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Literatur:Ausgegrätscht

Viele der Formate, die sich Albert Ostermaier ausgedacht hat, sind in Pandemie-Zeiten nicht möglich.

(Foto: Kunstverlust e.V.)

Albert Ostermaier verschiebt das Festival Raise Your Voice in Nürnberg

Von Sabine Reithmaier, Nürnberg

Irgendwie hat Albert Ostermaier es schon geahnt. "Ich fühle mich wie ein Fußballspieler, der mit dem Ball am Fuß auf das Tor zuläuft und in seinem Rücken einen anderen spürt, der zur Grätsche ansetzt", hatte der langjährige Torwart der Autorennationalmannschaft während des Gesprächs im Literaturhaus vergangene Woche seine Gefühle geschildert. Tatsächlich hat das Virus das von ihm initiierte Festival Raise Your Voice (RYV) in Nürnberg auf den allerletzten Metern gestoppt. An diesem Donnerstag hätte das Treffen von 20 Schriftstellern und Literaturkritikern, der künftigen Gruppe 2020, beginnen sollen. Doch angesichts der sich rasant ausbreitenden Pandemie blieb ihm und seiner Mitkuratorin, der Literaturkritikerin Sandra Kegel, nichts anderes übrig, als den lange geplanten Auftakt mit einer öffentlichen Abschlusslesung in der Tafelhalle auf nächstes Jahr zu verschieben. Die Gruppe 2020 tauscht sich einstweilen in einer virtuellen "Factory" aus, bis sie sich voraussichtlich im Mai wirklich treffen kann.

Virtuelle Debatten sind genau das, was Ostermaier eigentlich nicht wollte. Denn kreative Ideen entstehen seiner Ansicht nach seltener in zielgerichteten Debatten, sondern eher nebenbei, im persönlichen Kontakt während des Anstehens um einen Kaffee beispielsweise. Andererseits hält er es für enorm wichtig, gemeinsame Statements zu formulieren. "Wir Vielstimmigen schaffen es ja nie, mit einer Stimme zu sprechen", sagt der Münchner Schriftsteller. Oder wenn, dann erst sehr spät. Was sich in diesen schwierigen Zeiten, in denen nahezu alle kulturellen Institutionen um ihre Existenz fürchten, fatal auswirke, zeige es doch, dass Kultur im Vergleich zum Fußball keine starke Lobby hat, obwohl mehr Leute an einem Wochenende ins Theater gingen als ins Stadion.

Die Aufgabe der Gruppe 2020 sieht Ostermaier auch darin, um gemeinsame Positionen zu den drängenden Problemen der Zeit zu ringen, zu Europa genauso wie zur Situation der Literatur und ihrer gesellschaftlichen Relevanz. Eingeladen hat er unter anderem Friedrich Ani, Nora Bossong, Nuran David Calis, Giulia Caminito, Gian Maria Cervo, Davide Enia, Deborah Feldman, Olga Grjasnowa, Joshua Groß, Christian Metz, Lola Randl, Jüri Reinvere, Kathrin Röggla oder Feridun Zaimoglu - "aber die Gruppe soll weiter wachsen".

Sein wievieltes Festival Raise Your Voice das eigentlich ist? Ostermaier, Jahrgang 1967, schweigt kurz. Eine genaue Zahl habe er nicht parat, sagt er, aber es seien schon etliche gewesen. 2000 startete er poetisch mit Lyrik am Lech in Landsberg, dann entkrampfte er drei Jahre lang mit ABC - Augsburg Brecht Connected die Beziehung der Stadt zu ihrem berühmten Sohn. Es folgte ein Abstecher nach Bad Driburg (Nordrhein-Westfalen), um das Romantik-Festival READ zu kuratieren, bevor er 2015 für das forum:autoren im Münchner Literaturfest zuständig war. Jetzt also RYV in Nürnberg, gedacht als Festival für Demokratie und Vielstimmigkeit. "Ich bin ein Wiederholungstäter", sagt der Schriftsteller und lacht. "Vielleicht mach' ich einfach alle bayerischen Städte durch."

Auch wenn das Organisieren solcher Events viel Arbeit bedeutet, mag Ostermaier Festivals einfach zu gern, um darauf verzichten zu wollen. Sie seien das perfekte Gegenprogramm zu der Einsamkeit und der Ichbezogenheit des Schriftstellers, findet er. "Mich begeistert es, Menschen zusammenzubringen." Dass viele der Formate, die sich der Dichter, als Lyriker und Dramatiker gleichermaßen bekannt, für Nürnberg ausgedacht hat, in Pandemie-Zeiten nicht funktionieren würden, wusste er lang vor der Absage. Aber da er das Literaturfestival, eine Initiative innerhalb der Bewerbung Nürnbergs zur Kulturhauptstadt 2025, wie ein "Crescendo" (Ostermaier) angelegt hat, bedauerte er die Verzögerung zwar. Aber entscheidend sei die allmähliche Verdichtung des Festivals, das Sammeln und Hörbarmachen aller Stimmen der Stadt bis zum Jahr 2025.

Dazu hätte er seine Kollegen beispielsweise gern auf Recherche in Nürnberger Familien geschickt, um deren Geschichten und Visionen aufzuschreiben. "Mir selbst wurde sehr spät bewusst, wie wenig und wie ungenau man die Geschichte der eigenen Familie kennt", begründet er die Idee. Ein anderer Plan ist die Erkundung Nürnbergs aus europäischem Blickwinkel. Dabei gleichen die Autoren ihre vorab formulierten Vorurteile mit ihren tatsächlichen Erfahrungen ab.

Über die Jahre hinweg soll sich die Gruppe 2020 zu einem europäischen Schriftstellerparlament entwickeln. Hofft jedenfalls Ostermaier. Die legendäre Gruppe 47 dient ihm nur bedingt als Vorbild. "Nicht so, dass einer liest und anschließend von den anderen zerstört wird." Er stellt sich vielmehr einen Ort der gegenseitigen Befruchtung vor, an dem vieles stattfindet. "Einmal im Jahr präsentieren wir in Nürnberg dann die Ergebnisse und schaffen für die Zeit des Festivals einen Ort, der einem begehbaren Roman gleicht."

© SZ vom 21.10.2020
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