivs Monacensia produziert hat. Sie hat dafür Dagmar Nick und Dana von Suffrin interviewt; weitere Filme über Amelie Fried und Asta Scheib sollen folgen.

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Dana von Suffrin (links) hat bisher einen Roman veröffentlicht, Dagmar Nick blickt zurück auf ein langes literarisches Leben.

(Foto: Sven Zellner)

Die ersten beiden Filme gewinnen ihren Reiz auch durch die kontrastreiche Konstellation - hier die Mittdreißigerin Dana von Suffrin, mit bisher einem erfolgreichen Roman hervorgetreten, dort die 94-jährige Lyrikerin und Prosaautorin Dagmar Nick, die auf ein langes Leben und Schaffen zurückblicken kann. Klug, charmant und eloquent sind die Münchner Schriftstellerinnen beide, und die Filme konzentrieren sich glücklicherweise ganz auf das, was die beiden zu sagen haben: Beide geben also so konzise wie sympathisch Auskunft, und zwischendurch lesen sie ein bisschen aus ihren Werken.

Die Filme sind ausschließlich in den Wohnungen der Autorinnen aufgenommen; bei Suffrin schleicht ab und zu einmal die Katze durchs Bild, ansonsten sieht man sie überwiegend vor großen hellen Fenstern mit viel Pflanzengrün. Sie erzählt Hintergründiges zu ihrem Debütroman "Otto"; der Titel steht für die Hauptfigur, einen aus Siebenbürgen stammenden Patriarchen alten Schlags. Sie macht sich Gedanken über die Rezeption von Romanen von Frauen, erzählt vom schwierigen Schreiben am zweiten Roman und von der Bedeutung der jüdischen Kultur und deren Humor für ihr Leben und Schreiben. Da ergeben sich Parallelen zu Dagmar Nick, deren Familie einst unter den Nationalsozialisten litt, die Mutter galt als sogenannte Halbjüdin. "Angst war eine Selbstverständlichkeit, wenn man aus dem Haus ging", erinnert sich Nick an die Kindheitsjahre in Breslau und Berlin. Später lebte sie in zweiter Ehe einige Jahre in Israel und schrieb dort 1963 das sehr erfolgreiche Buch "Einladung nach Israel". In einem langen Leben sammelt sich naturgemäß einiges mehr an Material an, aus dem sich für einen Film schöpfen lässt.

Dagmar Nick führt durch ihre weitläufige Wohnung, zeigt die diversen Schreibtische und "die alte Olivetti", im Schreibprozess für sie immer noch "unverzichtbar". "Schwer, die Bänder zu bekommen", kommentiert sie illusionslos. Überhaupt erzählt sie hinreißend von ihrem Leben, Schreiben, Lieben ("handliche Männer" gefielen ihr am besten), immer wieder mit Fotos unterfüttert. Lebhaft und anregend stellt sie auch ihr Werk vor, liest einige ihrer Nachkriegs-, ihrer Liebes- und Altersgedichte. Es ist einfach eine große Freude, dieser nach wie vor strahlend jung und vital wirkenden Schriftstellerin zuzuhören. Nichts könnte daher passender sein als der Schluss dieses Films, der mit den Gedichtzeilen endet: "Die Wissbegier hält mich wach."

Die Autorinnenporträts über Dagmar Nick (39 Minuten) und Dana von Suffrin (29 Minuten) sind abrufbar über den Youtube-Kanal der Münchner Stadtbibliothek

© SZ vom 27.03.2021
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