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Literatur:Das letzte Kapitel

Nach dem Tod des Verlegers Hermann Sand stellt die Schriftenreihe "Sollner Hefte" nach 88 Ausgaben ihr Erscheinen ein. Für den umfangreichen Nachlass aus Raritäten und Kuriositäten suchen die Erben nun einen Ausstellungsraum

Alles dreht sich in der aktuellen Ausgabe um die Kirchen und Kapellen des Stadtteils, ihre zahlreichen sakralen Schätze, ihre unverwechselbaren Entstehungsgeschichten. Zum Schluss wäre eine akustische Untermalung angemessen gewesen, ein Abgesang. Denn die Nummer 88 der Sollner Hefte ist definitiv die letzte Publikation dieser Schriftenreihe, die 22 Jahre lang Alteingesessene und Neubürger mit der Historie und den Histörchen, den herausragenden Persönlichkeiten und lokalen Besonderheiten des Viertels im Münchner Süden bekannt gemacht hat. Und nebenbei zur Identitätsfindung vieler Sollner erheblich beitrug.

Das Ende des vierteljährlich erschienenen, ausschließlich durch Anzeigen einer kulturell aufgeschlossenen Geschäftswelt finanzierten Periodikums ist eine Folge des Todes von Hermann Sand im Jahr 2014. Der Publizist, Heimatforscher und Verleger, das zeigt sich jetzt schmerzlich, ist trotz aller unternehmerischer Bemühungen seiner Familie redaktionell schlicht nicht zu ersetzen. Seine Witwe Ingrid Sand, 76, sowie die Kinder Barbara und Hermann jun. zerbrechen sich inzwischen auch den Kopf, was aus dem umfangreichen Archiv und den historischen Gegenständen, die Sand über die Jahre gesammelt hat, werden soll. Ihr Wunsch ist es, einen Ausstellungsraum zu finden, in dem die raren Stücke als Dauerleihgaben der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könnten. Einzelne Exponate würden sie eventuell der Freiwilligen Feuerwehr oder auch der Kirche überlassen.

Schwieriges Erbe: Hermann Sand war so etwas wie Sollns Lordsiegelbewahrer von Relikten jeglicher Couleur.

(Foto: Catherina Hess)

Der Nachlass Hermann Sands gleicht einer wunderlichen Raritäten- und Kuriositätensammlung. Gerahmte Diplome aus grauer Vorzeit, eine deutlich angejahrte Feuerwehrtafel aus Metall sowie ganze Serien von Zeichnungen und Gemälden, etwa von Rudolf Poser und Gotthard Bauer, gehören ebenso dazu wie kunstvoll bestickte Fahnen und deren Bänder. Die eine stammt von 1902 und erinnert an den Katholischen Arbeiterverein Solln-Pullach, die andere fischte der unermüdliche Geschichtsforscher aus dem Fundus eines Gesangsvereins. Der gab sich anno 1920 das Motto "Wahr deutschen Geist in Wort und Sang". Hängt derzeit über dem Tisch des holzvertäfelten Esszimmers.

Fotos und andere Memorabilien aus der Zeit der Eingemeindung Sollns nach München im Jahr 1938, eine Krippe nach Vorlagen des Forstenrieder Heimatforscher-Kollegen Hans Bachsteffel und jede Menge Bücher, deren Inhalt irgendwie mit Solln zusammenhängt, runden ein Erbe ab, das auf eine fast fieberhafte geschichtliche Leidenschaft hindeutet. Alles in allem ist an der Stridbeckstraße eine Quelle ersten Ranges für historisch Interessierte entstanden. Denen hilft Ingrid Sand gern auf die Sprünge, auch wenn die ersten Sollner Hefte bereits vergriffen sind.

Ingrid Sand möchte das Werk ihres Mannes bewahren. Dazu gehören neben vielen anderen Memorabilien und einem großen Archiv auch Urkunden, Gerahmtes und Fotos.

(Foto: Catherina Hess)

Dabei ist Hermann Sand viel mehr gewesen als der Lordsiegelbewahrer von Relikten aus dem Stadtteil. Er hat Impulse gegeben, ohne die das öffentliche Leben längst weitgehend entschlummert wäre. So stand er bei der Gründung des Gewerbevereins "Wir Sollner" ebenso Pate wie beim Aufbau des Künstlerkreises Münchner Süden. Er war einer der Väter der Reihe "Literarischer Herbst" in der Stadtbücherei, gab Anstöße für Weinfest und Christkindlmarkt auf dem Fellererplatz und erfand den "Sollner Bürgerpreis" für jene, die sich ums Viertel verdient gemacht haben. Schließlich rief er auch noch einen Gesprächskreis ins Leben, bei dem betagte Sollner sich im örtlichen Alten- und Service-Zentrum ihrer Vergangenheit erinnern. Ingrid Sand will diese Treffen von Zeit zu Zeit fortführen, anders als ihre Solln-Exkursionen im Auftrag der Volkshochschule Pullach: "Die sind für mich zu anstrengend geworden." Ein Nachfolger hat sich bereits gefunden. Für lokalgeschichtlich interessierte Sollner ist also noch nicht aller Tage Abend.

Die Sands sind 1983 nach Solln gezogen. "Als erstes haben wir uns damals in der Nachbarschaft nach den hiesigen Einrichtungen und deren Geschichte erkundigt", erinnert sich Ingrid Sand. Rasch wuchs eine Affinität zum neuen Umfeld, die zu Engagement in der Erwachsenenbildung und zur Gründung der Sollner Hefte führte. Deren Konzept erwies sich rasch als derart erfolgreich, dass bald ähnliche Titel in Forstenried und Neuhausen-Nymphenburg erschienen. Annähernd so stark wie in Solln war die Resonanz jedoch nirgends. Die Familie schildert in einer "Danksagung" mit "Schlusswort" in der 88. und letzten Ausgabe die Anfänge der Sollner Hefte und deren Arrondierung durch thematisch verwandte Bücher. Bei aller Umtriebigkeit seien "Herz und Begeisterung" Hermann Sands stets in Solln geblieben, heißt es da.

© SZ vom 20.01.2017

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