Lichterkette in München In drei Reihen für das Miteinander

Ein stilles Zeichen des Zusammenhalts: 15 000 Münchner verbinden sich zu einer Lichterkette quer durch die Stadt.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • 15 000 Münchner nehmen an der Lichterkette durch die Innenstadt teil, die fünf Gotteshäuser miteinander verbindet. Sie wollen damit ein Zeichen für Frieden und Toleranz setzen.
  • Nach knapp einer Stunde ist die Lichterkette geschlossen. Sie bleibt es knapp eine Viertelstunde lang.
  • Der München Pegida-Ableger, Bagida, versammelt rund 350 Demonstranten. Ihnen stehen 800 Gegendemonstranten gegenüber.
Von SZ-Reportern

Und plötzlich geht es ganz schnell: Eben haben sie an der Sendlinger Straße noch debattiert, ob hier denn jetzt auch die Friedenskette entlanggehe oder nicht; selbst die Ordner wissen nicht so recht Bescheid. Doch dann werden es immer mehr Menschen, mit Kerzen, Taschenlampen, Laternen, Stirnlampen, manche haben sogar die Lichterkette von ihrem Christbaum dabei - und plötzlich ist da Lichterkette in diesem Teil der Fußgängerzone, ganz gleich, was die offiziellen Pläne vorsehen. Eine Frau mit Lampion sagt: "Jetzt brauch ma bloß no singa."

Zeichen für Toleranz

Friedenskette durch die Münchner Innenstadt

Montagabend in München: Es soll ein Zeichen sein, ein Bekenntnis für Frieden, Toleranz und Versöhnung unter den Religionen. Tausende sammeln sich, um quer durch die Münchner Altstadt eine Friedenskette zu bilden, die Polizei spricht von 15 000 Teilnehmern. Fünf Gotteshäuser verbinden sie miteinander, von der griechisch-orthodoxen Salvatorkirche im Norden bis hin zu St. Matthäus im Süden. Das Wetter ist nasskalt, Schnee wirbelt durch die Luft. Gut dran ist, wer sein Teelicht im Glas hat. Oder einen Windschutz aus Plastik, so wie der Münchner Albert Knoll. Der hat außerdem einen Rucksack voller Kerzen dabei. "Haben Sie davon noch welche?", das wird er hier in der Sendlinger Straße immer wieder gefragt. Und Knoll verteilt sie gerne, Kerzen wie Windschutz.

Nirgendwo war noch Platz in der Kette

Der Jakobsplatz vor der Synagoge füllt sich bereits um kurz nach sieben Uhr rasch, noch bevor die Aktion beginnt. An St. Michael in der Fußgängerzone sind die Einkaufsflaneure um diese Zeit bereits in der Minderheit. An der Sendlinger Straße stehen sie quasi an, um teilnehmen zu können. In der Hotterstraße - dort sitzt das Münchner Forum für Islam - stehen sie in drei Reihen. Gleich neben dem Gebetsraum trifft sich ein Pärchen, er ist vom Sendlinger Tor gekommen, sie von der Michaelskirche. Nirgendwo war noch Platz in der Kette, so berichten sie sich gegenseitig. Muslime recken Wunderkerzen in die Höhe und wünschen sich Frieden. Dann sagt Iman Benjamin Idriz, er interpretiere nun das Vater Unser auf Arabisch. Als er den Gesang anstimmt, hört man keine einzige Stimme mehr in der Hotterstraße.

Bagida Worte voller Hass
Bagida und die Neonazis

Worte voller Hass

Nein, sie seien nicht ausländerfeindlich, betonen die Anhänger von Bagida immer wieder. Die Szene der Islamfeinde aber ist geprägt von Rassismus und Hetze - auch gegen die geplante Moschee in München.   Von Andreas Glas und Bernd Kastner

Gegen halb acht Uhr ist die Lichterkette geschlossen. Für eine Viertelstunde nur, das ist der Plan. "Das ist ein stilleres Zeichen heute für Toleranz und gegenseitigen Respekt", sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter, der Schirmherr. "Wir stehen für eine tolerante Stadt, die die Religionen verbindet und nicht trennt." Bereits eine halbe Stunde vor dem Beginn hat er sich mit den Vertretern aller beteiligten Religionen und Konfessionen, mit Juden, Christen und Muslimen, auf dem Marienplatz getroffen, um die ersten Kerzen zu entzünden.

Bagida sammelte sich auf dem Goetheplatz

Initiiert haben die Friedenskette zwei Münchnerinnen, Beatrix Jakubicka-Frühwald und Gisela Jahn. Sie hatten die Idee dazu bereits im Herbst - unter dem Eindruck der Gräueltaten in Syrien und Irak und lange bevor Pegida und auch ihre Münchner Ableger begannen, gegen eine vermeintlich drohende Islamisierung des Abendlandes zu demonstrieren. Auch die sammeln sich am Montagabend erneut, ihr Treffpunkt ist der Goetheplatz.

Ein gutes Stück weg von der Altstadt, wo in diesem Moment Tausende Lichter brennen. Die Polizei spricht von 350 Teilnehmern am Bagida-Aufmarsch und etwa 1000 Gegendemonstranten. Gekommen sind offenbar auch wieder einige der Polizei bekannte Neonazis. Am Goetheplatz werden professionell hergestellte Plakate verteilt. Auf einem ist zu lesen: "Wir, nur wir sind das Volk, und geben nun den Takt an. Ihr dort oben - Heuchler, Lügner, Vaterlandsbetrüger - unser Anfang mit Pegida läutet euer Ende ein." Die Polizei konfisziert es wegen des Verdachts auf Verunglimpfung des Staates. Der Islam-Hasser Michael Stürzenberger verliest am Ende eine Liste mit den Adressen von Asyl-Unterkünften. Nach jedem Eintrag ruft er: "Wollt Ihr das?" Die Bagida-Demonstranten antworten: "Nein!"

Die Menschen von der Friedenskette sind da bereits auseinander gegangen. Manch einer hat gesagt, ihm sei in der Kälte das Herz gewärmt geworden von so vielen Menschen. Wenn es 15 000 Teilnehmer waren, waren es weit mehr, als erwartet.