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Liebesdrama:Wenn die Nachbarin zweimal klingelt

In "Wir beide" geben Barbara Sukowa und Martine Chevallier ein Frauenpaar in Nöten. Der Film lebt von der Beobachtungsgabe des Regisseurs und dem nuancierten Spiel der Hauptdarstellerinnen.

Von Josef Grübl

Film Still

Liebende mit Geheimnissen: Nachbarin Nina (Barbara Sukowa).

(Foto: Paprika Films)

Die Liebe ist ein seltsames Versteckspiel, zumindest im Spielfilmdebüt des Italieners Filippo Meneghetti: In Wir beide erzählt er von zwei älteren Damen, die schon lange zusammen sind, daraus aber immer noch ein Geheimnis machen. Vor allem Madeleine (Martine Chevallier) will nicht, dass ihre erwachsenen Kinder etwas von der Beziehung zu Nina (Barbara Sukowa) erfahren. Offiziell sind die Französin und die Deutsche nur Nachbarinnen, inoffiziell stehen die gegenüberliegenden Wohnungstüren aber Tag und Nacht offen. Das Frauenpaar träumt sogar von einem gemeinsamen Leben in Rom - dort lernten sie sich vor vielen Jahren kennen, Nina war Reiseführerin, Madeleine in ihrer Gruppe. Doch für manche Träume im Leben ist es irgendwann zu spät: Madeleine hat einen Schlaganfall, an eine Reise oder gar einen Umzug ist nicht mehr zu denken.

Schlimmer noch: Jetzt rächt sich ihr Versteckspiel, da keiner etwas von ihrer Beziehung weiß. Madeleines Tochter lehnt Ninas "Nachbarin"-Hilfsangebote ab und engagiert eine Pflegerin, aus dem Liebesdrama wird ein Thriller: Stundenlang steht Nina am Türspion ihrer Wohnung und wartet darauf, dass die Pflegerin das Haus verlässt und sie zu ihrer Liebsten kann. Der Film lebt von der Beobachtungsgabe des Regisseurs und dem nuancierten Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen. Vor allem Barbara Sukowa ist eine Wucht: Ihre Trauer ist ebenso nachvollziehbar wie ihre Wut. Man leidet mit ihr, als sie abgewiesen wird und freut sich, dass sie sich trotzdem nicht unterkriegen lässt. Einmal blafft sie einen Mann auf der Straße an: "Haben Sie ein Problem mit alten Lesben?" Als dieser den Kopf schüttelt, huscht ihr ein Lächeln übers Gesicht.

Wir beide, Regie: Filippo Meneghetti

© SZ vom 06.08.2020

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