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Literatur:Der Kranich kriecht keine Panich

Mit Gedichten die Welt deuten - zum Beispiel mit Lyrikbänden von Lisa Jeschke, Philipp Luidl, Karin Fellner und Hans Magnus Enzensberger

Von Antje Weber

Sonnenaufgang in Norddeutschland

Sprache ist für die Lyrikerin Karin Fellner ein "bewegtes Gefilde", in dem auch mal Kraniche in ungewohnten Kombinationen vorbeifliegen.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Wenn es noch eines letzten Beweises dafür bedurft hätte, dass Dichter prophetische Kräfte haben, hier ist er. Man schlage den neuen Gedichtband Hans Magnus Enzensbergers auf Seite 19 auf: "Es ist nur die Witwe des Hausbesitzers,/ die im Treppenhaus hustet. / Ein paar Ameisen tasten sich durch die Ritze. / Das ist nur der Regen, / der auf den Tonnen im Hof trommelt. / Das grüne Männchen leuchtet / und weist hin auf den Notausgang. / Horch, wie der Kühlschrank ächzt! / Er ist leer wie die ausgestorbenen Straßen. / Außer der Ausgangssperre / ist alles wie immer." Das Einzige, was daran so ungereimt wirkt wie die Verszeilen, ist der leere Kühlschrank. Der Titel des Gedichts macht aber klar, dass auch das kein Problem wäre: "Weiter nichts".

Wer also jetzt nicht Zuflucht bei den Dichtern sucht, wann dann? Es kann nicht schaden, sich über die lokalen Buchhandlungen (die ja telefonisch und online noch Bestellungen entgegennehmen) auch mit dem einen oder anderen Lyrikband auszustatten, zum Beispiel mit neueren Werken von Schriftstellern wie Enzensberger, Philipp Luidl, Lisa Jeschke oder Karin Fellner aus München und Umgebung. Denn wie twitterte doch ihr Kollege Christoph Wenzel vor wenigen Tagen: "Alle Gedichte bleiben geöffnet - auch die hermetischen!"

Und hermetisch sind zumindest die von Enzensberger und Luidl ja gar nicht, sondern offen zugänglich. "Wirrwarr" heißt Enzensbergers Band, so als wolle er auch damit die allgemeine Befindlichkeit beschreiben. Im Parlandoton schreibt er von alltäglichen Täuschungen, von Bürsten und Plagiaten - Gelegenheitsfunde und Einsichten eines 90-Jährigen, der vielleicht selbst jenen von ihm beschriebenen "Reptilien" gleicht, die "hoffen, die Nachwelt möge sich / an diese alten Herren erinnern". Dessen kann Enzensberger gewiss sein, doch noch sind seine seherischen Kräfte unverzichtbar - auch wenn man Gedichte wie "Ein ominöser Ratschlag" nicht ganz so gern liest: "Überall Schilder mit Warnungen, / Verbote und Menetekel! / Sei versichert, daß es / gegen das Unglück / keine Versicherung gibt."

Stillere Gedankenlyrik findet man im Auswahlband "Das Wort beim Wort genommen" mit Gedichten des Dießeners Philipp Luidl (1930 - 2015), der auch an der Akademie für das Grafische Gewerbe in München Typographie unterrichtete. Typographisch auffällig sind seine meditativen Texte allerdings nicht, in denen oft die Natur aufgerufen wird, um über den Kreislauf des Lebens, Werden und Vergehen nachzusinnen: "Die wolken / herabgeregnet / Der weg zögert / ehe er weitergeht".

Was für ein Gegensatz zur jüngeren Generation! Zu einer Lyrikerin wie Lisa Jeschke (geboren 1985) zum Beispiel, die seit einigen Jahren in München lebt. In ihrer "Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen" geht es viel um den Körper und unsichere Identitäten ("Ich bin eine Frau / Ha Witz! / Die keine Frau ist / Ha Witz! Ich versteh das nicht!"), formsprengend und mit einem Furor, der auch andere Gewissheiten hinwegfegt - zum Beispiel über die Zukunft: "Wollte einen Verifikationscode. Angerufen bei den Demoskopen" heißt es da einmal, und weiter: "Universal-Verlass. Keiner hob ab."

Wo alle Gewissheiten abhanden kommen, hilft vielleicht der Rückzug in die Sprache selbst. Karin Fellner zumindest hofft in "Eins:zum andern" darauf, dass "die Struktur / sich selbst korrigiert, wenn das Ego nicht allzu sehr involviert ist". Sie nimmt die Sprache auseinander, spielt mit ihrer Lautgestalt: Sprache wird da schon mal zur "schsch bra-brach-e", wie man überhaupt die wichtigste Botschaft dieser Gedichte in dem Ausruf sehen könnte: "Sprahahache, ach! bewegtes Gefilde". Das schließt natürlich den Spaß am Spiel ein, denn immer wieder biegen Fellners Gedichte "von der Quetschung in den Quatsch" ab: "Der Kranich, der Kranich, / der kriecht keine Panich!" Wer da nicht zusammengezuckt ist, darf sich eine "Scherzenskrone" aufsetzen.

Hans Magnus Enzensberger/ Jan Peter Tripp: Wirrwarr (Suhrkamp 2020, 141 Seiten, 24 Euro); Philipp Luidl: das wort beim wort genommen (Maro 2019, 167 Seiten, 20 Euro); Lisa Jeschke: Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen (Hochroth 2019, 56 Seiten, 8 Euro); Karin Fellner: eins:zum andern (Parasitenpresse 2019, 68 Seiten, 10 Euro)

© SZ vom 20.03.2020

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