Sie rasiert sich eine Glatze und setzt eine Perücke auf, sie verschenkt all ihre Sachen und kauft neue Kleider und Möbel: Gaia versucht, sich radikal zu verwandeln. Und das mit einem klaren Ziel: Sie will exakt so werden wie ihre Ex-Freundin. Denn seit die sich trennte, ist Gaia untröstlich in ihrem Liebeskummer. Und ihre Anverwandlung ist eine sehr spezielle Art von Exorzismus – „ich gleiche dir immer mehr, und das berührt mich“.
Dass diese Ich-Erzählerin extrem ist, und auch extrem gefährdet, wird schon auf den ersten Seiten des neuen Romans von Maddalena Fingerle klar. „Mit deinen Augen“ heißt er, und wie bei Fingerles gefeiertem Debüt „Muttersprache“ setzt er auf einen markanten Tonfall: Willkommen in der Gedankenwelt einer übersprudelnden jungen Frau, die ziemlich durcheinander ist. Und die verrückte Dinge tut, um nicht verrückt zu werden.
Maddalena Fingerle weiß, wie man psychische Ausnahmesituationen stimmig in Sprache überführt. Mit Sprache umgehen kann sie sowieso – und zwar mit mehr als einer. Die 1993 in Südtirol geborene Autorin, die in München Germanistik und Italianistik studiert hat, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU und lebt seit Jahren im Allgäu. Selbstredend spricht sie hervorragend Deutsch, schreibt aber in ihrer italienischen Muttersprache.
Nun kann man ihren im vergangenen Jahr erschienenen zweiten Roman in einer adäquat schnell fließenden Übersetzung Viktoria von Schirachs auch auf Deutsch lesen. Und damit auch einige Beobachtungen aus italienischer Perspektive über München und die Deutschen – zum Beispiel, dass die keine Komplimente machen und Kürbisse am Straßenrand tatsächlich bezahlen.

Literatur:Hadern mit der schmutzigen Sprache
Für ihren Debütroman "Muttersprache" wurde Autorin Maddalena Fingerle schon vor Erscheinen in Italien ausgezeichnet. Auch in der Übersetzung ist der Furor spürbar, mit dem sie mit ihrer Heimatstadt Bozen abrechnet.
Denn Fingerle stattet ihre Ich-Erzählerin mit einer italienischen Familie aus, die in München lebt. Es sind Akademiker mit Geld und Dünkel, aber wenig Gefühl füreinander, der einzige Wärmepol ist die Haushälterin. Tochter Gaia ist früh aus dem Haus geflüchtet, sie wohnt jetzt in einem schimmeligen Appartement, dessen Miete sie von ihrem Bank-Job stolz selbst bezahlt. Sie will unabhängig sein und wird die Familie doch nicht los: Jeden Sonntag muss die bald 30-Jährige zum freudlosen Mittagessen zu Hause antanzen. Doch so sehr sie mit den Eltern und dem Bruder hadert – trotz allem verkörpern sie auch Halt.
Maddalena Fingerle hat einen schillernden Roman über die Selbstfindung (samt Therapie) einer verstörten jungen Frau geschrieben, die auf der Suche nach der eigenen Identität Normen sprengt. Sie liebt „Dinge, die nach Instabilität und Freiheit aussehen“. Sie lehnt die großbürgerliche Welt der Eltern ab, und sie lebt ein anderes Liebeskonzept. „Pudore“ hieß der italienische Titel des Romans, „Scham“: Denn Gaia wagt nicht, ihren Eltern zu sagen, dass sie Frauen liebt. Und muss ertragen, dass die sie immer wieder mit potenziellen Heiratskandidaten nerven.
Das wirkt wie manches in diesem Roman etwas konstruiert und überdeutlich – muss die Ich-Erzählerin zum Beispiel auch noch an Nesselsucht leiden, einer durch den Stress ausgelösten juckenden Allergie? Doch die soghafte Sprache treibt einen durch die nur 200 Seiten – und die Sorge um diese verhaltensauffällige Frau, die nicht immer gute Ideen hat. Führt ihr exzessives Verhalten in die Katastrophe oder ist es der Schlüssel zur Heilung? Eine Glatze zumindest muss kein Schicksal sein, Haare wachsen nach.
Maddalena Fingerle: Mit deinen Augen. Aus dem Italienischen von Viktoria von Schirach. Luchterhand Verlag, 221 Seiten, 22 Euro. Buchvorstellung in München bei Il Fest, Samstag, 25. Oktober, Theater im Fraunhofer

