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Literatur:Dichter der Suppkultur

Andreas Thamm

Der Autor Andreas Thamm stammt aus Bamberg, lebt und arbeitet aber mittlerweile in Nürnberg.

(Foto: Sarah Guber)

Andreas Thamm erhält gleich zwei Stipendien des Freistaats. Sich auf Jugendliteratur zu konzentrieren, riet ihm sein Agent

Von Yvonne Poppek, München/Nürnberg

"Wenn man von einer Jahreszeit erzählen will, fängt man wahrscheinlich am besten mit dem Wetter an." Mit diesem Satz beginnt Andreas Thamm seinen Jugendroman "Heldenhaft" (Magellan) und man weiß zunächst nicht, ob man dem jungen Autor für diese Idee beglückwünschen soll. Wetter, denkt man sich, schon wieder. Allerdings ist da dieses Uneigentliche, diese unbedarfte, sympathische Ich-weiß-zwar-nicht-wie-aber-ich-fang- mal-an-Haltung. Ein paar Sätze weiter ist von einer Gluthitze die Rede, "die Rentner vertrockneten in den Altersheimen". Oder es sei doch anders gewesen, und es habe die ganze Zeit geregnet. "Aber eigentlich ist das alles ziemlich egal. Ich erinnere mich nicht wegen des Wetters an diesen Sommer, sondern weil es der Sommer war, in dem alles passierte," heißt es schließlich. Über dieses Geplänkel hinweg stolpert man also in Andreas Thamms Roman hinein - und zugleich über einen geglückten ironischen Seitenhieb auf so manchen wetteraffinen Buchanfang.

Unabhängig davon, wie das Urteil über den ersten Satz ausfällt, das ganze Buch jedenfalls hat die Juroren für die diesjährigen Kunstförderpreise in der Sparte Literatur des Freistaats Bayern überzeugt. 6000 Euro erhält Thamm, weitere Preise gingen an Dana von Suffrin, Lisa Frühbeis und Lisa Jeschke. Zugleich hat der Freistaat dem in Bamberg geborenen und in Nürnberg lebenden Autor eine weitere Auszeichnung zuerkannt: eines der sechs Arbeitsstipendien für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, dotiert mit 7000 Euro. Diese Förderung erhält der 30-Jährige für seinen im Januar 2021 bei Magellan erscheinenden Jugendroman "Wenn man so will, waren es die Aliens".

"Ich fand das schon unglaublich", sagt Thamm dazu. Unglaublich deshalb, weil es gleich zwei Ehrungen sind. Und so unglaublich, dass er sich, als die Benachrichtigung vom zweiten Preis bei ihm eingetroffen sei, erst einmal erkundigt habe, ob das jetzt ein Fehler sei, erzählt er. Bei dem Arbeitsstipendium könne man ja immerhin etwas mit einer positiven Entscheidung rechnen. Hier bewerben sich die Autoren selbst. Thamm reichte ein Projekt ein, für das er schon einen Verlag hatte. Die Chancen, fand er, stünden nicht schlecht.

Geerdet und pragmatisch klingt Thamm, wenn er das sagt. Nicht wie ein Autor, der abgeschieden die zarten Blüten eines Textpflänzchens gießt. Texte "funktionieren" bei ihm, was fast schon an einen ingenieurhaften Zugriff denken lässt. Sein Roman "Heldenhaft" sei in seiner Wahrnehmung eben "unter dem Radar" der Öffentlichkeit geflogen, sagt er. Dass er dann eineinhalb Jahre nach Erscheinen den Kunstförderpreis dafür erhielt, sei eine Überraschung gewesen. Bei diesem Preis kommen die Vorschläge insbesondere aus der Jury, die Autoren können hier offensichtlich völlig ahnungslos sein.

Nichtsdestotrotz: Die Wahl verschafft diesem Buch nicht zu Unrecht Aufmerksamkeit. "Heldenhaft" erzählt von dem 17-jährigen Andi, der von sich selbst behauptet: "Ich bin ein normaler Typ, dem unnormale Dinge passiert sind." In dem Sommer, von dem der Roman erzählt, verliebt sich Andi das erste Mal, zudem kommt sein Freund Mitch nach einer verbüßten Jugendstrafe in die Stadt zurück. Zwei Ereignisse, die Durchnitts-Andi auf ganz neue Wege und Abwege führen - und das in einer Zeit der noch wackligen Emanzipation von den Eltern. Thamm hat für "Heldenhaft" einen bündigen, saloppen Ton gefunden und durch die Ich-Erzähler-Perspektive eine Haltung, die nicht wertet, sondern jugendlich beschreibend wirkt. Was passiert, wird von Andi noch mit dem Staunen des ersten Mals hingenommen, wird noch nicht eingeordnet in das fertige Wertesystem eines Erwachsenen.

"Heldenhaft" ist nicht der erste Roman, den Thamm veröffentlicht hat. Den ersten, "Unter Schluchten", begann er noch während seines Studiums Kreatives Schreiben in Hildesheim. Von 2010 bis 2014 studierte er dort, begann dann als Drehbuchautor für eine Gerichtsserie bei Konstantin Entertainment in München. Parallel schrieb er an "Unter Schluchten" weiter. Der Roman fand, so sagt Thamm, bei den großen Verlagen keine Resonanz. 2015 zog es den Autor nach Bamberg zurück, er arbeitete erst selbständig, dann in einer Werbeagentur. 2018 wechselte er als Redakteur in Teilzeit zum Kulturmagazin Curt in Nürnberg.

Der Journalismus sei das, worauf er am wenigsten verzichten könne, nicht nur, weil es sein "Brotjob" sei, sagt Thamm. Trotzdem hat er sich dafür entschieden, diesem Beruf nur einen Teil seiner Zeit zu widmen, so bleibt noch Luft für Anderes. Für das Veranstaltungsformat "Suppkultur" etwa, bei dem es um Musik, Bücher, Gespräche und selbstgekochte Suppe geht. "Suppenkoch" gibt seine Literaturagentur auch in Thamms Kurzvita an - in einer Reihe mit Autor und Journalist. Der 30-Jährige findet es lustig, das "so größenwahnsinnig" in seine Vita zu schreiben.

Und dann bleibt ihm natürlich die Zeit, um Bücher zu schreiben, zwei Jugendromane jetzt immerhin. Warum dieses Genre? Die Wahrheit klinge in diesem Fall sehr pragmatisch, sagt Thamm. Die laute nämlich: Sein Agent habe es ihm empfohlen. Thamm hat sich auf dieses Experiment eingelassen, ebenfalls sehr pragmatisch. Und es hat funktioniert. "Ich habe bei beiden Büchern versucht, so zu schreiben, dass Erwachsene auch etwas davon haben", sagt er. Bei Magellan kam das wohl gut an. Der Verlag habe sich nach der ersten Zusammenarbeit erkundigt, was seine nächste Jugendbuchidee sei. "Hab ich denn noch eine?", habe er sich da gefragt. Er hatte: "Wenn man so will, waren es die Aliens" ist eine Vater-Sohn-Geschichte. Josh schmeißt kurz vor dem Abitur die Schule hin, um seinem Vater im Familienhotel zu helfen. Auf einmal ist der Vater verschwunden und Josh beginnt ihn zu suchen.

Es ist gut möglich, dass Thamms zweites Jugendbuch auch sein letztes ist. In der Tendenz, so sagt er, folge kein drittes, "außer es kommt ein Geistesblitz". Unwahrscheinlich ist das bei einem so pragmatischen jungen Autor wohl nicht. In "Wenn man so will, waren es die Aliens" steigt Thamm übrigens ähnlich beiläufig ein wie in "Heldenhaft". "Es ist früh am Morgen, vier Uhr oder so, und ich suche den Alten Herrn schon seit Stunden", heißt es da. Seinen Sound hat Andreas Thamm für dieses Genre schon gefunden.

© SZ vom 01.12.2020
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