Lieblingsdings:Das dunkle Klassenzimmer

Lesezeit: 2 min

Lieblingsdings: Dana von Suffrin hat ein Gemälde von ihrer Schwester geschenkt bekommen. Es ist so groß, dass es nur an einem einzigen Ort in ihrer Wohnung Platz hat - über dem Sofa.

Dana von Suffrin hat ein Gemälde von ihrer Schwester geschenkt bekommen. Es ist so groß, dass es nur an einem einzigen Ort in ihrer Wohnung Platz hat - über dem Sofa.

(Foto: Catherina Hess)

Schriftstellerin Dana von Suffrin hat von ihrer Schwester ein Gemälde geschenkt bekommen. Es ist riesig, es ist düster und unvollendet. Gerade deshalb mag sie es so gern.

Von Clara Löffler

Aus allen Wolken sei Dana von Suffrin gefallen, als sie das Bild in ihrer Wohnung fand. Das war an ihrem 33. Geburtstag. Über ein Jahr lang hatte ihre Schwester daran gearbeitet. "Das war das erste großformatige Bild, das sie gemalt hat. Während des Entstehungsprozesses habe ich es immer wieder gesehen, und es hat mir total gut gefallen", erinnert sich Suffrin. Und an diesem Geburtstagstag überraschte ihre Schwester sie und schenkte es ihr.

Seitdem hängt es bei der Schriftstellerin und Historikerin in der Wohnung. Während eines Telefonats sitzt die inzwischen 37-Jährige am Schreibtisch und kann es von dort aus betrachten. Etwa 2,20 Meter auf 1,80 Meter groß ist das Bild und hat deshalb nur an einem einzigen Ort Platz - über dem Sofa. Trotzdem stößt es fast an der Decke an.

Es ist ein düsteres Werk: Eine Schulklasse sitzt an dunkelbraunen Holzpulten. Die Gesichter der Kinder sind weiß, ihre Blicke leer. Gelbe Striche ragen wie Stricke aus ihren Köpfen. Die schwarzen Kleider sehen aus wie Uniformen. Boden und Wände sind beinahe schwarz. "Die tote Klasse" heißt das Acrylgemälde. Suffrin nimmt an, dass es eine Referenz auf die 1930er- oder 40er-Jahre darstellt. Sie selbst stammt aus einer jüdischen Familie, der Großteil ihrer Verwandten überlebte den Holocaust nicht. Davon handelt auch Suffrins Romandebüt "Otto", das im Jahr 2019 erschien und seitdem mehrfach ausgezeichnet worden ist.

Lieblingsdings: Trotz seiner bedrückenden Atmosphäre hat das Bild für Dana von Suffrin etwas Vertrautes. Eines der Kinder hat die Gesichtszüge ihres Vaters.

Trotz seiner bedrückenden Atmosphäre hat das Bild für Dana von Suffrin etwas Vertrautes. Eines der Kinder hat die Gesichtszüge ihres Vaters.

(Foto: Catherina Hess)

Was das Bild tatsächlich ausdrücken soll, darüber hat sie mit ihrer Schwester nie gesprochen. "Ich vermute, dass sie das Motiv geträumt hat. Aber ich versuche gar nicht, so viel hineinzuinterpretieren", sagt sie. Für Suffrin habe das Bild in erster Linie etwas sehr Tröstliches und Vertrautes - trotz seiner bedrückenden Atmosphäre. Wohl auch, weil eines der Kinder die Gesichtszüge ihres Vaters trägt.

Und noch etwas gefällt ihr besonders gut daran: "Das Bild ist nicht perfekt. Es hat zum Beispiel eine perspektivische Schwäche. Ich sehe auch, dass meine Schwester seitdem schon große Fortschritte gemacht hat." Ihre Schwester habe das Werk immer als unvollendet wahrgenommen, erzählt Dana von Suffrin. An der hinteren Wand des Klassenzimmers sind Bilder angedeutet, die ihre Schwester aber wieder übermalt hat. Suffrin stört das nicht: "In der Kunst wird nie etwas richtig fertig." Aber die unvollkommenen Dinge, sagt sie, seien ohnehin viel besser als die perfekten.

In "Lieblingsdings" erzählen Menschen, woran ihr Herz hängt, was sie durchs Leben begleitet, ihnen Glück bringt und wovon sie sich niemals trennen würden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema