Süddeutsche Zeitung

Lieferservice:Was "Amazon Fresh" für München bedeuten könnte

  • Marktforscher rechnen damit, dass viele Münchner in Zukunft einen Teil ihrer Lebensmittel im Internet bestellen werden.
  • Von diesem Sommer an will Amazon in München "Amazon Fresh" anbieten und seine Kunden innerhalb von ein bis zwei Stunden mit frischen Lebensmitteln beliefern.
  • Wissenschaftler denken nicht, dass die Lieferdienste künftig Märkte und kleine Geschäfte ersetzen werden.

Von Pia Ratzesberger

Der Markt legt sich zur Ruhe. Manche Händler haben ihre Planen schon über die Standl gezogen, andere verkaufen noch, Meersalz für zwei Euro, Kräuterseitlinge für zwei Euro und 90 Cent. Vorne auf den Bänken klirren die Gläser, Anstoßen zum Feierabend, die Sonne ist noch da.

Man könnte jetzt die Augen schließen und laufen, man würde riechen, was in den Vitrinen liegt, die Oliven, den Bergkäse. Vorne an der Frauenstraße aber fährt gerade die Konkurrenz vorbei, ein Wagen voller Pakete. Einer von diesen Lieferdiensten, die so manche fürchten, die um ihre Supermärkte bangen, vielleicht auch um ihre Marktplätze. Dabei könnte eine Stadt voller Lieferwege eine bessere sein.

Mehr und mehr bestellen sich die Münchner nach Hause, schon lange nicht mehr nur Bücher und Turnschuhe, sondern auch Mahlzeiten, manchmal selbst die Wocheneinkäufe. Die Supermärkte Edeka und Rewe bieten unter anderem an, Milch und Brot und Joghurt zu liefern. Auch Amazon hat für manche seiner Kunden einen Supermarkt im Internet eröffnet, solche Premium-Mitglieder zahlen 8,99 Euro im Monat.

Amazon liefert schon seit längerem Lebensmittel. Vom Sommer an will der Konzern mit "Amazon Fresh" auch leicht verderbliche Waren an die Haustüre bringen, innerhalb von ein bis zwei Stunden geliefert aus den Kühlregalen aus einer neuen Halle in Daglfing, im Osten der Stadt.

Noch bestellen die Münchner nicht einmal ein Prozent aller verkauften Lebensmittel im Netz, doch gerade weil die Zahl so niedrig liegt, rechnen Marktforscher mit einem Anstieg auf bis zu zehn Prozent in den kommenden Jahren. In anderen Sparten beträgt der Anteil längst um die 20 Prozent, bei Technik oder bei Mode zum Beispiel; die Konzerne wissen also, wo noch Potenzial liegt. Bei den ermatteten Großstädtern zum Beispiel, die am Abend nur noch Tasten drücken müssten statt den Einkaufswagen durch die Gänge zu schieben; auch wenn Nostalgiker gerne behaupten, ein solcher Einkauf sei doch bewahrenswert.

Nun ist an Orten wie dem Viktualienmarkt der Einkauf wirklich noch ein Erlebnis, so wie die Supermärkte das gerne hätten und in ihrer Werbung versprechen. Selbst der Discounter Aldi Süd hat im vergangenen Jahr in Unterhaching "eine Filiale der Zukunft" vorgestellt, mit Sitzbank und Kaffeeautomat statt Paletten, trotzdem wird das wohl kein Ort der großen Erlebnisse sein.

Einkauf am Feierabend bedeutet meist eben nicht über den Markt zu flanieren und am Standl zu probieren, sondern sich mit anderen zwischen Regalen zu drängen wie an heißen Tagen auf der Wiese bei der Reichenbachbrücke, es gibt da einige Parallelen: schwitzende Körper, lautes Fluchen, Gespräche am Handy, die niemand hören will und jeder hören muss.

In einem Discounter hat der Herr an der Kasse stets schon alle Waren über das Band gezogen, bevor man es selbst bis zum Kartenlesegerät geschafft hat, Einkauf ist hier vor allem ein schnelles Erlebnis. 30, 40, 50 Artikel schieben Kassierer mittlerweile in einer Minute über den Scanner. Nicht mehr in den Supermarkt zu müssen, wäre also durchaus entspannend.

Nicht nur für die Münchner im Übrigen, auch für ihre Umwelt. Vor drei Jahren haben Ingenieure an der Washington University einmal verglichen, ob mehr Kohlenstoffdioxid in die Luft geht, wenn ein Lieferwagen unterwegs ist oder die Leute jeweils mit ihren Autos einkaufen. Die Transporter konnten den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid um mindestens die Hälfte reduzieren, je nach Route.

Auch in einer Stadt voller Boten wird es immer Händler geben

Vielleicht gibt es am Ende sogar weniger Müll. In manchen Regalen liegen noch bis kurz vor Ladenschluss immer wieder frische Brote, frisches Obst, noch einmal neue Ware. Nur des Anblicks wegen füllen die Verkäufer die Theken auf, sobald sie die Lichter löschen, landet so manches im Müll. 20 Prozent aller Abfälle in der Stadt sind Lebensmittel.

Das liegt sicher auch daran, dass jeder Münchner im Jahr selbst mal eben 82 Kilo in die Tonne wirft, mehr Lieferdienste und weniger Müll aber könnten eine gute Rechnung sein, vorausgesetzt die Unternehmen verpacken ihre Waren klug und sparsam. Immerhin geben die meisten Supermärkte in München schon jetzt keine Tüten aus Plastik mehr ab, nur gegen Entgelt.

Nun bringt selbst der forderndste Einkauf manchmal auch nette Begegnungen mit sich, einen Plausch an der Frischetheke, einen Schwatz an der Kasse mit dem Nachbarn von schräg gegenüber, bei dem man es sonst nie schafft zu klingeln. Wenn jedem das, was er braucht, vor die Tür geliefert wird, verschwinden nicht nur lästige Aufgaben, sondern auch solche Szenen. Andererseits hätten die Münchner mehr Zeit, um sich Zeit zu nehmen. Sich vielleicht ins Café zu setzen, und sich nicht nur nebenbei zu unterhalten, zwischen Lyoner und Speck.

Um die Marktplätze außerdem muss keiner fürchten, auch in einer Stadt voller Boten wird es immer noch Händler geben, prognostizieren Wissenschaftler. Die kleinen Geschäfte werden bleiben, in die Leute wegen der gebackenen Rosinenschnecken gehen oder der Verkäuferin, die sie schon Jahre bedient.

Es wird viele sehr große geben und viele sehr kleine, heißt es unter anderem am Fraunhofer-Institut, wo man auf einer eigenen Ladenfläche in Nürnberg neue Ideen testet. Auf der einen Seite die riesigen Sortimente, vielleicht vor allem Online, ausgeliefert von Boten. Auf der anderen Seite die kleinen Geschäfte, die Standl am Markt, Tante-Emma-Läden in den Stadtvierteln, möglicherweise mehr als jetzt.

Wohnen in alten Verkaufsräumen

Noch sind die Preise in den digitalen Supermärkten ohnehin zu hoch, wer zum Beispiel bei Rewe bestellt, zahlt für einen Einkauf im Wert von 40 bis 80 Euro mindestens 3,90 Gebühr, je nach Tageszeit, manchmal auch 5,90 Euro. Amazon verlangt den Mitgliedsbeitrag von neun Euro im Monat, wer innerhalb von einer Stunde seine Tüten haben will, muss noch einmal 6,99 Euro drauflegen. Je mehr Menschen bestellen werden, desto weniger werden die Firmen in den kommenden Jahren an Gebühren verlangen - und desto mehr werden wiederum bestellen.

Selbst bei zwei Münchner Ärgernissen aber könnten die Lieferdienste helfen. Zum einen bei den Wohnungen. Sollten manche Supermärkte in der Stadt tatsächlich irgendwann nur noch lagern und liefern, wäre mehr Platz, es gäbe wieder freie Flächen mitten in der Innenstadt, es könnte neue Wohnungen im Tal entstehen, am Hauptbahnhof, am Ostbahnhof, am Rosenheimer Platz. Architekten könnten sich ausprobieren, in alten Verkaufsräumen und früheren Kühllagern.

Zum anderen könnten die Lieferdienste auch bei einem zweiten, viel besprochenen Münchner Problem helfen: den Öffnungszeiten. Online nämlich ist nie geschlossen, auch geliefert wird nach 20 Uhr, Amazon zum Beispiel liefert von Montag bis Samstag, von acht Uhr morgens bis zwölf Uhr nachts, nur am Sonntag nicht. Vielleicht noch nicht.

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Quelle:
SZ vom 25.03.2017/amm
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