Eine Frisur muss zum Charakter passen. Wahrscheinlich sind Friseure deshalb oft brillante Menschenkenner. Im Grunde keine schlechten Voraussetzungen, um auch einen Kriminalfall aufklären zu können. So also erschuf der Autor Christian Schünemann den Münchner Starfriseur Tomas Prinz als Ermittler wider Willen. Im dritten "Friseur-Krimi" Schünemanns aus dem Jahr 2009 trifft also der im Glockenbachviertel allseits beliebte Barbier auf Rosemarie, das britische Au-Pair-Mädchen seiner Schwester. Die will Anglistik studieren und schreibt sich an der hiesigen Uni ein. Prinz ist fasziniert von der Welt des Akademischen und beginnt, selbst Vorlesungen zu besuchen. Die gerade einberufene Professorin Mara Markowski wird derweil Opfer mehrerer Anschläge: Zunächst Viren auf dem PC, dann ein toter Fisch hinter dem Schrank und schließlich wird ihr Ehemann, der Dekan des Fachbereichs, ermordet. Tomas Prinz ermittelt, schneidet Haare und tut oft beides gleichzeitig.
Tatsächlich hat der Berliner Autor Christian Schünemann mit Prinz eine erstaunlich feine Ermittlerfigur erschaffen. Zwar fühlt sich dieser in der Münchner Schickeria daheim, ist bekennenderweise schwul und verteilt gerne Bussis. Dennoch hat sich Schünemann bei seiner Konzeption nur weniger Klischees bedient: Prinz ist kein aufbrausender Exzentriker, vielmehr Handwerker, Zuhörer und vor allem messerscharfer Beobachter. Besonders schön zu lesen sind die vielen Szenen aus Prinz' Alltag als Friseur, die Schünemann dank bildhafter Sprache sehr gut erlebbar macht. Köstlich in erster Linie die sinnlichen Beschreibungen seiner Frisur-Kreationen: "Wunderbar zu beobachten, mit welcher Leichtigkeit die Haare im Nacken sprangen und jede noch so kleine Bewegung mitmachten", heißt es an einer Stelle. Die vielen Friseur-Weisheiten, die Prinz an einigen Stellen auf trockene Art platziert, lassen schmunzeln: "Jeder Scheitel hat seinen Platz" etwa. Es klingt, als sei der Autor selbst Friseur. Was nicht stimmt, denn Schünemann studierte Slawistik, arbeitete später unter anderem als Journalist und Storyliner für Fernsehformate wie "Verbotene Liebe".
Trotzdem hat die Figur Tomas Prinz ein sehr reales Vorbild: Den Friseur Ulrich Graf, der noch bis vor einigen Jahren einen Salon in der Hans-Sachs-Straße 10 besaß - genau dort, wo auch Tomas Prinz im Roman wirkt. Das Café Sax genau gegenüber dient darin als schillernde Drehscheibe der Nachbarschaft.
Deshalb dürften vor allem Münchner den Roman mögen. Die präzisen Ortsbeschreibungen des Glockenbachviertels, aber auch Prinz' Lieblingscafé Tambosi am Odeonsplatz wirken authentisch. Zufällig gewählt sind die Schauplätze dabei nicht, konsequenterweise erfüllt jede Handlung die Funktion, dem Täter näherzukommen. Auch die facettenreich gezeichneten Nebencharaktere im Roman wissen zu überzeugen - wie etwa Prinz' treuloser Lebensgefährte im Ausland oder der Student Franz, auf den er stattdessen ein Auge wirft.
Der Plot aber ist auf knappen 250 Seiten zwar stringent, insgesamt aber auch recht flach. Der Verlauf überrascht nur selten. Dafür brilliert Schünemann aber mit klarer, unaufgeregter Sprache. Stets starke Verben lassen Figuren und Setting sehr plastisch wirken. "Die Studentin" wird so auch vor allem Sprachliebhabern gefallen.
Christian Schünemann: Die Studentin , Diogenes, 272 Seiten